Bisexuelle? Sind das nicht die, die alles vögeln?

Okay, das hier wird ein sehr persönlicher Artikel, weil es ein Thema ist, mit dem ich selbst lange gerungen und gehadert habe.


Bisexuelle*, also. Das Thema hat, gemessen an Themen zu Hetero- und Homosexualität, anscheinend wenig gesellschaftliche Relevanz. Bisexualität wird selten thematisiert, selten erforscht und selten beschrieben.
Und wenn doch, dann auf denkbar klischeehafte Art und Weise. In Filmen, selbst wenn es so gute sind wie „better than chocolate“, sind Bisexuelle meist sexuell extrem freizügige Menschen, die irgendwie „alles“ nehmen. In Pornos sind sowieso alle Frauen bi, die Männer allerdings nie (zumindest kenne ich keinen einzigen Fall).


Entsprechend fallen die Reaktionen aus: Bei heterosexuellen Männern oft ein anzügliches Grinsen und „Cool, ich wollte schon immer mal nen Dreier“, bei heterosexuellen Frauen oft ein ängstliches Gesicht der Sorte „Sie will mich doch jetzt hoffentlich nicht anmachen“, bei homosexuellen Männern oft ein freundlich gemeinter Spruch der Sorte „Ach, Du wirst dich schon noch finden“, bei homosexuellen Frauen oft ein genervtes „Nichts gegen dich, aber bi geht einfach gar nicht“. Bei konservativen Personen meist ein „Igitt“.


All das trifft es nicht. Weder sind Bisexuelle allzeit bereit oder nehmen alles, was nicht bei 3 auf den Bäumen ist, noch sind sie prinzipiell auf der Suche nach ihrer „wahren Identität“, wie es von schwulen Männern wohl teils vermutet wird (so zumindest meine Erfahrung). Die lesbische Reaktion verstehe ich teilweise, weil es einfach nervt, von echten oder pseudo bisexuellen Frauen angemacht zu werden, der Art „Mit ner Frau ist ein Seitensprung okay, sagt mein Mann“ oder „Darf mein Freund dann auch mal zugucken?“. Solchen „Bisexuellen“ könnte ich, ganz pragmatisch, manchmal echt eine reinhauen, weil sie offenbar 0 Feingefühl haben und massiv dazu beitragen, dass unser Image derart schlecht ist.


Nun werden mich Leser mit Sicherheit auf Studien aufmerksam machen, die für bisexuelle Menschen eine höhere Anzahl an Sexualpartnern ausgemacht haben, als für heterosexuelle. Ich kann nur aus meiner eigenen Erfahrung gegenhalten, aber ich verwette meinen linken Fuß darauf, dass diese Zahlen wesentlich dadurch bedingt sind, dass Personen, die selbst eher konservativ sind oder in einem solchen Umfeld wohnen, sich in solchen Umfragen nicht als Bisexuelle „outen“.


Ich kenne das von mir selbst. Aufgewachsen in konservativ-katholischem Umfeld, wusste ich eigentlich irgendwie schon immer, dass ich nicht auf ein Geschlecht festgelegt bin. In ganz jungen Teenie-Jahren war das kein so großes Problem, weil der Umgang mit dem eigenen Geschlecht da noch bei sehr vielen ein bisschen in die Richtung „ich bin fast verknallt in meine BF“ ging. Trotzdem habe ich, wie die anderen Mädchen, „richtig“ nur über Jungs gesprochen, bin zurückgeschreckt, als mich mal ein anderes Mädchen in meinem Alter offen angemacht hat (gut, sie war auch nicht mein Typ). Danach, das war so von 16 bis 22, habe ich mir eingeredet, ich hätte sowas wie „ne Phase“. Ich verliebte mich, wie es in dem Alter eben so ist, öfter mal, in Frauen wie Männer. Und während meine Kommilitoninnen reihenweise für irgendwelche Proffs schwärmten (ja, ehrlich), verliebte ich mich als junge Studentin sehr ernsthaft in eine Professorin** (Himmel, irgendwie puchert es noch heute, wenn ich was von ihr lese). Ich habe damals dann ziemlich viel mit schwulen Männern zum Thema geredet und eigentlich alle bestärkten mich darin, dass ich mich halt „noch finden“ müsse. Irgendwie kam niemand auf die Idee, dass das „so bleibt“. Ist es aber.


Als klar wurde, dass das mit meinem jetzigen Man ne ernste Sache ist, hab ich das Thema innerlich für mich erst mal abgeschrieben. Ich war ja jetzt „hetero“ – zumindest in der Wahrnehmung meiner Umwelt. Ein durchaus angenehmer Zustand. So „normal“ eben. Aber dann kam die „Homo-Ehe“ und in Diskussionen darüber die andauernde provozierende Frage „Könntest du dir denn ernsthaft vorstellen, mit einer Frau zusammen zu leben?“. Habe ich erst nur ausweichend geantwortet, ist meine Antwort mittlerweile ein klares „Ja!“. Das verschreckt viele, v. a. christlich orientierte Personen und das ist ein Scheiß-Gefühl, wenn man es sich in seinem „Hetero-Leben“ schon so schön kuschelig eingerichtet hatte.


V. a. weil keins der Klischees, die dann regelmäßig auf mich einprasseln, auf mich jemals getroffen hat. Ich kann nur mit Menschen ins Bett, die ich liebe. Ich führe ausschließlich längere Beziehungen. Das soll jetzt ausdrücklich KEIN Abwerten promiskuitiver Lebensweisen sein, auf gar keinen Fall. Aber ich bin bi. Und auf mich, wie auf viele andere, trifft das Klischee nicht. Es schränkt mich vielmehr ein. So einfach eben. Und ich bin todfroh um Frauen wie Cara Delevigne, die zeigen, dass wir einfach ganz normale Menschen sind, mit völlig unterschiedlichen Lebensweisen. Nur bi eben. So what?


So, der Artikel ist doch recht lang geworden, und das an einem Mittwoch. Eigentlich wollte ich hier noch was über bisexuelle Männer schreiben, das bekommt ihr dann aber am Sonntag zu lesen.


*In letzter Zeit wird immer häufiger das Wort „pansexuell“ verwendet, um zu zeigen, dass man eben nicht zwangsläufig nur auf männliche oder weibliche Personen steht, sondern auch z. B. auf intersexuelle Personen. Ich gebe zu, der Ausdruck ist mir noch fremd und dabei bleibe ich schlicht beim „alten“.

** Für unsere Klatschherren vom antifeministischen Kaffeekränzchen sei hier noch gesagt „Nein, es war nicht Frau Allmendinger.“ Ich habe tatsächlich nicht nur ein Fach studiert ^^.

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Sind Maskulismus und Feminismus unvereinbare Gegensätze?

Wenn man sich den öffentlichen Diskurs so ansieht, möchte man das meinen, oder?


Dennoch beantworte ich diese Frage mit einem ganz klaren „Nein“. Wie gesagt sehe ich als die größte Herausforderung des modernen Feminismus das Hinarbeiten auf einen Abbau stereotyper Vorstellungen von Geschlecht. Der Feminismus wäre damit eine Spezialisierung, die sich dieser Aufgabe v. a. was stereotype Vorstellungen von Weiblichkeit betrifft, widmet. Entsprechend wäre der Maskulismus das logische Gegenstück des Feminismus, eine Bewegung, die sich dem Abbau stereotyper Vorstellungen von Männlichkeit widmet. Ziel eines solchen Maskulismus wäre dann ganz entsprechend, die vielen unterschiedlichen Varianten des „Mannseins“ zu betonen, ihnen Raum zu erkämpfen und eben gerade nicht einschränkende Vorstellungen von Männlichkeit zu wiederholen.


Insofern wären Feministen letzten Endes dann auch Maskulisten und umgekehrt. Feminismus und Maskulismus wären damit lediglich zwei Seiten derselben Medaille, die sich jeweils bedingen. Denn wie soll der Abbau stereotyper Vorstellungen von Männlichkeit gelingen, wenn nicht auch stereotype Vorstellungen von Weiblichkeit hinterfragt werden und vice versa?


Warum ich dennoch eine, nunja, äußerst kritische Einstellung zu weiten Teilen des Maskulismus habe? Weil ich nicht feststellen kann, dass es der Bewegung, die sich gemeinhin als Maskulismus bezeichnet, tatsächlich darum geht. Vielmehr sehe ich ein Festzementieren von stereotypen Rollen, einen „Männer sind vom Mars, Frauen von der Venus“-Biologismus sowie eine extrem verengte, oft offen frauenverachtende Vorstellung von Männlichkeit und Weiblichkeit („Frauen geht es nur darum, versorgt zu werden“, „Frauen beuten Männer aus“, „weibliche Lehrer benachteiligen systematisch Jungs“, „Karrierefrauen sind schuld daran, dass es immer weniger Kinder in Deutschland gibt“).


Es gibt allerdings rühmliche Ausnahmen. Deren prominentester Vertreter ist Christoph Kucklick.
Wer keine Lust hat, seine Werke zu lesen, nun, dem empfehle ich immerhin diesen Essay, der weite Teile seiner Ansichten pointiert darstellt. Ich würde seine Grundeinstellung als „Gleichheitsmaskulismus“ bezeichnen und kann dem uneingeschränkt zustimmen. (Gut, bis auf einen Absatz, dazu aber später. )

Ein kleiner Einblick in den Text:
„Stattdessen sind die Forscher auf einen faszinierenden Effekt gestoßen: Sie können geschlechtliche Differenzen ziemlich einfach herstellen. Frauen schneiden in Tests als einfühlsamer ab? Nicht, wenn man den Männern sagt, sie seien ebenso empathisch – dann sind sie es auch. Männer haben ein besseres räumliches Vorstellungsvermögen? Nicht, wenn man den Frauen erzählt, sie seien dazu ebenso begabt; dann erzielen sie ähnliche Testergebnisse. Das Verfahren nennt sich Priming, die Impfung mit oder gegen Geschlechterklischees.
Diesen Trick beherrscht auch die Gesellschaft. Und betreibt einen monströsen Aufwand, aus den so ungemein ähnlichen Geschlechtern doch ein paar Unterschiede herauszupressen. Nichts betonen wir so wie Geschlecht – nicht Rasse, nicht Religion, nicht Einkommen, nicht Herkunft.“


Sätze, die gleichheitsmaskulistisch und gleichheitsfeministisch zugleich sind und sich mit der Rolle BEIDER Geschlechter auseinandersetzen. Kucklicks Text beschäftigt sich mit der Rolle des Mannes, mit der Dämonisierung von als männlich empfundenen Verhaltensweisen. Aber er leugnet niemals, dass die Effekte, die zu solch schematischem Denken führen, unter anderen Vorzeichen auch für Frauen gelten.

Das wirkt, im Kleinen wie im Großen. Auf zwei Gebieten haben wir besonders auffällig und viel diskutierten Erfolg: bei Gehalt und Gewalt.

Gehalt, sprich: ökonomische Chancen, enthalten wir Frauen in höherem Maße vor als Männern – besonders eklatant in den Vorstandsetagen und auf Professorenstühlen, aber auch beim Durchschnittseinkommen. Diese Lücke schließt sich zwar, aber nur sehr langsam. In Sachen Gewalt sorgt unsere Gesellschaft mit Akribie dafür, dass vor allem Männer Gewaltopfer und -täter sind. “ (Christoph Kucklick a. a. O.)

Und DAS ist ein Maskulismus, der die oben genannte andere Seite eines modernen Gleichheitsfeminismus ist.


Zum Schluss noch zu dem Absatz, dem ich nicht uneingeschränkt zustimmen kann. Herr Kucklick schreibt: „Vergleichbarer Unsinn kursiert womöglich auch über Frauen. Aber zum Glück traut sich niemand mehr, ihn zu drucken. Über Frauen liest man eher rosige Stereotype, dass sie kommunikativer, einfühlsamer und überhaupt besser geeignet für die Zukunft seien – wenn die Männer sie nur ließen.“


Leider ist dies, in Zeiten „mutigen“ Anschreibens gegen sog. „Gutmenschentum“ nicht mehr der Fall. Und in Kommentaren großer Onlinezeitungen liest man das, was Herr Kucklick hier als Unsinn bezeichnet wieder und wieder: „Frauen sind aufgrund ihrer Hirnstrukturen zu logischem Denken nicht in der Lage“, „Frauen sind zu emotional, um Führungspositionen einzunehmen“, „Frauen wollen eben gar nicht Vollzeit arbeiten“, „Frauen entwickeln sich als Kinder schneller, weil sie keine so hochstehende Lebensform sind“, so tönt es unter Artikeln von Spiegel online, der Zeit, dem Focus und anderen großen Medien sowie in diversen Blogs und Foren. Ob es gedruckt wird, ist in Zeiten des Internets nicht mehr wirklich relevant.


Insofern: Der „Unsinn“ existiert auf beiden Seiten und wird auch veröffentlicht. Dagegen gemeinsam anzugehen sollte Ziel des Feminismus und des Maskulismus sein.

Feminismus – warum das denn?

Und gleich mal die erste Ausnahme von der Sonntag / Mittwoch-Regel, weil ich morgen leider wenig Zeit habe. Und schließlich … es ist ja fast schon Mittwoch ;-). Heute also zum Thema „Feminismus – warum das denn?“

Sehr oft höre ich im Alltag die Frage, warum man bitteschön denn heute noch „den Feminismus“ brauche. Irgendwie erscheint er anachronistisch, irgendwas aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts und dann nochmal irgendwie in den 70ern … aber heute? Warum denn heute immer noch? Ja, warum?


Wie man in meinem letzten Beitrag lesen konnte, fühle ich mich eher dem Gleichheitsfeminismus zugehörig (was selbstverständlich nicht heißt, dass ich differenzfeministische Position in ihrer Gesamtheit ablehne). Damit halte ich die Herstellung absoluter Chancengleichheit für elementar.
Moment mal? Chancengleichheit? Haben wir in Europa doch schon!
Ja, rein rechtlich ist das absolut korrekt. Was dem aber entgegensteht, sind stereotype Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit, die äußerst wirksam sind.


In meinem letzten Beitrag habe ich geschrieben: „Zumindest in Europa ist es also weitgehend Konsens, dass man von einer prinzipiellen Gleichheit der Menschen unabhängig von ihrer Zugehörigkeit zu bestimmten Gruppen ausgeht.“ (Was nicht zu verwechseln ist mit einer angeblichen „Gleichmacherei“, sondern eine völlige Chancengleichheit meint).
Auch das ist richtig. Im Hinblick auf die Kategorie Geschlecht aber leider nicht. Hier wird extrem oft und mit der größten Selbstverständlichkeit eine Vorstellung von Andersartigkeit vertreten, ja von Dichotomie: „Männer sind vom Mars, Frauen von der Venus“, „Männer und Frauen sind wie Topf und Deckel“, „Mädchen tragen rosa und Jungen blau“, „Männer sind hart, Frauen sind weich“, „Männer und Frauen sind wie Plus und Minus“. Solche und ähnliche Vorstellungen sind Alltag.
Dies wurde auch von (gleichheits-)maskulistischer Seite bereits erkannt: „Nichts betonen wir so wie Geschlecht – nicht Rasse, nicht Religion, nicht Einkommen, nicht Herkunft.“ (Christoph Kucklick).
Verbunden wird das Ganze meist mit einer eigenwilligen Interpretation von Gleichwertigkeit: „Sie sind völlig unterschiedlich, aber das heißt ja nicht, dass sie unterschiedlich im Wert sind“. Klingt menschlich, oder? Klingt logisch?


Was dabei nicht bedacht wird, ist, dass damit jener demokratische Grundsatz ad absurdum geführt wird, den ich in meinem letzten Beitrag genannt habe. Es wird, einfach aufgrund der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe unterstellt, der Mensch WÄRE auf eine ganz bestimmte Art und Weise, würde sich auf eine ganz bestimmte Art und Weise verhalten, hätte ganz bestimmte Eigenschaften und Vorlieben. Wenn Männer hart sind und Frauen weich, muss eine „harte“ Frau folglich keine wirkliche Frau sein. Und entsprechend ein „weicher“ Mann kein richtiger Mann. Wenn Frauen zu emotional denken und kein räumliches Vorstellungsvermögen haben, muss der Mensch vor mir als Pilot ungeeignet sein, weil er zufällig eine Frau ist. Wenn Männer „hart“ sind, was sucht dieser Mensch vor mir bitte in einem sozialen Beruf? Vermutlich ist er „weibisch“ – also sozusagen fast eine Frau.
Damit schränkt eine solche Vorstellung massiv Handlungsspielräume ein – sowohl für Erwachsene als auch für Kinder.


Was dabei auch nicht bedacht wird, ist, wie sich solche stereotypen Vorstellungen von Mann und Frau als zwei gegensätzliche Pole auf Menschen auswirkt, die dem nicht entsprechen. Die „Topf und Deckel“-oder auch die „Plus und Minus“-Metapher etwa würde dann bedeuten, dass z. B. homosexuellen Paaren widersinniges, ja, unnatürliches Verhalten unterstellt wird. Schließlich sind Männer Töpfe und Frauen Deckel oder umgekehrt und das passt bestens zusammen, ergänzt sich. Was sollen denn da zwei Deckel oder zwei Töpfe zusammen? Und Minus und Minus oder Plus und Plus stoßen sich bekanntlich ab.


Der moderne Feminismus (wohlgemerkt im Westen, in anderen Ländern gilt es erst einmal Gleichheit vor dem Recht zu schaffen) muss daher meiner Meinung nach in erster Linie auf den Abbau stereotyper Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit, die unser gesamtes Leben beeinflussen, hinarbeiten. Er trifft sich hier mit der Gay Rights Movement und deren Konzept vom Abbau der „Heteronormativität“.


Ziel eines solchen modernen Feminismus muss sein, die vielen unterschiedlichen Varianten des „Frauseins“ zu betonen, ihnen Raum zu erkämpfen und eben gerade nicht einschränkende Vorstellungen von Weiblichkeit zu wiederholen. Feminismus wäre damit also eine Spezialisierung des Humanismus auf Belange von Frauen (und sein Gegenstück der Maskulismus eine Spezialisierung des Humanismus auf Belange von Männern). Ziel ist, die Handlungsspielräume von Frauen und Männern zu erweitern und einschränkende Klischees zu überwinden.

Gleichheit und Differenz

Wenn man ein x beliebiges Buch zum Thema Feminismus aufschlägt, geht es immer um eine Frage: die Frage nach Gleichheit und Differenz. Es sind diese beiden Pole, um die der Feminismus kreist. Tatsächlich sind es aber fairerweise diese beiden Pole, um die letzten Endes fast jede soziale Bewegung kreist. Der Feminismus macht hier nur keine Ausnahme.


Die beiden zentralen Feminismen sind entsprechend der Differenzfeminismus und der Gleichheitsfeminismus. Wie die Namen schon sagen, betont ersterer mehr die Differenz zwischen den Geschlechtern, zweiterer die Gleichheit, wobei die es keine trennscharfen Linien gibt. So weit so banal erst einmal.
Dem Differenzfeminismus geht es stark darum, „weibliche“ Verhaltensweisen, Eigenschaften und Denkmuster positiv zu besetzen und einen entsprechenden gesellschaftlichen Wandel zu erreichen, aber auch schlicht um die Perspektive von Frauen in der Gesellschaft. Das Spektrum ist dabei sehr groß und geht vom Matriarchatsfeminismus über den esoterischen Feminismus bis hin zu Strömungen an der Grenze zum Gleichheitsfeminismus.
Der Matriarchatsfeminismus geht beispielsweise davon aus, dass eine von Frauen geführte Gesellschaft idealer, weil friedlicher und egalitärer wäre. Der esoterische Feminismus betont die Wichtigkeit weiblicher Fruchtbarkeit, weibliche Initiationsriten, Mythologien aus weiblicher Sicht, teilweise auch den Mond als Symbol des Weiblichen. Man findet ihn z. B. häufig in neuheidnischen Gruppierungen.
Der Differenzfeminismus ist aber gleichzeitig auch der Feminismus, der im konservativen Kontext die deutlich höhere Wertschätzung erfährt. So bezeichnet sich z. B. auch die Autorin Birgit Kelle als Feministin. Da sie sehr stark die Unterschiede zwischen Mann und Frau betont und sich gleichzeitig für eine höhere Wertschätzung von von ihr als typisch weiblich empfundener Lebensläufe einsetzt, wäre sie damit eine Vertreterin des Differenzfeminismus (mit konservativem Hintergrund).


Aussagen wie „Frauen machen das Arbeitsleben besser, weil sie viel mehr soft skills haben und menschlicher führen“ oder „Kinder gehören immer zur Frau“ sind deutlich (vulgär-) differenzfeministisch. Menschen, die diese Positionen vertreten, würden sich selbst allerdings oft gar nicht als Feministen bzw. Feministinnen bezeichnen, handelt es sich dabei doch um ins Alltagswissen abgerutschte und stark vereinfachte differenzfeministische Positionen, die starken Widerhall bei in Fragen des Geschlechts eher konservativ orientierten Personen finden.
Auf der anderen Seite gibt es aber auch Vertreterinnen wie Antje Schrupp, die keinesfalls dem konservativen Spektrum zuzuordnen sind, sondern eher eine pragmatische Mischung aus Differenz- und Gleichheitsfeminismus vertreten und denen es in erster Linie um das Sichtbarmachen des weiblichen Teils der Gesellschaft geht, ohne ein schematisches Bild von Männlichkeit und Weiblichkeit zu vertreten.
Wenn man den Differenzfeminismus mit anderen sozialen Bewegungen vergleicht, wäre er sozusagen die „Black Pride“-Bewegung der Frauenbewegung.


Der Gleichheitsfeminismus dagegen betont die Gleichheit der Geschlechter und zielt entsprechend auf die Betonung von Gemeinsamkeiten und nicht auf die von Unterschieden. Er ist also mit den Egalitätsbewegungen anderer sozialer Bewegungen zu vergleichen beispielsweise der schwarzen Bürgerrechtsbewegung. Auch hier findet sich ein großes Spektrum an Varianten – von Vertreterinnen, die Unterschiede zwischen den Geschlechtern für ganz oder völlig irrelevant halten über Individualfeministinnen, die sich auf das Individuum und nicht auf die statistischen Mittelwerte konzentrieren bis hin zu Vertreterinnen an der Grenze zum Differenzfeminismus.
Vielfach wird Vertreterinnen des Gleichheitsfeminismus vorgeworfen, sie negierten Unterschiede ganz. Bis auf wenige Ausnahmen ist das aber nicht der Fall. Es geht Gleichheitsfeministinnen vielmehr um die Frage, ob diese Unterschiede eine tatsächlich so große Rolle spielen UND darum, stereotype Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit zu hinterfragen und abzubauen u. a. deshalb, weil sie dem Individuum nicht gerecht werden können (letzteres besonders ausgeprägt im Individualfeminismus).


Um das mit einem anderen Beispiel zu veranschaulichen. Es gibt sichtbare Unterschiede zwischen schwarzen und weißen Menschen. In erster Linie (Überraschung!) die Hautfarbe, genauer gesagt den Anteil an Melanin in der Haut und die damit einhergehende Widerstandsfähigkeit gegen UV-Strahlung. Zwischen den beiden Polen „schwarz“ und „weiß“ gibt es zahlreiche Abstufungen und Varianten. Aus dieser simplen Feststellung kann man aber nicht schließen, dass schwarze und weiße Menschen und die zahlreichen Varianten dieser beiden Pole bis auf diese eindeutigen Merkmale „ungleich“ wären.
Was die gleichheitsfeministische Bewegung also will, ist exakt das, was in anderem Zusammenhang zumindest in Europa weitgehend Konsens ist: Unterschiede dürfen nicht dazu führen, sowohl der Gruppe als Ganzes als auch ihren einzelnen Individuen bestimmte Eigenschaften und Verhaltensweisen zuzuschreiben, die über die bloßen Merkmale der Gruppe hinausgehen.


En anschauliches Beispiel ist das der schwarzen Ballerina Michaela DePrince. Ihr wurde zu Anfang ihrer Ausbildung mehrfach gesagt, sie eigne sich nicht fürs klassische Ballett, sie solle lieber Hip Hop o. ä. tanzen, das würde ihr als schwarzer Frau mehr entsprechen. Ihr als Einzelperson wurde also aufgrund eines körperlichen Merkmals (Hautfarbe) un d der damit verbunenen Vorstellungen unterstellt, sie könne eine bestimmte Tätigkeit leider nicht so ausführen wie Menschen mit anderen körperlichen Merkmalen (weiße Hautfarbe). Ebenso unzulässig wäre es, aus der Tatsache, dass es wenige schwarze Menschen im Ballett gibt, darauf zu schließen, Schwarze als Gruppe würden sich (bis auf wenige Ausnahmen vielleicht) generell nicht fürs Ballett eignen. Beides aufgrund bestimmter Vorstellungen über Schwarze und Weiße.


Zumindest in Europa ist es also weitgehend Konsens, dass man zunächst von einer prinzipiellen Gleichheit der Menschen unabhängig von ihrer Zugehörigkeit zu bestimmten Gruppen ausgeht. Und nein, anders als immer wieder behauptet wird, geht es hier nicht um eine bloße Gleichwertigkeit. Sonst könnte man im Fall obiger Ballerina ja sagen „Tja, Schwarze KÖNNEN einfach kein Ballett. Dafür können sie Hip Hop. Das ist doch nicht schlechter. Sie sind gleichwertig aber nicht gleich.“
Einer Gruppe und damit auch jedem ihrer Individuen zu unterstellen, sie wäre(n) ungeeignet für eine bestimmte Tätigkeit aufgrund ihrer Gruppenzugehörigkeit, ist, ja tatsächlich, Diskriminierung. Und damit wären wir beim Grundgedanken des Gleichheitsfeminismus: Der Herstellung völliger Chancengleichheit unabhängig vom Geschlecht.


Schon aus dieser kurzen Zusammenfassung lässt sich erkennen, dass man kaum von DEM Feminismus sprechen kann. Vertreterinnen der verschiedenen Strömungen sind sich oft völlig uneins zu bestimmten Themen. Die verbindende Klammer ist lediglich die Vorstellung von der Gleichwertigkeit der Frau.