Was ist eigentlich konservativ?

Die Bezeichnung „konservativ“ bzw.  „Konservative“ wird mittlerweile fast gleichbedeutend mit „reaktionär“ verwendet und bezeichnet fast immer Menschen, die man als rückwärtsgewandt, wenig flexibel, verbohrt, intolerant, obrigkeitshörig  und unfrei darstellen möchte. „Konservative“ gelten als homophob, ausländerfeindlich, vielfach auch als antidemokratisch und, wie gesagt, als obrigkeits- und autoritätenhörig.

Ich finde das sehr schade, denn konservativ muss absolut nicht gleichbedeutend mit „reaktionär“ sein. In seiner eigentlichen Wortbedeutung bezeichnet der Begriff jemanden, der etwas bewahren möchte. Und das muss ja nicht unbedingt etwas Negatives sein.

Auch Umwelt- und Naturschützer, Demokraten, Menschen- und Bürgerrechtler sind letzten Endes konservativ. Sie möchten etwas bewahren, etwas, was sie als wertvoll erkannt haben, was ihnen etwas bedeutet. „Bewahrung“ ist also etwas, was Konservative auszeichnet, das muss aber eben gerade nicht gleichbedeutend mit Intoleranz und Verbohrtheit sein.

Für mich selbst habe ich daher  den Begriff „alternativ-konservativ“ gewählt. Konservativ im bewahrenden Sinne bin ich in vielen Dingen. Gleichzeitig heißt das aber nicht, dass ich verbohrt auf einem „das haben wir schon immer so gemacht“ bestehe.

Sehr wichtig ist mir z. B. Konstanz und Zuverlässigkeit in Beziehungen. Familie bedeutet mir darum sehr viel. Ich möchte von Menschen umgeben sein, auf die ich mich verlassen kann und ich möchte ein Mensch sein, auf den man sich verlassen, auf den man zählen kann. Und das nicht nur für den Augenblick, sondern konstant. Meiner Erfahrung nach ist das eben sehr häufig innerhalb einer Familie der Fall z. B. bei schweren Krankheiten oder Unglücksfällen. Das alles ist durchaus auch im klassischen Sinne ein konservativer Wert.

Das bedeutet für mich aber z. B. nicht, dass ich diese Werte bedroht sehe, weil auch Homosexuelle und Transgender eben diese Werte leben wollen und z. B. eine Familie gründen und/ oder heiraten möchten. Homosexuelle und Transgender können selbstverständlich ganz genauso wie heterosexuelle Personen aufeinander achtgeben, sich unterstützen, verlässliche Beziehungen eingehen. Es ist mir vollkommen unverständlich, wie man beispielsweise aus der „Homo-Ehe“ irgendeine Bedrohung der Werte „Beziehung und Familie“ herleiten kann. Wenn jemand das eigene, altbewährte Konzept ebenso leben will, ist das doch viel eher ein Erfolg als eine Bedrohung.

Zugleich bin ich auch konservative Demokratin. Für mich sind Demokratie, Rechtsstaatlicheit, die Menschenrechte und der Inhalt des GG absolut bewahrenswürdige Werte. Letztlich geht es dabei um Werte wie Gerechtigkeit, Verlässlichkeit, Würde und gegenseitiger Respekt. Meiner Ansicht nach führen diese Werte zu einem Miteinander statt einem Gegeneinander, zu einem „Zusammen“, statt „alle gegeneinander“. Und auch das sind Werte, die mir wichtig sind.

Ich bin religiös. Genauer gesagt praktizierende katholische Christin. Auch das gilt als klassischer konservativer Wert. Meine Religiosität und mein Katholizismus bedeuten für mich aber nicht, dass wir genauso leben müssen wie vor tausenden von Jahren, dass man den Inhalt heiliger Schriften bzw. deren Interpretation durch religiöse „Autoritäten“ nicht auch kritisch hinterfragen kann. Dafür hat Gott uns Verstand gegeben, damit wir selbst denken und nicht alles hinnehmen!

Eben aus diesem Grund lehne ich auch Obrigkeits- oder Autoritätenhörigkeit und bloßen Traditionalismus ab. „Das ist so, weil es der Lehrer / der Herr Professor/ der Bürgermeister / sonstige wichtige Person X so gesagt hat“ oder „weil wir es schon immer so gemacht haben“  sind für mich keine Werte. Respekt füreinander, auch für die (Lebens-)Leistung von Personen ja, daraus darf aber niemals irgendeine Form von Hörigkeit oder ein Machtanspruch entstehen – wie ich sie beispielsweise in meiner Kindheit im alpenländischen Raum noch erlebt habe „ich wähle den, weil er ein sehr guter Politiker ist, weil er bei der Partei X ist“ bzw. „das hat der X so gesagt, da hat ein junges Mäderl nichts dreinzureden“.

Abschließend also: Ja, ich bekenne mich zum Konservatismus. Bewahrung von bestimmten Werten, von Dingen, die einem wichtig sind, die man als gut erkannt hat, finde ich absolut wünschenswert. Das aber darf niemals gleichbedeutend mit Unselbständigkeit, Unfreiheit, Intoleranz und Unterdrückung sein. Konservativ zu sein, auch hier wiederhole ich mich, kann durchaus positiv sein.

Advertisements

Fassungslosigkeit

Ich bin fassungslos. Wütend und traurig zugleich. Sie haben einen meiner Brüder ermordet.

Einem alten Mann die Kehle durchgeschnitten vor den wenigen Gläubigen, die an einem Dienstagvormittag in die Kirche gehen.

Ihn gezielt ausgesucht, weil er in ihren Augen ein Vertreter der „falschen“ Religion war.

Und das mitten in Europa.

In einer Kirche an einem Dienstagvormittag.

Und sie glauben sich noch im Recht.

Wie kann man so etwas tun? Wie kann man ernsthaft glauben, man gehöre der „richtigen“ Religion an, wenn man so etwas tut?

Wie kann man ernsthaft glauben, Gottes Willen zu tun, wenn man einen wehrlosen alten Mann ermordet? Es ist feige. Es ist widerlich. An was für ein feiges und widerliches Bild von Gott muss man also glauben, um ernsthaft zu denken, so etwas wäre sein Wille?

Aus dem Irak, aus Syrien und dem Libanon war man solche Schreckensnachrichten leider beinahe schon gewohnt. Das christliche Leben in diesen Ländern ist nahezu ausgerottet. Bitter dabei war immer, dass fast alle ihre Augen davor verschlossen haben.

Aber das?

Es bringt den Schrecken nahe. Sie haben es offenbar auf uns abgesehen. Hier und überall auf der Welt.

Wie soll man darauf reagieren?

Ich bin wütend. Ich bin traurig. Ich bin so wütend und traurig, dass eine meiner ersten Reaktionen war „Werft sie alle raus!“

Ich weiß nicht, wie es weitergeht.

Ich will nicht ungerecht werden und hart.

Ich merke aber, dass ich beginne zu hassen. Vor Angst. Vor Wut. Vor Trauer.

Die Angst von Minderheiten in Flüchtlingsheimen

In meinem letzten Artikel ging es um Christenverfolgung in Flüchtlingsheimen. Dort erwähnte ich bereits, dass es auch anderen religiösen Minderheiten (also religiösen Minderheiten in den Flüchtlingsheimen) ähnlich ergeht.

Daraufhin wurde ich auf diesen Vorfall hingewiesen (wobei ich den Ausdruck „Schlägerei“ für den offenbar erfolgten gezielten Angriff ziemlich euphemistisch finde).

Kurzzusammenfassung: Eine Gruppe teschetschenischer Flüchtlinge ging mit Waffen wie Messern und Stöcken auf eine Gruppe jesidischer Flüchtlinge los. Der Streit eskalierte daraufhin. Jesidische Frauen und Kinder campierten daraufhin die ganze Nacht im Freien. Die jesidischen Familien weigerten sich, wieder in die Flüchtlingsunterkunft zurückzukehren.

Besonders berührend fand ich die verzweifelte Aussage einer jesidischen Frau „Ich bin vom Regen in die Traufe gekommen. alles ist ungewiss, ich weiß nicht, wie es weitergehen soll, hier wie in meiner Heimat bin ich den gleichen Gefahren und Verfolgungen ausgesetzt“.

Warum lassen wir zu, dass sich Menschen in Europa, wo sie eigentlich in Sicherheit sein sollten, wegen ihrer Religion verfolgt und massiv bedroht fühlen?

Christenverfolgung in Flüchtlingsheimen

Dass die Christenverfolgung bzw. generell die Verfolgung von Menschen nicht-muslimischen Glaubens in Flüchtlingsheimen derart extrem ausgeprägt ist, war mir bisher nicht bekannt.

Ich kannte allerdings einige Berichte orientalischer Christen bzw. mir wurden solche Vorfälle von Betroffenen selbst erzählt, ich hielt diese aber für bedauerliche Einzelfälle. Offenbar weit gefehlt, wie man auf der Pressekonferenz verschiedener Menschenrechtsorganisationen heute erfahren konnte. Beleidigungen, Todesdrohungen und Gewalt gegen Christen und andere Nicht-Muslime scheinen leider eher die Regel denn die Ausnahme zu sein.

http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/christen-klagen-ueber-schikanen-in-fluechtlingsheimen-a-1091479.html

http://www.faz.net/aktuell/politik/fluechtlingskrise/christliche-fluechtlinge-bis-zu-40-000-nicht-muslime-im-fluechtlingsheim-drangsaliert-14223089.html

http://www.sueddeutsche.de/news/politik/fluechtlinge-christen-klagen-ueber-bedrohung-in-deutschen-asylunterkuenften-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-160509-99-881602

Auch, dass sogar Wachleute an Übergriffen auf Christen, speziell auf Konvertiten beteiligt sind, war mir bisher nicht bekannt.

http://www.welt.de/politik/deutschland/article151104662/Muslimische-Security-verpruegelt-Christen-im-Asylheim.html

Mich interessiert eure Meinung: Wie soll mit dem Problem umgegangen werden?

 

 

Homosexualität, Islam und Katholizismus

Auf ZEIT online bin ich auf einen interessanten Artikel des liberalen Islamwissenschaftlers Muhammad Sameer Murtaza gestoßen. Er ruft dabei seine Glaubensbrüder und – schwestern auf, homosexuellen Menschen gegenüber freundlicher und toleranter aufzutreten und definiert homosexuelle Menschen als Teil der islamischen Gemeinschaft, der „Umma“. Er zeigt auf, dass im Koran (wie übrigens auch in der Bibel) Homosexualität ein Randthema ist und die strikten Haltungen dazu mit der heiligen Schrift nicht in Einklang zu bringen sind.

Einerseits. Der Artikel enthält viele gute und wichtige Impulse. Auf der anderen Seite aber hat er mich fatal an die Position meiner eigenen, der römisch-katholischen Kirche, erinnert.

Dort ist im Katechismus zu lesen „Eine nicht geringe Anzahl von Männern und Frauen sind homosexuell veranlagt. Sie haben diese Veranlagung nicht selbst gewählt; für die meisten von ihnen stellt sie eine Prüfung dar. Ihnen ist mit Achtung, Mitleid und Takt zu begegnen. Man hüte sich, sie in irgend einer Weise ungerecht zurückzusetzen. Auch diese Menschen sind berufen, in ihrem Leben den Willen Gottes zu erfüllen und, wenn sie Christen sind, die Schwierigkeiten, die ihnen aus ihrer Veranlagung erwachsen können, mit dem Kreuzesopfer des Herrn zu vereinen.“ (Katechismus 2358)

Papst Franziskus selbst hat sich, und das war durchaus ein Meilenstein, vor einiger Zeit so geäußertWenn eine Person homosexuell ist und Gott sucht und guten Willens ist, wer bin ich, um über sie zu richten?„.

Muhammad Sameer Murtaza argumentiert sehr ähnlich. Er schreibt „Aber es kann keinen Zweifel geben: Ein homosexueller Muslim, der an Gott, an die Engel, die Offenbarungsschriften, die Propheten und den Jüngsten Tag glaubt, der seine Gebete verrichtet, der im Ramadan fastet, der die Pflichtabgabe entrichtet und die Pilgerfahrt nach Mekka unternimmt, ist Muslim und damit Teil der Umma. „

Gleichzeitig aber, und hier treffen sich seine Position und die römisch-katholische, schreibt er „Dies ändert nichts daran, dass die Heterosexualität die von Gott gewünschte Norm ist. Aber Er hat in Seiner Schöpfung auch Abweichungen zugelassen.“ und „Eine Homo-Ehe wird es im Islam nicht geben, da diese Beziehungsform ausschließlich für Mann und Frau vorgesehen ist. „

Er befürwortet „homosexuelle Lebensgemeinschaften“ aber eben explizit keine „Homo-Ehe“. Das ist eine Position, die sehr an die derzeitige offizielle Position der katholischen Kirche erinnert. „Die katholische Kirche in Deutschland hat schon in der Vergangenheit erklärt, dass ihr diese Forderung zu weit geht. Sie hat dargelegt, dass nach ihrer Auffassung das Rechtsinstitut der Ehe nicht nur die Partnerschaft zwischen Frau und Mann allein zum Bezugspunkt hat, sondern auch das Ehepaar, das Elternpaar geworden ist und Sorge und Verantwortung für Kinder trägt.“

Allerdings scheint Herr Murtaza eine rein weltliche „Ehe“ (für ihn wohl offenbar eher eine „Lebensgemeinschaft“) gutzuheißen, wie man aus seinen Eingangssätzen schließen kann „Eigentlich müssten wir Muslime die Gleichstellung homosexueller Lebensgemeinschaften, wie in Irland geschehen, begrüßen. Da kämpft eine Minderheit gegen Vorurteile, Verachtung und Diskriminierung.“ Damit geht er über die katholische Position des Katechismus hinaus, die tatsächlich Keuschheit fordert.

Auch in der katholischen Kirche gibt es Theologen, die so denken, sogar noch weit darüber hinaus, wie z. B. der Mainzer Professor für Moraltheologie Stephan Goertz und seine Mitstreiter mit ihrer Schrift „Wer bin ich, ihn zu verurteilen?“

Herr Murtaza kritisiert aber gleichzeitig, wie in der Vergangenheit auch immer wieder Vertreter der römisch-katholischen Kirche, das angebliche „Zurschaustellen“ von Homosexualität:

„Über Jahrhunderte war es in muslimischen Gesellschaften Sitte, Homosexualität zu dulden, solange deren Ausübung diskret geschah. Die Treibjagd gegen Homosexuelle ist jüngeren Ursprungs, sie rührt vom Einzug der Moderne, einer offensiven Liberalität in die muslimische Welt. Viele Muslime beziehen ihr Bild von homosexuellen Lebensformen allein aus TV-Bildern des Christopher Street Day. Dieser ist aber ein Zerrbild. Es gibt viele Homosexuelle, die diese schamlose Zurschaustellung ebenso ablehnen wie viele Heterosexuelle.

Die meisten Homosexuellen gehen genauso verantwortungsbewusst mit ihrer Sexualität um, wie heterosexuelle gläubige Muslime es tun. Sexualität ist für sie ein heiliger Akt, der Ausdruck einer gelebten Liebesbeziehung vor Gott ist. Dieses Verständnis verträgt sich nicht mit öffentlicher Inszenierung.“

Kurz zu meiner Einschätzung am Schluss:

Wenn Gott die Liebe zwischen Menschen geschaffen hat, dann sollten auch die Religionen ihre unverständliche und weitgehend unbegründete Ablehnung gegenüber Ehen zwischen gleichgeschlechtlichen Menschen aufgeben. Im Gegenteil, sie sollten sich freuen, dass ihr Eheverständnis so breiten Zuspruch findet, dass auch nichtheterosexuelle Menschen es gut finden und teilen wollen und eine feste Verbindung vor Gott miteinander eingehen wollen.

Auch habe ich kein rechtes Verständnis dafür, warum immer wieder die angebliche „zur Schaustellung“ der Homosexualität z. B. durch den CSD kritisiert wird. Ja, es gibt dort schon immer wieder einige Wägen, die auch mir persönlich, meinem Geschmacksempfinden, zu weit gehen. Aber andererseits waren der CSD und andere Veranstaltungen immer legitime Mittel, auf die Ausgrenzung von Menschen mit LGBT-Lebensstilen hinzuweisen und zu demonstrieren, wie weit verbreitet und vielfältig diese sind. Zu fordern, LGBT-Menschen sollten sich quasi vornehm zurückhalten, unsichtbar machen und bloß nicht zu sehr auffallen, um akzeptiert zu werden, ist, so finde ich, ebenfalls eine, wenngleich „sanftere“ Form der Homophobie.

Muhammad Sameer Murtaza ist ein sehr liberal eingesteller Islamwissenschaftler und insofern finde ich es traurig, dass selbst die liberalste Form eines Islamverständnisses offenbar immer noch ablehnend gegenüber Homo-Ehe und „öffentlich“ sichtbarer Homosexualität auftritt und er, wie die katholische Kirche, Homosexualität offenbar nur als Abweichung und nicht als Variante begreift, die man sozusagen „gnadenhalber“ toleriert.

Ein Vorwurf, den ich ebenso der meiner Kirche machen muss, wenn sogar ein reformorientierter Theologe wie Hans Küng strafend gegenüber der anglikanischen Kirche sagt Ich kann zum Beispiel nicht verstehen, warum unter allen Umständen etwas durchgesetzt wird, wie es in der anglikanischen Kirche der USA der Fall war: dass ein Pfarrer, der einen Freund hat – was man tolerierte -, unbedingt Bischof werden sollte. Das spaltete die Diözese und die anglikanische Gemeinschaft, das ist für viele Gemeindemitglieder eine Zumutung.

Fazit: Trotz guter Ansätze sehe ich derzeit weder im Katholizismus noch im Islam ein wirkliches Verständnis für die Lebenssituation von LGBT-Menschen.

Mut machen mir dagegen Menschen wie Stephan Goertz und seine Mitstreiter.

Gebe Gott, dass sich deren Verständnis und ihre liebende, offene Einstellung nach und nach durchsetzt.

 

Kopftuchfragen

Auf dem Blog hataibu’s world ist ein sehr lesenswerter Beitrag zum Streitthema Kopftuch erschienen, dem ich fast nichts hinzuzufügen habe.

Nur einen kurzen Gedanken zu Michaels Eingangsfeststellung „Als Mann betrifft es mich Im Übrigen auch gar nicht.  Jedoch sehe ich genau in dieser Tatsache schon den ersten Ansatz für Kritik: warum soll etwas für Frauen gelten, für Männer aber nicht?“.

Das genau ist der Punkt. Ein religiöses Symbol, im Sinne eines Zeichens „ich bin …“ kann selbstverständlich von allen Mitgliedern der entsprechenden Religion verwendet werden. Das betrifft den christlichen Fisch, das christliche Kreuz und den jüdischen Davidsstern ebenso wie das hinduistische „Om“ oder das muslimische Hilal-Zeichen bzw. die Hand der Fatima (Khamsa).

Wenn aber etwas auf eine bestimmte Gruppe beschränkt ist, muss es eine Bedeutung geben, die über ein bloßes „Zeichen“ hinausgeht. Das kann die Zugehörigkeit zu einer Gruppe in der Gruppe sein, also ein „Herausheben“  aus der Gruppe (Pfarrerskragen, Mönchsgewand) oder aber auch eine weitere Bedeutung transportieren (Reinheit, Keuschheit, Sündlosigkeit oder im Gegenteil auch Sündhaftigkeit). Wenn ein Zeichen auf ein Geschlecht beschränkt ist, fragt man sich also automatisch nach der weitergehenden Bedeutung.

Ich denke, was sehr viele am Kopftuch stört, ist die implizite Botschaft „nur eine Frau, die sich bedeckt, ist anständig und rein“ bzw. „Männer können sich beim Anblick von Frauenhaar nicht zügeln“. Das hat einerseits eine exkludierende Wirkung („eine Frau, die sich nicht bedeckt, ist unrein“) und andererseits wird ein auch nicht gerade sehr positives Männerbild transportiert. Wäre das Kopftuch ein bloßes Kleidungsstück, es würde sich keiner daran stören. Erst das Aufladen mit weiterer Bedeutung bedingt seine Brisanz.

Weihnachten ohne Christkind?

Ein weihnachtliches Thema passend zum Fest, aber mit durchaus Diskussionspotential (eure Meinung dazu interessiert mich wie immer).

Es wird ja alle Jahre wieder bedauert, wie sehr Weihnachten zum bloßen Konsumfest im schlechtesten Falle und zum bloßen „Ich treffe meine Familie“-Fest im besten Falle verkommen wäre.

Und klar, da ist viel Wahres dran. Weihnachten wird mittlerweile weltweit gefeiert und mit seinem ursprünglichen Sinn, der Geburt von Jesus Christus und in unserem (also dem christlichen) Verständnis Gottes Sohn und damit dem zweitwichtigsten christlichen Fest hat das meiste davon wenig zu tun. Weder die WeihnachtsmannundElfen-Konsumwelten in amerikanischen Kaufhäusern, noch die romantische Paarversion in Japan, oder die teils kitschige Wintermärchen-Christkindlmarkt-Romantik in Österreich und Deutschland und nicht einmal die zahlreichen Weihnachtsfilme im TV.

Zur Kirche gehen die meisten (die überhaupt gehen) allenfalls noch aus Nostalgie, um ein paar Tränchen zu verdrücken und weil „man da so schön Stille Nacht mit allen Leuten vor dem großen Christbaum“ singen kann. Im Volksmund heißt dieses Phänomen O(h)We(h)-Christen (Ostern-Weihnachten-Christen)

Ich muss sagen, ich bin in der Frage trotzdem etwas zwiegespalten. Denn klar, ich bin Christin und die Reduktion dieses wichtigen christlichen Festes auf Konsum und Essen und bisschen Urlaub, dazu vielleicht noch ein paar besinnliche Tränchen in der Kirche beim Singen als Dreingabe, das alles schmeckt mir nicht so besonders.

Auf der anderen Seite aber denke ich mir dann immer wieder mal „Hey, warum denn so negativ? Weihnachten, DER Exportschlager des Christentums und irgendwie auch ein Fest weltweiter Toleranz und Harmonie“.

In der Schule und im Kindergarten basteln Kinder von Atheisten, christliche, muslimische, buddhistische Kinder in wunderbarer Eintracht Sterne, Glocken und Engel und singen Weihnachtslieder, man trifft sich im Kollegenkreis zur Weihnachtsfeier. Nachbarn, die sonst kaum ein Wort miteinander wechseln, beschenken sich, in der Kirche sieht man endlich mal wieder andere Gesichter als die ewig gleichen Nasen 🙂 (nix gegen die, aber es ist doch schön) und vielleicht denkt doch der ein oder andere zwischen Glühwein und Plätzchen an den Sinn des Festes. Immerhin hört man recht häufig die Weihnachtsgeschichte, ist konfrontiert mit der eigentlich unglamourösen und armen Geburt Gottes in einem kleinen Stall in einer kleinen, unwichtigen Stadt, deren Zeuge ein paar arme Hirten wurden und man kommt vielleicht ins Grübeln. Nächstenliebe steht irgendwie doch hoch im Kurs – zumindest steigt die Spendenbereitschaft nach wie vor enorm an.

Man denkt an Familie und Freunde und was sie einem bedeuten, trotz allem Stress.

Will man negativ sein, kann man das selbstverständlich unter „scheinheilig“ und „toll, sonst nie, aber da …“ verbuchen, aber hey, wenigstens einmal im Jahr hat das alles Platz. Warum also nicht?

In diesem Sinne wünsche ich allen meinen Lesern ein frohes und gesegnetes Weihnachtsfest!