Das Ding mit den „natürlichen Konsequenzen“

Eben habe ich auf Mollys Blog einen interessanten Beitrag zu Strafen und Konsequenzen gelesen. Und das erinnerte mich wieder an meine Zeit als ganz junge Mutter. Man war ja hochmotiviert. Wollte alles richtig machen. Und dann kamen SIE: Die Verfechter der „natürlichen Konsequenzen“. Heißt, Strafen darf man nicht. Kinder lernen ausschließlich aus den natürlichen Folgen ihres Handels. Hört sich in der Theorie ganz klasse an. In der Praxis sieht das dann so aus:

Ausgangssituation: Muttern muss zum Arzt und das Kind muss mangels Betreuungsperson mit. Leider sieht das Kind überhaupt keine Notwendigkeit, mit zum Arzt zu kommen.

Mutter: „Schätzchen, wir müssen los, bitte zieh dir Schuhe und Jacke an.“

Kind: schweigt und baut einen Legoturm.

Mutter: „Ich muss zum Arzt. Zieh dich bitte an.“

Kind: „Ich will nicht zum Arzt.“

Mutter: „Nein, aber ich muss zum Arzt und Du musst mit, weil keiner auf dich aufpassen kann. Zieh dich jetzt an.“

Kind: „Ich will aber lieber Lego bauen.“

Mutter: „Ja, das kannst Du ja danach gleich wieder, aber jetzt müssen wir los, sonst komm ich zu spät.“

Kind: „Brüllllllllllll. Ich will nicht zum blöden Arzt. Ich will keine blöde Jacke anziehen.“

Mutter verliert mit Blick auf die Uhr die Nerven und steckt das Kind in Jacke und Schuhe. BlingBlingBling – die „böse Mutter“-Alarmanlage schaltet sich an. Eigentlich sollte man ja nicht … Hat nicht die Frau im Kurs gesagt? Und die Mutter vom Alvin? NATÜRLICHE KONSEQUENZEN.

Kind strampelt und schreit und will nicht laufen. Als wir endlich endlich beim Arzt ankommen, ist es 10 Minuten zu spät. Arzthelferin schimpft … mich. Klar. Natürliche Konsequenzen für das Kind? 0. Schimpfen, sauer sein? Fällt unter die verwerflichen „Strafen“, da ja keine natürliche Konsequenz.

Ehrlich gesagt habe ich mich nach solcherlei Erfahrungen gefragt, wie genau Menschen, die angeblich ausschließlich auf natürliche Konsequenzen setzen, ihre Kinder erziehen. Real kenne ich ein paar Leute, die sagen, sie würden … Und naja … tatsächlich … Strafen die meisten davon aber durchaus. Oder, das gibt es auch, die Kinder sind wirklich nahezu unaushaltbar. Alles in allem scheint mir das in der Theorie gut und in der Praxis nicht wirklich konsequent umsetzbar.

Was meint ihr dazu? Wie bekommt ihr das hin?

 

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Betreuungsgehalt

Das sogenannte  „Müttergehalt“ kommt von Zeit zu Zeit in die Diskussion. Zuletzt brachte Birgit Kelle die Idee ein, Müttern, die daheim bei ihren Kindern bleiben statt außerhäusig zu arbeiten, ein „Gehalt“ vergleichbar mit den staatlichen Kosten für einen KITA-Platz zu zahlen (zwischen 1000 und 2000 € monatlich). Diese Idee halte ich allerdings für äußerst unfair und durchaus auch kurzsichtig. Denn Elternpaare, bei denen beide Partner berufstätig sind, zahlen


a) deutlich mehr Steuern als Paare mit traditioneller Rollenteilung und zwar in zweierlei Hinsicht. Einerseits zahlen beide Partner und nicht nur einer und andererseits steigt durch das höhere Einkommen auch der Steuersatz.

b) sind bei Paaren mit doppelter Berufstätigkeit beide krankenversichert, so dass die kostenlose Mitversicherung entfällt.

und c) zahlen beide Partner in die Rentenversicherung ein.

Insofern ist es für den Staat von Vorteil, Kita-Plätze zu finanzieren, wie Berechnungen der letzten Jahre immer wieder gezeigt haben. Es wäre also unfair, wenn Paare mit doppelter Berufstätigkeit einerseits dem Staat finanzielle Vorteile bringen und andererseits ein solches „Gehalt“ dann ausschließlich an Mütter (warum eigentlich immer nur Mütter?), die sich für das Modell Hausfrau entschieden haben, ausbezahlt würde.


Während ich also der Überzeugung bin, dass ein solches „Müttergehalt“ nicht umsetzbar wäre, bin ich gleichzeitig der Überzeugung, dass die Betreuung von Kindern (und alten oder kranken Menschen) selbstverständlich gesellschaftlich wertvolle Arbeit ist, die auch honoriert werden sollte. Aber nicht durch den Staat, der davon keine Vorteile hat, sondern, eigentlich klarerweise, durch den berufstätigen Partner (egal ob männlich oder weiblich), der diese Arbeit dann eben nicht oder zumindest nicht in großem Umfang erbringen muss.

Für eine Ehe oder feste Beziehung ist das eigentlich recht einfach umsetzbar und Deutschland müsste sich nur an dem Vorbild zahlreicher EU-Staaten, darunter Österreich, orientieren, und gesetzlich festlegen, wieviel Prozent des Haushaltseinkommens den jeweiligen Partnern zusteht.

Dies ist derzeit in Deutschland noch weitgehend ungeregelt, die Hausfrau oder der Hausmann hat lediglich Anspruch auf Wirtschaftsgeld in unbestimmter Höhe sowie auf ein Taschengeld von 5 bis 7 % des Nettoeinkommens.


Ich schlage für eine solche Regelung den Begriff „Betreuungsgehalt“ vor.


Wesentlich wichtiger allerdings ist eine solche Regelung noch für eine Zeit nach der Ehe bzw. generell für den Fall, dass ein Elternteil primär die Betreuung gemeinsamer Kinder übernimmt, auch wenn keine Beziehung mehr zwischen den Elternteilen besteht.


Das neue Unterhaltsrecht ist seit 8 Jahren in Kraft und in dieser Hinsicht ebenfalls hochgradig unfair. Denn im Regelfall ist es so, dass, sobald das Kind älter als 3 Jahre alt ist, vorausgesetzt wird, dass auch der betreuende Elternteil Vollzeit arbeitet. Das bedeutet also im Klartext, dass ein Elternteil die Betreuungsarbeit übernimmt oder zumindest den Großteil davon, gleichzeitig aber verpflichtet wird, Vollzeit zu arbeiten, also exakt dieselben Bedingungen erfüllen soll, wie das Elternteil, das die Betreuungsarbeit nicht oder nur zu kleineren Teilen übernimmt. Die Betreuungsarbeit gilt in diesem Modell als „selbstverständlich“ und offenbar völlig vernachlässigbar. Und das, obwohl es für Alleinerziehende wesentlich schwerer ist, eine Vollzeittätigkeit auszuführen, weil man z. B. gleichzeitig das Kind in die Betreuungseinrichtung bringen muss und auch wieder abholen.


Es wäre also speziell für solche Fälle noch wichtiger, ein Betreuungsgehalt einzuführen. Es sollte eigentlich jedem klar sein, dass Betreuung von Kindern auch eine Leistung ist und zudem dazu führt, dass der betreuende Elternteil niemals dieselbe Arbeitsleistung erbringen kann wie der Elternteil, der nicht oder weniger betreut.

Zu verlangen, dass die Betreuung von Kindern quasi nebenher und völlig selbstverständlich laufen soll, ist, ich wiederhole mich, hochgradig unfair.


Nun werden, und damit beschließe ich diesen Text, viele Maskulisten an dieser Stelle argumentieren: „Aber er zahlt doch alles. Da kann der (bzw. die) eine sich doch neben der Vollzeittätigkeit ums Kind kümmern oder muss gar nicht Vollzeit arbeiten, wenn der andere doch alles zahlt!“.

Das allerdings verkennt völlig, wieviel ein Kind wirklich kostet. Wesentlich mehr nämlich, als die Düsseldorfer Tabelle so meint.


Ein kleines Beispiel: Ein ehemaliges Ehepaar hat ein 8-jähriges Kind, das 80 % der Zeit beim Vater lebt. Die Mutter des Kindes hat ein Nettoeinkommen von 3.000 € monatlich, der Vater des Kindes aufgrund längerer Familienauszeit ein Nettoeinkommen von 2.100 €. Der Vater hat eine 2,5-Zimmer Wohnung für 1200 € warm (ohnehin für eine Großstadt eher günstig). Alleine würde ihm eine 1-Raum Wohnung für 700 € reichen. Er zahlt also 500 € mehr an Miete. Da er ganztags arbeitet, braucht er auch eine solche Betreuung und zwar bis 18.00 (wobei er sich noch sehr hetzen muss, um pünktlich da zu sein, viele Einrichtungen schließen sogar bereits um 17.00 Uhr). Mit Mittagessen betragen die Kosten für den Hort 230 €. Damit wären wir bereits bei 730 € an Mehrkosten für das Kind. Die Schule verlangt im Monat 15 € Materialkosten, dazu kommen noch weitere Materialkosten von 5 € (Schulranzen, Federmäppchen, Schere etc. hochgerechnet auf die Schulzeit, außerdem Hefte, Bleistifte, Buntstifte, Radiergummi …), dazu Essen, Kleidung und Freizeit für das Kind von 250 € (das Kind besucht einen Sportverein und möchte wahrscheinlich auch ein bisschen mit Freunden mithalten können, zudem kostet die nötige Ferienfreizeit). 250 € ist recht tief gegriffen, realistischer wären wahrscheinlich 300 €.

Da wären wir also bei 1000 € Kosten für das Kind. Der Vater erhält von der Mutter aber lediglich 366 € (461 € minus halbes Kindergeld). Das Einkommen für ihn + Kind beträgt also monatlich 2.656 € (2.100 € Einkommen + 366 € Kindsunterhalt + 190 € Kindergeld).

Das, obwohl sich der Vater in unserem Beispiel meist um das Kind kümmert, Hausaufgaben betreut, kocht, wäscht, auf Elternabende und in Sprechstunden geht, das Kind pflegt, wenn es krank ist, es zum Sportverein fährt, zum Kinderarzt fährt, sowie zum Logopäden und daneben 8 h täglich arbeitet und folglich keine Freizeit mehr hat.

Zudem kann er niemals im selben Umfang beruflich aufsteigen wie die Mutter, da er wegen Schließzeiten der Betreuungseinrichtung keine Überstunden leisten kann und bei Kranktagen des Kindes zu Hause bleibt, sowie einen Großteil der Ferien abdecken muss.


Wer also so wie oben argumentiert, müsste dann dafür plädieren, die Beiträge nach der Düsseldorfer Tabelle so eklatant heraufzusetzen, dass sie sich an den tatsächlichen Kosten für das Kind orientieren. Das aber ist wesentlich schwerer umzurechnen (und unfairer) als ein Betreuungsgehalt für denjenigen, der den Großteil der Betreuung tatsächlich übernimmt.

Zum Abschluss noch ein sehr eindrücklicher Artikel aus Die Zeit zur Situation Alleinerziehender.

„Der hat ja n‘ Mädchenshirt!“ – verengte Sicht auf Jungen und Mädchen

In den letzten Tagen stand ich oft vor den Kleiderschränken der großen Kinder: Aussortieren für Flohmärkte. Und dabei fiel mir eins auf: Der Große hat 13 Shirts. Davon ist eins rosa, eins so ein pinkorange, letzteres hat ne Hexe drauf. Der Rest ist blau, grün, gelb und orange und ziemlich „jungslastig“, zwei sind eher „neutral“. Das Mädel hat 15 Shirts, davon sind 4 „Jungsmotive“ und drei „neutral“. Der Rest ist Meerjungfrauen und rosa Monster und Glitzer und Hexen.

Beide haben also wesentlich häufiger „geschlechtsspezifische“ Kleidung an als das Gegenteil. Gut, das mit der Hexe mag er schon ziemlich gern, aber auch zwei bis drei andere. Ich würde sagen, an mindestens 5 von 7 Tagen laufen sie eher ziemlich konform rum (wobei grade bei dem Mädel gerne Kombis wie Drachenhose und Glittershirt vorkommen).

Was aber fällt auf? „Dein Junge ist aber schon selten, oder? Ich meine, ne Hexe? Würd meiner ja nie …“

Ich gucke auf das Kind – blaue Jeans, blauer Hoodie, Shirt mit Minions in grün.

„Ja, mag er schon auch gerne, aber meist läuft er ja eh rum wie deiner.“

Skeptischer Blick auf das Kind. „Jaaaaaaa, stimmt schon, HEUTE, aber am Montag, da hatte er doch das Shirt mit der Hexe drauf an. Also, das hat er doch voll oft an! Der ist schon echt selten.“

Würde das Mädchen an einem oder zwei Tagen in der Woche mit Hexenshirt rumlaufen und ansonsten im blau-grün-gelben Skaterlook, sie wäre sicher der Tomboy schlechthin. Was man schon hieran wunderbar sieht:

Nahezu baugleiches Gespräch im Kindergarten:

„Also deine, die ist ja schon ein Räubermädchen, oder? Die ist ja ein halber Junge! Jaja, der große Bruder, gell!!!“

Kind hockt mit Glitzershirt in der Puppenecke.

Ein gedehntes „Ich meine, heute morgen hatte se ja auch schon wieder die blaue Mütze mit Pirat auf und blaue Turnschuhe hat se auch. Die sieht ja aus wie der Bruder!“

Würde „der Bruder“ dagegen mit Glitzershirt und blauer Piratenmütze ankommen, ich verwette meinen linken Fuß darauf, dass ich auf das Glitzershirt angesprochen würde.

Ergo: Selbst bei einem Verhalten mit circa 80 % geschlechtskonformen Verhalten, bei dem „nicht-konformes“ Verhalten nur als Variante neben vielen Verhaltensweisen vorkommt, was fällt auf? Die Tage und die wenigen Dinge, die „anders“ sind!

Wahrscheinlich kommt genau so das Gerücht zustande „Genderisten“, würden „Mädchen zu Jungs und Jungs zu Mädchen erziehen“.

Es ist offenbar eine Wahrnehmungsfrage. Und weil die Welten von Jungen und Mädchen augenscheinlich mittlerweile so weit auseinandergedriftet sind, fällt es bereits auf, wenn das „andere“ auch nur ab und an getragen wird oder hin und wieder  „falsches“ Verhalten gezeigt wird.

Bereits ein Junge, der Rosa und „Mädchenmotive“ für sich nicht völlig ausschließt, gilt als „Mädchenjunge“ und ein Mädchen, das neben dem Glitzershirt, der rosa Jacke oder der Herzchenhose mal ne Piratenmütze, blaue Turnschuhe oder eine Drachenhose anhat, gilt schon als „halber Junge“.

Gebt den Jungs Liebe!

Neulich traf ich in einer Buchhandlung Vater und Sohn, die ich vom Sehen her kannte. Der Vater sprach mit der Buchhändlerin und auf einmal legte der Junge, er ist etwa 13, den Kopf mit der größten Selbstverständlichkeit vertraulich auf die Schulter seines Vaters. Wobei Legen vielleicht das falsche Wort ist, er schmiegte ihn eher an den Hals des Vaters, der wiederum mit ebenso großer Selbstverständlichkeit mit der Hand über den Kopf seines Sohnes strich.


Ich muss zugeben, dass ich das im ersten Augenblick befremdlich fand. So ein großer Bub, das geht doch nicht. Als ich das dachte, hätte ich mir ehrlich gesagt noch im selben Augenblick am liebsten selbst vor den Kopf geschlagen. „Ein Junge weint doch nicht“, „Ach geh, so ein großer Bub und heult“, „Na, willst ein Mamasöhnchen werden?“, „Stell dich nicht an wie ein Mädchen.“ Das ist nur eine kleine Auswahl der Dinge, die man als Mutter eines Buben so mitanhört. Und der Junge hört sie sicherlich noch viel öfter. Es ist interessant, wie viele solcher Sätze man selbst im Kopf hat, immer abrufbar, teilweise nur halbbewusst.


Und da frage ich mich wieder mal: Was ist das eigentlich immer noch in unserer Gesellschaft, das Jungen Härte, das Unemotionale und den einsamen Wolf antrainieren möchte? Warum soll es denn komisch sein, wenn ein „großer Junge“ noch Kuschelbedürfnis hat und die Nähe vertrauter Menschen sucht? Mädchen gestehen wir das doch auch zu. Warum sollte ein Junge nicht ein Bedürfnis nach Trost, Halt und Liebe haben, selbst wenn er dem Kindergarten schon entwachsen ist? Gerade dann ist es doch verwirrend genug in der Welt.


Nein verdammt, der Junge in der Buchhandlung und sein Vater haben genau richtig reagiert. Gebt den Jungs Liebe! Gebt ihnen so viel Liebe, wie sie brauchen. Und gebt einen feuchten Kehricht auf dumme Kommentare. Das ist leichter gesagt als getan, ich weiß. Aber sie haben Liebe und Zuwendung verdient. Ganz genauso wie die Mädchen. Und Liebe muss beileibe nicht heißen, einen Jungen zu einem harten Hund zu trainieren.

Stinkt Rosa?

Immer wieder mal höre ich von Bekannten, der Feminismus wäre ihnen prinzipiell schon irgendwie sympathisch, zumindest Teile davon. Wenn nur, ja wenn nur nicht jene Ablehnung des „Femininen“ wäre. Das Ganze gipfelt dann oft in der Aussage „also ich mag ja Rosa und Glitzer, das will ich mir nicht verbieten lassen“ oder auch „meine Tochter mag eben Rosa, soll ich es ihr verbieten?“


Wenn ich dann genauer nachfrage, kommt fast immer heraus, dass es sich bei dieser Vorstellung um eine Mischung aus gängigen Vorurteilen gegenüber Feministinnen (tragen alle nur Jeans und Holzfällerhemd und schminken sich nicht) und diverser Überschriften diverser Zeitungsartikel handelt, gekrönt von der Feststellung, da gäbe es doch „irgendwie diese Gruppe, und die heißt doch ‚Pinkstinks‘, also ‚Rosa stinkt‘ „. Nun hat Pinkstinks ja zu der Rosafrage eine recht differenzierte Einstellung, wie man z. B. diesem Artikel entnehmen kann, aber leider kommt anscheinend bei Personen, die sich allenfalls sehr oberflächlich mit dem Thema Feminismus beschäftigen letzten Endes an, dass „der Feminismus“ Rosa, Glitzer, süße Dinge, Küchlein, Flitter und ähnliches kategorisch ablehnen würde oder allenfalls für Jungen und Männer adäquat fände.


Ist das so? Im Feminismus der 70er bis 80er Jahre gab es diese Tendenz im Sinne einer Auflösung von Rollen durchaus. Damals ging es dann aber auch eher darum, Kinder generell möglichst bunt zu kleiden, Mädchen wie Jungen und nicht um eine Verkehrung der Geschlechter. Das ist aber nun einige Zeit her. Ist Rosa aber im heutigen Feminismus tatsächlich „schlecht“, sozusagen the ultimative evil?


Ganz ehrlich? Die Frage ist genauso sinnig wie die Frage „ist Grün schlecht?“ Rosa ist erstmal nur eine Farbe. Problematisch wird es erst, wenn diese spezielle Farbe mit anderen Attributen vermischt wird (niedlichen Tieren, Blümchen, Schleifchen etc.) UND (!!!) dieses ganze Paket dann einem Geschlecht als obligatorisch zugewiesen wird, während es dem anderen quasi verboten wird. Das allein ist der Kasus Knacktus. Nicht die Farbe, nicht das Glitzer, nicht die süßen Tierchen für sich, sondern die Aussage „Wer rosa trägt, ist süß und niedlich und klein … und selbstverständlich ein Mädchen.“ Ich wiederhole mich, ab dann und erst DANN wird es problematisch. Wenn mit einer Farbe bestimmte Charaktereigenschaften verbunden werden und diese dann dem einen Geschlecht zugeschrieben UND dem anderen gleichzeitig verboten werden. Nein, nicht verboten in dem Sinne einer gesetzlichen Regelung. Sondern verboten in dem Sinne, dass bereits kleine Jungs mit rosa Sandalen kritisch beäugt werden – „SO lässt du ihn raus?“ Dass irgendwie eine „Verschwulung“ durch ein simples rosa Shirt an einem Jungen befürchtet wird (und warum eigentlich wäre das derart schlimm?). Dass schon die Verkäuferin im Laden sagt „Das sind aber Mädchensandalen, die sind nichts für dich.“


Es sind Fragen nach sterotypen Vorstellungen von Geschlecht, die sich der moderne Feminismus stellt. Und deshalb ist Rosa nicht schlecht und Glitzer nicht schlecht. Rosa ist eine Farbe. Eine hübsche Farbe, wenn man mich fragt (und auch die Leute von Pink stinks, so nebenbei). Glitzer finden fast alle Kinder toll – ich sage deswegen Kinder, weil ich noch kaum einen Jungen erlebt habe, der nicht jede „legale“ Möglichkeit zum Beglitzern nutzt – das Weltraumthema ist da sehr beliebt.


Also zieht Rosa an, so viel ihr wollt. Tragt Glitzerschmuck und esst süße Cupcakes – no problem at all. Aber verdammt nochmal erzählt einem Mädchen nicht, dass es ohne Rosa „kein richtiges Mädchen“ wäre oder einem Jungen nicht, dass mit ihm irgendwas nicht stimmt, weil er das rosa Shirt viel besser findet als das graue.

Ach, und übrigens: Ein rosa Shirt mit nem Hai drauf wäre mal so richtig cool. Warum eigentlich nicht?


Fazit: Muss ich mich laut Feminismus dafür schämen, Rosa zu mögen und „feminines“ Verhalten zu zeigen? Natürlich nicht! Muss ich mich laut Feminismus dafür schämen, andere Menschen oder gar Kinder anzugreifen und maßzuregeln, weil sie sich nicht rollentypisch verhalten? Muss ich mich dafür schämen, solchen Menschen (und seien es die eigenen Kinder) zu vermitteln, dass mit ihnen „etwas nicht stimmt“? Aber Holla die Waldfee – ja, natürlich!

Wer kümmert sich ums Kind? Und was, wenn Muttern ausfällt?

Vor einigen Tagen las ich zwei wunderbare Artikel von „Das Nuf“. Eine Parodie zum aktuellen Spiegelthema („Sind Väter die besseren Mütter?“) sowie zu „Maternal Gatekeeping“.
Und das brachte mich ins Grübeln. Denn vor ein paar Tagen war ich völlig heiser, keine Stimme mehr. Mein bester Ehemann von allen sollte einen Arzttermin für eins unserer Kinder vereinbaren. Am Telefon stellte sich heraus: Er konnte es nicht. Ich musste mich neben ihm stellen und „Ja“, „Nein“, „keine Ferien mehr“ oder „ist bei ihm kein Problem“, auf ein Zettelchen schreiben. So dass eigentlich ich den Termin vereinbarte und er mir nur seine Stimme lieh.


Denn:
Er kennt weder den Stundenplan noch weiß er um die Ferienzeiten, noch um die Nachmittagstermine, obwohl all dies auf unserer Pinnwand zu finden ist. Auch kennt er offenbar, ich war selbst erstaunt, die Eigenarten der Kinder beim Arztbesuch gar nicht.

All dies hätte ich, hätte mich zuvor jemand danach gefragt, weit von uns gewiesen. Dennoch ist es so.


Dann dachte ich an meinen Krankenhausaufenthalt von 3 Tagen letztes Jahr.

3 Tage die kaum zu organisieren gewesen waren, in den Tagen davor jonglierte ich mühsam mit Großeltern, Freundinnen und Babysittern. 3 Tage!
Länger als ein paar Stunden allein mit dem Papa war nur eins der Kinder und auch da stand ein Krankenhausaufenthalt im Hintergrund (Papa mit Kind im Krankenhaus, weil kleines Still-Baby daheim). Während auf der anderen Seite alle Kinder bereits wochenlang alleine mit mir waren.


Und das wiederum führte mich zu der durchaus erschreckenden Erkenntnis, dass ich es mir schlicht nicht leisten könnte, umzukippen und für, sagen wir mal, zwei Wochen auszufallen.


Wie konnte es so weit kommen? Das wiederum Erschreckende ist: Ich kann es nicht mal sagen.

Mein Mann hat sich immer freiwillig viel in Kinderbetreuung und Haushalt engagiert. Ich war nie eine Gatekeeping-Mutter (obwohl ich das Wort schrecklich finde), und das Einzige von dem ich überzeugt war, es besser zu können als er, war das Stillen.
Es muss sich irgendwie über die Jahre eingeschlichen haben, ohne dass wir beide das irgendwie aktiv forciert oder gemerkt hätten. Und jetzt ist es schwer wieder zu ändern.


Vermutlich stehen solche eher unbewussten Prozesse bei traditioneller Rollenverteilung immer im Hintergrund. Man kennt es so schon von den Eltern. Das wurde immer schon so gemacht. Elternzeit wegen Stillen nimmt Sie. Das Kind hat sich mehr an die Mutter gewöhnt. Und irgendwann hat man ein traditionelles Rollenmodell, das man so nie wollte.