Homosexualität, Islam und Katholizismus

Auf ZEIT online bin ich auf einen interessanten Artikel des liberalen Islamwissenschaftlers Muhammad Sameer Murtaza gestoßen. Er ruft dabei seine Glaubensbrüder und – schwestern auf, homosexuellen Menschen gegenüber freundlicher und toleranter aufzutreten und definiert homosexuelle Menschen als Teil der islamischen Gemeinschaft, der „Umma“. Er zeigt auf, dass im Koran (wie übrigens auch in der Bibel) Homosexualität ein Randthema ist und die strikten Haltungen dazu mit der heiligen Schrift nicht in Einklang zu bringen sind.

Einerseits. Der Artikel enthält viele gute und wichtige Impulse. Auf der anderen Seite aber hat er mich fatal an die Position meiner eigenen, der römisch-katholischen Kirche, erinnert.

Dort ist im Katechismus zu lesen „Eine nicht geringe Anzahl von Männern und Frauen sind homosexuell veranlagt. Sie haben diese Veranlagung nicht selbst gewählt; für die meisten von ihnen stellt sie eine Prüfung dar. Ihnen ist mit Achtung, Mitleid und Takt zu begegnen. Man hüte sich, sie in irgend einer Weise ungerecht zurückzusetzen. Auch diese Menschen sind berufen, in ihrem Leben den Willen Gottes zu erfüllen und, wenn sie Christen sind, die Schwierigkeiten, die ihnen aus ihrer Veranlagung erwachsen können, mit dem Kreuzesopfer des Herrn zu vereinen.“ (Katechismus 2358)

Papst Franziskus selbst hat sich, und das war durchaus ein Meilenstein, vor einiger Zeit so geäußertWenn eine Person homosexuell ist und Gott sucht und guten Willens ist, wer bin ich, um über sie zu richten?„.

Muhammad Sameer Murtaza argumentiert sehr ähnlich. Er schreibt „Aber es kann keinen Zweifel geben: Ein homosexueller Muslim, der an Gott, an die Engel, die Offenbarungsschriften, die Propheten und den Jüngsten Tag glaubt, der seine Gebete verrichtet, der im Ramadan fastet, der die Pflichtabgabe entrichtet und die Pilgerfahrt nach Mekka unternimmt, ist Muslim und damit Teil der Umma. „

Gleichzeitig aber, und hier treffen sich seine Position und die römisch-katholische, schreibt er „Dies ändert nichts daran, dass die Heterosexualität die von Gott gewünschte Norm ist. Aber Er hat in Seiner Schöpfung auch Abweichungen zugelassen.“ und „Eine Homo-Ehe wird es im Islam nicht geben, da diese Beziehungsform ausschließlich für Mann und Frau vorgesehen ist. „

Er befürwortet „homosexuelle Lebensgemeinschaften“ aber eben explizit keine „Homo-Ehe“. Das ist eine Position, die sehr an die derzeitige offizielle Position der katholischen Kirche erinnert. „Die katholische Kirche in Deutschland hat schon in der Vergangenheit erklärt, dass ihr diese Forderung zu weit geht. Sie hat dargelegt, dass nach ihrer Auffassung das Rechtsinstitut der Ehe nicht nur die Partnerschaft zwischen Frau und Mann allein zum Bezugspunkt hat, sondern auch das Ehepaar, das Elternpaar geworden ist und Sorge und Verantwortung für Kinder trägt.“

Allerdings scheint Herr Murtaza eine rein weltliche „Ehe“ (für ihn wohl offenbar eher eine „Lebensgemeinschaft“) gutzuheißen, wie man aus seinen Eingangssätzen schließen kann „Eigentlich müssten wir Muslime die Gleichstellung homosexueller Lebensgemeinschaften, wie in Irland geschehen, begrüßen. Da kämpft eine Minderheit gegen Vorurteile, Verachtung und Diskriminierung.“ Damit geht er über die katholische Position des Katechismus hinaus, die tatsächlich Keuschheit fordert.

Auch in der katholischen Kirche gibt es Theologen, die so denken, sogar noch weit darüber hinaus, wie z. B. der Mainzer Professor für Moraltheologie Stephan Goertz und seine Mitstreiter mit ihrer Schrift „Wer bin ich, ihn zu verurteilen?“

Herr Murtaza kritisiert aber gleichzeitig, wie in der Vergangenheit auch immer wieder Vertreter der römisch-katholischen Kirche, das angebliche „Zurschaustellen“ von Homosexualität:

„Über Jahrhunderte war es in muslimischen Gesellschaften Sitte, Homosexualität zu dulden, solange deren Ausübung diskret geschah. Die Treibjagd gegen Homosexuelle ist jüngeren Ursprungs, sie rührt vom Einzug der Moderne, einer offensiven Liberalität in die muslimische Welt. Viele Muslime beziehen ihr Bild von homosexuellen Lebensformen allein aus TV-Bildern des Christopher Street Day. Dieser ist aber ein Zerrbild. Es gibt viele Homosexuelle, die diese schamlose Zurschaustellung ebenso ablehnen wie viele Heterosexuelle.

Die meisten Homosexuellen gehen genauso verantwortungsbewusst mit ihrer Sexualität um, wie heterosexuelle gläubige Muslime es tun. Sexualität ist für sie ein heiliger Akt, der Ausdruck einer gelebten Liebesbeziehung vor Gott ist. Dieses Verständnis verträgt sich nicht mit öffentlicher Inszenierung.“

Kurz zu meiner Einschätzung am Schluss:

Wenn Gott die Liebe zwischen Menschen geschaffen hat, dann sollten auch die Religionen ihre unverständliche und weitgehend unbegründete Ablehnung gegenüber Ehen zwischen gleichgeschlechtlichen Menschen aufgeben. Im Gegenteil, sie sollten sich freuen, dass ihr Eheverständnis so breiten Zuspruch findet, dass auch nichtheterosexuelle Menschen es gut finden und teilen wollen und eine feste Verbindung vor Gott miteinander eingehen wollen.

Auch habe ich kein rechtes Verständnis dafür, warum immer wieder die angebliche „zur Schaustellung“ der Homosexualität z. B. durch den CSD kritisiert wird. Ja, es gibt dort schon immer wieder einige Wägen, die auch mir persönlich, meinem Geschmacksempfinden, zu weit gehen. Aber andererseits waren der CSD und andere Veranstaltungen immer legitime Mittel, auf die Ausgrenzung von Menschen mit LGBT-Lebensstilen hinzuweisen und zu demonstrieren, wie weit verbreitet und vielfältig diese sind. Zu fordern, LGBT-Menschen sollten sich quasi vornehm zurückhalten, unsichtbar machen und bloß nicht zu sehr auffallen, um akzeptiert zu werden, ist, so finde ich, ebenfalls eine, wenngleich „sanftere“ Form der Homophobie.

Muhammad Sameer Murtaza ist ein sehr liberal eingesteller Islamwissenschaftler und insofern finde ich es traurig, dass selbst die liberalste Form eines Islamverständnisses offenbar immer noch ablehnend gegenüber Homo-Ehe und „öffentlich“ sichtbarer Homosexualität auftritt und er, wie die katholische Kirche, Homosexualität offenbar nur als Abweichung und nicht als Variante begreift, die man sozusagen „gnadenhalber“ toleriert.

Ein Vorwurf, den ich ebenso der meiner Kirche machen muss, wenn sogar ein reformorientierter Theologe wie Hans Küng strafend gegenüber der anglikanischen Kirche sagt Ich kann zum Beispiel nicht verstehen, warum unter allen Umständen etwas durchgesetzt wird, wie es in der anglikanischen Kirche der USA der Fall war: dass ein Pfarrer, der einen Freund hat – was man tolerierte -, unbedingt Bischof werden sollte. Das spaltete die Diözese und die anglikanische Gemeinschaft, das ist für viele Gemeindemitglieder eine Zumutung.

Fazit: Trotz guter Ansätze sehe ich derzeit weder im Katholizismus noch im Islam ein wirkliches Verständnis für die Lebenssituation von LGBT-Menschen.

Mut machen mir dagegen Menschen wie Stephan Goertz und seine Mitstreiter.

Gebe Gott, dass sich deren Verständnis und ihre liebende, offene Einstellung nach und nach durchsetzt.

 

Kopftuchfragen

Auf dem Blog hataibu’s world ist ein sehr lesenswerter Beitrag zum Streitthema Kopftuch erschienen, dem ich fast nichts hinzuzufügen habe.

Nur einen kurzen Gedanken zu Michaels Eingangsfeststellung „Als Mann betrifft es mich Im Übrigen auch gar nicht.  Jedoch sehe ich genau in dieser Tatsache schon den ersten Ansatz für Kritik: warum soll etwas für Frauen gelten, für Männer aber nicht?“.

Das genau ist der Punkt. Ein religiöses Symbol, im Sinne eines Zeichens „ich bin …“ kann selbstverständlich von allen Mitgliedern der entsprechenden Religion verwendet werden. Das betrifft den christlichen Fisch, das christliche Kreuz und den jüdischen Davidsstern ebenso wie das hinduistische „Om“ oder das muslimische Hilal-Zeichen bzw. die Hand der Fatima (Khamsa).

Wenn aber etwas auf eine bestimmte Gruppe beschränkt ist, muss es eine Bedeutung geben, die über ein bloßes „Zeichen“ hinausgeht. Das kann die Zugehörigkeit zu einer Gruppe in der Gruppe sein, also ein „Herausheben“  aus der Gruppe (Pfarrerskragen, Mönchsgewand) oder aber auch eine weitere Bedeutung transportieren (Reinheit, Keuschheit, Sündlosigkeit oder im Gegenteil auch Sündhaftigkeit). Wenn ein Zeichen auf ein Geschlecht beschränkt ist, fragt man sich also automatisch nach der weitergehenden Bedeutung.

Ich denke, was sehr viele am Kopftuch stört, ist die implizite Botschaft „nur eine Frau, die sich bedeckt, ist anständig und rein“ bzw. „Männer können sich beim Anblick von Frauenhaar nicht zügeln“. Das hat einerseits eine exkludierende Wirkung („eine Frau, die sich nicht bedeckt, ist unrein“) und andererseits wird ein auch nicht gerade sehr positives Männerbild transportiert. Wäre das Kopftuch ein bloßes Kleidungsstück, es würde sich keiner daran stören. Erst das Aufladen mit weiterer Bedeutung bedingt seine Brisanz.

Tuntenhass – der neue Schwulenhass oder auch „Willkommen in der Monokultur“

Wir alle sind jetzt nicht mehr homophob. Zum Glück! Schwule und Lesben finden wir ganz okay. Natürlich nur, so lange es sich dabei nicht etwa um, Gott bewahre, „Tunten“ handelt. Oder, wahlweise, um „Kampflesben“. Wenn die im Großen und Ganzen so sind „wie wir“, also „manlike“ (Schwule) oder auch „weiblich“ (Lesben), drücken wir mal ein Auge zu. Wenn Männer mit Männern knutschen. Und so zwei „geile Lesben“ … Hachja … Wir sind ja jetzt tolerant. Ist eh klar.

Aber diese Typen, also nee, diese Schwuchteln, die so auftreten … ihr wisst schon, „Hallöchen“, und so die falschen, unmännlichen Bewegungen machen und irgendwie so tuntig rumlaufen oder gar „schrill“ und Modedesigner werden wollen oder tanzen … neeee, also echt. Da hört’s dann auf mit der Toleranz! Das ist dann echt zu viel. Kann man uns nicht zumuten.

Oder die Weiber mit den kurzen Haaren und unrasiert! Da ist doch 0 Sexappeal, wenn man sich mal ne geile Lesbenszene herimaginieren will. Schlimm das! Unsozial von denen, so rumzulaufen! Lieber ne Lesbe vom Typ Anne Will, da kann man sich wenigstens …

So nochmal zurück auf Los. Und jetzt mal im (bitteren) Ernst. In letzter Zeit fallen mir vermehrt Aussagen der Art auf „Ich hab ja nichts gegen Schwule, aber … Tunten gehen so gar nicht“. Und das teilweise von anderen schwulen Männern (nein, adrian, da bist nicht nur Du gemeint). Da ist beispielsweise der  Bekannte, selbst seit Jahrzehnten geoutet, der neulich  abfällig über „die Schwuchteln“ sprach. Wovon er sich und alle „manlike“-Schwulen natürlich ausschloß. Und da ist die Dame, selbst bisexuell, die meint, irgendwie über „hässliche Mann-Lesben“ herziehen zu müssen.

Und da frage ich dann einfach „Geht’s noch, Leute?“ Hallo? Dafür haben wir (ja, ich schließe mich da ein) jetzt Jahrzehnte gekämpft? Dafür haben schwule, lesbische, bisexuelle und trans Menschen sich blaue Augen geholt, wurden verprügelt, beschimpft, bespuckt, gar getötet? Dafür, dass das Ergebnis jetzt heißt „Homo ist ja okay, aber bitte nur mainstream“? Dafür, dass jetzt homosexuelle Menschen auch andere homosexuelle Menschen verachten dürfen, in fröhlicher Eintracht mit denen, die früher mal alle „Homos“ „krank“ fanden und jetzt zum Glück nur noch „die einen“. Ernsthaft?

Ja, es ist verständlich, dass man gegen doofe Klischeevorstellungen bezüglich Lesben und Schwulen gekämpft hat („die sind ALLE so“) und klargestellt hat, dass man einen schwulen Mann von einem Heteromann nicht unbedingt unterscheiden kann oder eine lesbische Frau nicht unbedingt von einer Heterofrau. ALLES VOLL VERSTÄNDLICH. Aber wieso zum … zum Donnerdrummel … sollte das Resultat nun sein, sich der verordneten Binärität (Frau so, Mann so) anschließen zu müssen? Sollte es nicht vielmehr heißen: Mann sein/Frau sein kann man auf viele Weisen“? Und wer sich keiner der beiden Schubladen zugehörig fühlt, ganz genauso okay?

Und warum überhaupt schon wieder diese Schubladen? Hier die „weibliche“ süße Lesbe, dort die „Kampflesbe“. Hier der coole „manlike“-Schwule, dort die „tuntige Schwuchtl“. Haben wir nichts gelernt in all den Jahren? Dass jemand sich da und dort „tuntig“ verhalten kann,  zum Kosmetiker gehen und trotzdem Fußball spielen? Dass eine Frau einen Raspelkurzschnitt tragen kann, Kampfsport machen und trotzdem leidenschaftlich kocht und Kinder betreut. Warum nicht so? Warum schon wieder schwarz-weiß, mit dem kleinen Zusatzfeature „homo“?

Gott, macht mich das alles sauer. Und das sollte nicht nur eine Sache der „Homos“ sein, oh nein. Auch an alle anderen Menschen: Wollt ihr euch ganz im Ernst in irgendwelche Schablonen pressen lassen? Habt ihr da ernsthaft Lust drauf?

Und noch was, aus aktuellem Anlass: Wenn eins meiner Kinder ne „Tunte“ oder eine „Kampflesbe“ werden sollte oder irgendwas dazwischen, meinetwegen ne tuntige Kampflesbe ^^. Es wär mir, jawoll, sowas von egal. Das einzige, was mir nicht egal wäre, sind blöde Menschen, die meinen, sich deshalb negativ über sie äußern zu müssen.

Und noch was: Mein bester Freund sagt gerne mal „Hallöchen“ und dass er schwul ist, sieht man tatsächlich klischeemäßig 100 Meter gegen den Wind, oder so. Und? Who cares? Das ändert nichts, verdammt nochmal nichts daran, dass er ein unglaublich verlässlicher, netter, hilfsbereiter und durch und durch wertvoller Mann (jawohl, Mann!) ist.

Ich empfehle, sich mal 5 Minuten hinzusetzen und darüber nachzudenken, wie es wäre, wenn morgen jemand beschließen würde, dass alle Menschen goldblonde Haare und blaue Augen haben müssen und zwischen 1,80 und 1,90 m groß sein sollen. Das wäre sicher fein … für diejenigen, die diese Kriterien erfüllen. Und der ganze große Rest? Darauf nämlich läuft es hinaus.

Willkommen in der Monokultur!

 

 

 

„Der hat ja n‘ Mädchenshirt!“ – verengte Sicht auf Jungen und Mädchen

In den letzten Tagen stand ich oft vor den Kleiderschränken der großen Kinder: Aussortieren für Flohmärkte. Und dabei fiel mir eins auf: Der Große hat 13 Shirts. Davon ist eins rosa, eins so ein pinkorange, letzteres hat ne Hexe drauf. Der Rest ist blau, grün, gelb und orange und ziemlich „jungslastig“, zwei sind eher „neutral“. Das Mädel hat 15 Shirts, davon sind 4 „Jungsmotive“ und drei „neutral“. Der Rest ist Meerjungfrauen und rosa Monster und Glitzer und Hexen.

Beide haben also wesentlich häufiger „geschlechtsspezifische“ Kleidung an als das Gegenteil. Gut, das mit der Hexe mag er schon ziemlich gern, aber auch zwei bis drei andere. Ich würde sagen, an mindestens 5 von 7 Tagen laufen sie eher ziemlich konform rum (wobei grade bei dem Mädel gerne Kombis wie Drachenhose und Glittershirt vorkommen).

Was aber fällt auf? „Dein Junge ist aber schon selten, oder? Ich meine, ne Hexe? Würd meiner ja nie …“

Ich gucke auf das Kind – blaue Jeans, blauer Hoodie, Shirt mit Minions in grün.

„Ja, mag er schon auch gerne, aber meist läuft er ja eh rum wie deiner.“

Skeptischer Blick auf das Kind. „Jaaaaaaa, stimmt schon, HEUTE, aber am Montag, da hatte er doch das Shirt mit der Hexe drauf an. Also, das hat er doch voll oft an! Der ist schon echt selten.“

Würde das Mädchen an einem oder zwei Tagen in der Woche mit Hexenshirt rumlaufen und ansonsten im blau-grün-gelben Skaterlook, sie wäre sicher der Tomboy schlechthin. Was man schon hieran wunderbar sieht:

Nahezu baugleiches Gespräch im Kindergarten:

„Also deine, die ist ja schon ein Räubermädchen, oder? Die ist ja ein halber Junge! Jaja, der große Bruder, gell!!!“

Kind hockt mit Glitzershirt in der Puppenecke.

Ein gedehntes „Ich meine, heute morgen hatte se ja auch schon wieder die blaue Mütze mit Pirat auf und blaue Turnschuhe hat se auch. Die sieht ja aus wie der Bruder!“

Würde „der Bruder“ dagegen mit Glitzershirt und blauer Piratenmütze ankommen, ich verwette meinen linken Fuß darauf, dass ich auf das Glitzershirt angesprochen würde.

Ergo: Selbst bei einem Verhalten mit circa 80 % geschlechtskonformen Verhalten, bei dem „nicht-konformes“ Verhalten nur als Variante neben vielen Verhaltensweisen vorkommt, was fällt auf? Die Tage und die wenigen Dinge, die „anders“ sind!

Wahrscheinlich kommt genau so das Gerücht zustande „Genderisten“, würden „Mädchen zu Jungs und Jungs zu Mädchen erziehen“.

Es ist offenbar eine Wahrnehmungsfrage. Und weil die Welten von Jungen und Mädchen augenscheinlich mittlerweile so weit auseinandergedriftet sind, fällt es bereits auf, wenn das „andere“ auch nur ab und an getragen wird oder hin und wieder  „falsches“ Verhalten gezeigt wird.

Bereits ein Junge, der Rosa und „Mädchenmotive“ für sich nicht völlig ausschließt, gilt als „Mädchenjunge“ und ein Mädchen, das neben dem Glitzershirt, der rosa Jacke oder der Herzchenhose mal ne Piratenmütze, blaue Turnschuhe oder eine Drachenhose anhat, gilt schon als „halber Junge“.

Du bist kein Feminist, weil Du Feminist bist … wie antifeministische Diskussionsstrategien gegen Männer funktionieren

In letzter Zeit begegne ich in Diskussionen an denen sich feministisch orientierte Männer beteiligen, oder auch in Gesprächen über solche Diskussionen immer wieder zwei einander ähnlichen, durchaus perfiden Scheinargumenten von antifeministischer Seite. Beide sind rhetorisch geschickt aufgebaut und letzten Endes ein klassischer Zirkelschluss. Bedeutet, sie klingen erstmal recht logisch, funktionieren aber ausschließlich als in sich geschlossener Kreislauf (aus A folgt B, weil aus B A folgt).

  1. Feministische Männer haben ein Problem mit Frauen (und sind deshalb keine Feministen).
  2. Feministische Männer sind die wahren Konservativen (und deshalb keine Feministen).

Zu 1.) Immer wieder wird behauptet, man kenne irgendwie, irgendwo feministische Männer, die ja ganz besonders schlimme Machos gewesen wären – allerdings im Verborgenen. Gerne wird dann psychologisch verschwurbelt darauf hingewiesen, diese Männer müssten irgendwie ein Problem mit ihrer Männlichkeit haben (weil Feministen), sie wären vermutlich devot (und devote Männer haben selbstredend ein Problem mit ihrer Männlichkeit, was auch sonst?) oder aber hätten keinen Erfolg bei Frauen und müssten sich darum einschleimen (Lila Pudel Argumentation mit klarem Versuch einer Beschämung), obwohl sie Frauen „eigentlich“ verachten (und zurück auf Los!). Das „Argument“ funktioniert also folgendermaßen „Feministen haben ein Problem mit Frauen, weil sie ein Problem mit ihrer Männlichkeit haben, sonst wären sie ja keine Feministen. Also können sie gar keine Feministen sein, weil sie ja ein Problem mit Frauen haben. Ergo: Du bist überhaupt kein Feminist, weil Du Feminist bist und irgendwie bist Du auch unmännlich, sonst wärst Du ja nicht Feminist, vermutlich kriegst Du keine ab (fällt jemandem die Parallele zur „Feministinnen sind hässlich“-„Argumentation“ auf?), also äußere dich nicht.“ Eine Verbindung aus einem klassischen (aber völlig gewollten) Zirkelschluss und einer klassischen Beschämung über angeblich „unmännliches Verhalten“ also.

Zu 2.) Hier wird der (gewollte und doppelte bis dreifache) Zirkelschluss noch ein ganzes Stück offensichtlicher. Die „Argumentation“ erfolgt ungefähr so „Feminismus ist nur was für Frauen. Nur konservative, nicht feministische Männer verteidigen Frauen. Starke Menschen kämpfen für sich allein. Feministen glauben doch, dass Frauen stark sind. Also müssen sich Frauen selbstverständlich ganz alleine verteidigen (weil starke Menschen immer Einzelkämpfer sind, klaro, oder?). Also musst Du als Mann, der Feministen, also Frauen (weil Feministen sind ja alles Frauen, weil männliche Feministen gibt es ja nicht – zurück auf Los!) verteidigt bzw. deren Positionen teilt, ein konservatives Frauenbild haben. Wenn Du so ein konservatives Frauenbild hast, kannst Du (und zurück auf Los!) gar kein Feminist sein. Wenn Du dich also feministisch äußerst, bist Du überhaupt kein Feminist. Mund halten!“

Beide verfolgen ganz offenbar das Ziel, feministisch denkende Männer mundtot zu machen und ihnen die Existenzberechtigung abzusprechen, mit der letzten Endes schlichten und auf den zweiten Blick doch recht durchsichtigen Taktik: Wenn du dich feministisch äußerst, kannst Du kein Feminist sein. Besagter Zirkelschluss also kombiniert mit klarer Beschämung (zum Thema Beschämung hat, unter anderen Voraussetzungen, aber es funktioniert auch hier, der großartige Zaunfink erst einiges geschrieben). Nummer 2 bedient sich deutlicher einem (mehrfachen) Zirkelschluss, Nummer 1 deutlicher der Beschämung. Der feministische Mann kann also in dieser „Logik“ nur „wirklich Feminist“ sein, wenn er sich … gar nicht äußert. Wie praktisch!

Besonders absurd wird das, wenn man sich vor Augen führt, dass ein beliebter Vorwurf von antifeministischer Seite an „den Feminismus“ ist, dass Männer sich „dazu ja gar nicht äußern dürften“.

Schulmedizin – warum ich Menschen verstehen kann, die lieber zum Heilpraktiker gehen

Nachdem ich in letzter Zeit selbst eine gesundheitlich schwierige Situation hatte und noch zwei ältere Verwandte begleitet habe, ist mir, ganz ehrlich Angst und Bange geworden.

Meine ersten Krankenhauserfahrungen habe ich, als selbst noch minderjährige Praktikantin im Krankenhaus gemacht. Die Station damals, eine Kinderstation, war vergleichsweise gut. Aber einmal kam es zu folgender Situation: Ich sollte ein kleines Kind, 5 Jahre alt, zur HNO-Ärztin begleiten. Ich versuchte, es zu beruhigen, freundlich mit ihm zu sprechen. Hat auch geklappt. Bis die HNO-Ärztin kam. Sie schnauzte das Kind gleich als erstes an. Es hatte Angst vor der Untersuchung. Von ihr keine freundliche Zuwendung, kein gutes Wort. Stattdessen zu mir ein barsches „Halten Sie fest! So kann ich nicht arbeiten. Nicht anstellen!“. Heute weiß ich, ich hätte mich weigern müssen. Damals leider versuchte ich, zu tun, was von mir verlangt wird und das vor Panik schreiende und sich windende Kind auf meinem Schoß festzuhalten und dessen Kopf so zu drehen, dass die Ärztin untersuchen kann (begleitet von ihrem andauernden Geschimpfe über das Kind und mich). Vermutlich wurde es traumatisiert.

Bei meiner zweiten Geburt schrie mich mitten in den Presswehen eine blutjunge, sichtbar völlig überforderte Ärztin an, ich solle jetzt „gefälligst mal still halten“. Sie müsse nun diese Nadel setzen. Still halten in den Presswehen?

Eben jetzt wurde ich an diese Situationen wieder erinnert. Ich habe bei Ärzten und in Krankenhäusern so viele Dinge erlebt, die unmenschlich, kalt und grausam sind. Eine ältere Patientin, die sichtbar Angst vor Spritzen hatte, wurde neben mir barsch zurechtgewiesen wie ein kleines Kind, dann festgehalten und der zitternden Frau einfach zwei Nadeln gesetzt.

Eine alte demente Verwandte in den Kernspin geschoben. Vermutlich dachte sie, sie solle lebendig begraben werden. Die Angehörigen von dem Arzt angeherrscht, der dementen Person die Lage zu vermitteln wäre ja nun „ihr Problem“.

Beruhigende, freundliche Worte vor Operationen? Im Ausnahmefall.

Ja, natürlich, man findet freundliche, verständnisvolles Pflegepersonal und Ärzte. Aber sie zu finden ist Glück. Es ist eben gerade nicht sytemimmanent.

Offenbar gibt es keine oder kaum Ausbildung zum Umgang mit Patienten. Wie man sie beruhigt und ihnen Sicherheit vermittelt.

Und das ist fatal. Denn gerade wenn man krank ist und Angst hat, ist man verwundbar wie nie im Leben.

Was ich erlebt habe, hat den Ausdruck „Maschinenmedizin“ absolut verdient. Nicht nur, weil andauernd irgendwelche Maschinen, oft fast unerklärt zum Einsatz kamen. Sondern auch, weil viele der Pflegenden und Ärzte ganz sichtbar „ein Programm“ abgespult haben. Selten wurde hinterfragt, ob das jetzt überhaupt noch sinnvoll ist. Ob man einer schwerkranken Person jetzt diese quälende Untersuchung wirklich noch zumuten muss. Stattdessen Überforderung und Kälte allerorten. Und Angst ganz offenbar. Einmal erklärte uns ein jüngerer Arzt, wäre es seine Verwandte, er würde diese „Tortur“ niemals genehmigen. Das hätten wir aber bitte nicht von ihm. Er wolle keinen Ärger.

Dazu kommt noch die vielfach völlig unmenschliche, kalte Atmosphäre in vielen Krankenhäusern. Klar, man könnte jetzt sagen „ist doch in dieser Situation wirklich egal!“ Wirklich? Ich kann versichern, es gibt fast nichts Schlimmeres als in einem sterilen Krankenzimmer eine weiß geflieste Wand anzustarren, während man an einem Tropf und drei piependen Geräten hängt, eine gelangweilte Schwester alle 20 Minuten mal reinschaut und aus dem Nebenzimmer die Schreie der offenbar völlig verängstigten dementen älteren Dame im Ohr klingen. Das hat ziemlich viel mit meiner Vorstellung von Hölle zu tun. Und nun bin ich ja noch vergleichsweise jung und gesund. Wie mag es erst schwerkranken oder dementen Menschen gehen? Warum bitte kann man Krankenhäuser nicht ein wenig schöner und anprechender gestalten? Mehr an die Bedürfnisse der Patienten angepasst? Ist das so viel verlangt?

Ist es wirklich so viel verlangt, Ärzte und Pflegepersonal zu schulen, so dass sie nicht nur diagnostizieren können, operieren, Nadeln setzen, Blut abnehmen, sondern auch wissen, wie man mit kranken Menschen umgeht? Mit alten Menschen, dementen Menschen?

Ich verstehe jetzt wirklich jeden, der lieber zum Heilpraktiker geht als zum Arzt. Ich verstehe jede Frau, die ihre Kinder lieber im Geburtshaus bekommt als im Krankenhaus (und die Abteilungen sind im Vergleich noch top menschlich). Es ist seit langem bekannt, dass es einen wesentlichen Anteil am Genesungaprozess hat, ob sich der Patient sicher und halbwegs wohl fühlt. Das bieten weder die meisten Arztpraxen noch die meisten Krankenhäuser. Stattdessen verstört und verängstigt man die Patienten noch zusätzlich.