Stinkt Rosa?

Immer wieder mal höre ich von Bekannten, der Feminismus wäre ihnen prinzipiell schon irgendwie sympathisch, zumindest Teile davon. Wenn nur, ja wenn nur nicht jene Ablehnung des „Femininen“ wäre. Das Ganze gipfelt dann oft in der Aussage „also ich mag ja Rosa und Glitzer, das will ich mir nicht verbieten lassen“ oder auch „meine Tochter mag eben Rosa, soll ich es ihr verbieten?“


Wenn ich dann genauer nachfrage, kommt fast immer heraus, dass es sich bei dieser Vorstellung um eine Mischung aus gängigen Vorurteilen gegenüber Feministinnen (tragen alle nur Jeans und Holzfällerhemd und schminken sich nicht) und diverser Überschriften diverser Zeitungsartikel handelt, gekrönt von der Feststellung, da gäbe es doch „irgendwie diese Gruppe, und die heißt doch ‚Pinkstinks‘, also ‚Rosa stinkt‘ „. Nun hat Pinkstinks ja zu der Rosafrage eine recht differenzierte Einstellung, wie man z. B. diesem Artikel entnehmen kann, aber leider kommt anscheinend bei Personen, die sich allenfalls sehr oberflächlich mit dem Thema Feminismus beschäftigen letzten Endes an, dass „der Feminismus“ Rosa, Glitzer, süße Dinge, Küchlein, Flitter und ähnliches kategorisch ablehnen würde oder allenfalls für Jungen und Männer adäquat fände.


Ist das so? Im Feminismus der 70er bis 80er Jahre gab es diese Tendenz im Sinne einer Auflösung von Rollen durchaus. Damals ging es dann aber auch eher darum, Kinder generell möglichst bunt zu kleiden, Mädchen wie Jungen und nicht um eine Verkehrung der Geschlechter. Das ist aber nun einige Zeit her. Ist Rosa aber im heutigen Feminismus tatsächlich „schlecht“, sozusagen the ultimative evil?


Ganz ehrlich? Die Frage ist genauso sinnig wie die Frage „ist Grün schlecht?“ Rosa ist erstmal nur eine Farbe. Problematisch wird es erst, wenn diese spezielle Farbe mit anderen Attributen vermischt wird (niedlichen Tieren, Blümchen, Schleifchen etc.) UND (!!!) dieses ganze Paket dann einem Geschlecht als obligatorisch zugewiesen wird, während es dem anderen quasi verboten wird. Das allein ist der Kasus Knacktus. Nicht die Farbe, nicht das Glitzer, nicht die süßen Tierchen für sich, sondern die Aussage „Wer rosa trägt, ist süß und niedlich und klein … und selbstverständlich ein Mädchen.“ Ich wiederhole mich, ab dann und erst DANN wird es problematisch. Wenn mit einer Farbe bestimmte Charaktereigenschaften verbunden werden und diese dann dem einen Geschlecht zugeschrieben UND dem anderen gleichzeitig verboten werden. Nein, nicht verboten in dem Sinne einer gesetzlichen Regelung. Sondern verboten in dem Sinne, dass bereits kleine Jungs mit rosa Sandalen kritisch beäugt werden – „SO lässt du ihn raus?“ Dass irgendwie eine „Verschwulung“ durch ein simples rosa Shirt an einem Jungen befürchtet wird (und warum eigentlich wäre das derart schlimm?). Dass schon die Verkäuferin im Laden sagt „Das sind aber Mädchensandalen, die sind nichts für dich.“


Es sind Fragen nach sterotypen Vorstellungen von Geschlecht, die sich der moderne Feminismus stellt. Und deshalb ist Rosa nicht schlecht und Glitzer nicht schlecht. Rosa ist eine Farbe. Eine hübsche Farbe, wenn man mich fragt (und auch die Leute von Pink stinks, so nebenbei). Glitzer finden fast alle Kinder toll – ich sage deswegen Kinder, weil ich noch kaum einen Jungen erlebt habe, der nicht jede „legale“ Möglichkeit zum Beglitzern nutzt – das Weltraumthema ist da sehr beliebt.


Also zieht Rosa an, so viel ihr wollt. Tragt Glitzerschmuck und esst süße Cupcakes – no problem at all. Aber verdammt nochmal erzählt einem Mädchen nicht, dass es ohne Rosa „kein richtiges Mädchen“ wäre oder einem Jungen nicht, dass mit ihm irgendwas nicht stimmt, weil er das rosa Shirt viel besser findet als das graue.

Ach, und übrigens: Ein rosa Shirt mit nem Hai drauf wäre mal so richtig cool. Warum eigentlich nicht?


Fazit: Muss ich mich laut Feminismus dafür schämen, Rosa zu mögen und „feminines“ Verhalten zu zeigen? Natürlich nicht! Muss ich mich laut Feminismus dafür schämen, andere Menschen oder gar Kinder anzugreifen und maßzuregeln, weil sie sich nicht rollentypisch verhalten? Muss ich mich dafür schämen, solchen Menschen (und seien es die eigenen Kinder) zu vermitteln, dass mit ihnen „etwas nicht stimmt“? Aber Holla die Waldfee – ja, natürlich!

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8 Gedanken zu “Stinkt Rosa?

  1. Der Krieg dort wird über die Kinder ausgetragen. Bei Mädchen soll rosa eine Festlegung auf Rollen bewirken. Weil die anscheinend sonst nicht merken würden, das Jungs und Mädchen im schnitt anders ticken. Es ist eine Ausprägung der nicht zutreffenden Theorie der rein sozialen Konstruktion der Geschlechter

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  2. Mal wieder voll auf den Punkt gebracht. Vielen Dank!

    Offensichtlich gibt es ja noch andere Menschen, die denken wie ich. Wo sind die bloß in meinem Alltag? Warum ecke ich in meinem Umfeld selbst bei Leuten, die ich als liberal und aufgeschlossen bezeichnen würde, mit Hinweisen auf den kleinen Alltags-Sexismus an? Ich bekomme dann Antworten wie „sei doch nicht so kleinlich“ oder „das ist doch nicht so ernst gemeint“. (Übrigens genau dasselbe beim kleinen Alltags-Rassismus).

    Also nochmals danke, dass du auch meine Meinung vertrittst!

    hataibu

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  3. Die Festlegung auf Geschlechterrollen ist auch in meinem Umfeld extremst verbreitet. Bei Mädchen etwas weniger als bei Jungen, aber auch. Für Jungs ganz, ganz übel. Ich gebe sogar zu, dass ich auch manchmal in dieses Denken verfalle. Stichwort „ausgeschlagener Zahn“. Meine Kinder sind sehr wild. Beim Großen dachte ich „Naja, irgendwie verwegen, so ne Zahnlücke“. Beim Mädchen „Ups, das hübsche Lächeln, vielleicht doch überkronen?“ (dabei hat der Große genau so ein schönes Lächeln). Ich muss das sogar bei mir immer wieder hinterfragen. Das ist komplett drin, es umgibt uns Tag für Tag. Mein Lieblingsmaskulist Christoph Kucklick nennt das „wir werden förmlich geimpft mit Geschlecht“.

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  4. „Ich muss das sogar bei mir immer wieder hinterfragen“

    Ja, das geht auch mir regelmäßig so. Auch in anderer Hinsicht, z.B. dunkle Haut, Kopftuch etc.
    Aber je mehr ich mir dessen bei mir selber bewusst werde, desto mehr fällt es mir auch bei anderen auf.
    Darauf angesprochen reagieren aber die Wenigsten nachdenklich. Meistens wird nur versucht es herunterzuspielen oder ins Lächerliche zu ziehen.

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    1. Ich denke, da muss man letzten Endes immer einen Mittelweg finden. Selbstreflexion finde ich sehr wichtig, übertriebens PC finde ich aber auch merkwürdig. Ich erinnere mich noch, als einige Kommilitonen m/w an der Uni beklagten, Männer, die Frauen die Türe aufhielten, wären übel sexistisch, weil sie Frauen wie kleine Kinder behandelten und entmündigten. Das war mir dann wieder deutlich zu viel, weil sicher kein Mann bei halbwegs klarem Verstand davon ausgeht, eine erwachsene Frau könne keine Türe öffnen und es insofern bei den meisten sicher eine Geste der Höflichkeit und des Respekts ist.

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