Sind Maskulismus und Feminismus unvereinbare Gegensätze?

Wenn man sich den öffentlichen Diskurs so ansieht, möchte man das meinen, oder?


Dennoch beantworte ich diese Frage mit einem ganz klaren „Nein“. Wie gesagt sehe ich als die größte Herausforderung des modernen Feminismus das Hinarbeiten auf einen Abbau stereotyper Vorstellungen von Geschlecht. Der Feminismus wäre damit eine Spezialisierung, die sich dieser Aufgabe v. a. was stereotype Vorstellungen von Weiblichkeit betrifft, widmet. Entsprechend wäre der Maskulismus das logische Gegenstück des Feminismus, eine Bewegung, die sich dem Abbau stereotyper Vorstellungen von Männlichkeit widmet. Ziel eines solchen Maskulismus wäre dann ganz entsprechend, die vielen unterschiedlichen Varianten des „Mannseins“ zu betonen, ihnen Raum zu erkämpfen und eben gerade nicht einschränkende Vorstellungen von Männlichkeit zu wiederholen.


Insofern wären Feministen letzten Endes dann auch Maskulisten und umgekehrt. Feminismus und Maskulismus wären damit lediglich zwei Seiten derselben Medaille, die sich jeweils bedingen. Denn wie soll der Abbau stereotyper Vorstellungen von Männlichkeit gelingen, wenn nicht auch stereotype Vorstellungen von Weiblichkeit hinterfragt werden und vice versa?


Warum ich dennoch eine, nunja, äußerst kritische Einstellung zu weiten Teilen des Maskulismus habe? Weil ich nicht feststellen kann, dass es der Bewegung, die sich gemeinhin als Maskulismus bezeichnet, tatsächlich darum geht. Vielmehr sehe ich ein Festzementieren von stereotypen Rollen, einen „Männer sind vom Mars, Frauen von der Venus“-Biologismus sowie eine extrem verengte, oft offen frauenverachtende Vorstellung von Männlichkeit und Weiblichkeit („Frauen geht es nur darum, versorgt zu werden“, „Frauen beuten Männer aus“, „weibliche Lehrer benachteiligen systematisch Jungs“, „Karrierefrauen sind schuld daran, dass es immer weniger Kinder in Deutschland gibt“).


Es gibt allerdings rühmliche Ausnahmen. Deren prominentester Vertreter ist Christoph Kucklick.
Wer keine Lust hat, seine Werke zu lesen, nun, dem empfehle ich immerhin diesen Essay, der weite Teile seiner Ansichten pointiert darstellt. Ich würde seine Grundeinstellung als „Gleichheitsmaskulismus“ bezeichnen und kann dem uneingeschränkt zustimmen. (Gut, bis auf einen Absatz, dazu aber später. )

Ein kleiner Einblick in den Text:
„Stattdessen sind die Forscher auf einen faszinierenden Effekt gestoßen: Sie können geschlechtliche Differenzen ziemlich einfach herstellen. Frauen schneiden in Tests als einfühlsamer ab? Nicht, wenn man den Männern sagt, sie seien ebenso empathisch – dann sind sie es auch. Männer haben ein besseres räumliches Vorstellungsvermögen? Nicht, wenn man den Frauen erzählt, sie seien dazu ebenso begabt; dann erzielen sie ähnliche Testergebnisse. Das Verfahren nennt sich Priming, die Impfung mit oder gegen Geschlechterklischees.
Diesen Trick beherrscht auch die Gesellschaft. Und betreibt einen monströsen Aufwand, aus den so ungemein ähnlichen Geschlechtern doch ein paar Unterschiede herauszupressen. Nichts betonen wir so wie Geschlecht – nicht Rasse, nicht Religion, nicht Einkommen, nicht Herkunft.“


Sätze, die gleichheitsmaskulistisch und gleichheitsfeministisch zugleich sind und sich mit der Rolle BEIDER Geschlechter auseinandersetzen. Kucklicks Text beschäftigt sich mit der Rolle des Mannes, mit der Dämonisierung von als männlich empfundenen Verhaltensweisen. Aber er leugnet niemals, dass die Effekte, die zu solch schematischem Denken führen, unter anderen Vorzeichen auch für Frauen gelten.

Das wirkt, im Kleinen wie im Großen. Auf zwei Gebieten haben wir besonders auffällig und viel diskutierten Erfolg: bei Gehalt und Gewalt.

Gehalt, sprich: ökonomische Chancen, enthalten wir Frauen in höherem Maße vor als Männern – besonders eklatant in den Vorstandsetagen und auf Professorenstühlen, aber auch beim Durchschnittseinkommen. Diese Lücke schließt sich zwar, aber nur sehr langsam. In Sachen Gewalt sorgt unsere Gesellschaft mit Akribie dafür, dass vor allem Männer Gewaltopfer und -täter sind. “ (Christoph Kucklick a. a. O.)

Und DAS ist ein Maskulismus, der die oben genannte andere Seite eines modernen Gleichheitsfeminismus ist.


Zum Schluss noch zu dem Absatz, dem ich nicht uneingeschränkt zustimmen kann. Herr Kucklick schreibt: „Vergleichbarer Unsinn kursiert womöglich auch über Frauen. Aber zum Glück traut sich niemand mehr, ihn zu drucken. Über Frauen liest man eher rosige Stereotype, dass sie kommunikativer, einfühlsamer und überhaupt besser geeignet für die Zukunft seien – wenn die Männer sie nur ließen.“


Leider ist dies, in Zeiten „mutigen“ Anschreibens gegen sog. „Gutmenschentum“ nicht mehr der Fall. Und in Kommentaren großer Onlinezeitungen liest man das, was Herr Kucklick hier als Unsinn bezeichnet wieder und wieder: „Frauen sind aufgrund ihrer Hirnstrukturen zu logischem Denken nicht in der Lage“, „Frauen sind zu emotional, um Führungspositionen einzunehmen“, „Frauen wollen eben gar nicht Vollzeit arbeiten“, „Frauen entwickeln sich als Kinder schneller, weil sie keine so hochstehende Lebensform sind“, so tönt es unter Artikeln von Spiegel online, der Zeit, dem Focus und anderen großen Medien sowie in diversen Blogs und Foren. Ob es gedruckt wird, ist in Zeiten des Internets nicht mehr wirklich relevant.


Insofern: Der „Unsinn“ existiert auf beiden Seiten und wird auch veröffentlicht. Dagegen gemeinsam anzugehen sollte Ziel des Feminismus und des Maskulismus sein.

Advertisements

4 Gedanken zu “Sind Maskulismus und Feminismus unvereinbare Gegensätze?

  1. „Vielmehr sehe ich ein Festzementieren von stereotypen Rollen, einen „Männer sind vom Mars, Frauen von der Venus“-Biologismus “

    Wahrscheinlich meinst du mich damit.
    Ich unterscheide zwischen Häufungen, Unterschieden im Schnitt und Essentialismus.

    Essentialismus würde bedeuten, dass alle Männer und alle Frauen bestimmte feste Eigenschaften haben (müssen) und dies der Maßstab ist. Das lehne ich ab und es ergibt sich auch nicht aus den biologischen Theorien

    Unterschiede im Schnitt bedeutet, dass innerhalb der Gruppen ein großer Spielraum ist, der auch zu überlappungen führen kann, dass aber eben im Schnitt durchaus Unterschiede deutlich werden. Männer und Frauen sind dann Normalverteilungen mit unterschiedlichen Mittelwerten, deren Träger sich überlappen. Das ist auch das Ergebnis der meisten mir bekannten Studien.

    Und dies führt eben zu Häufungen, wie bei einer Normalverteilung ja auch zu erwarten, die meisten Männer und Frauen sind relativ typisch, und das durchaus gerne, einige sind untypisch.

    Hier habe ich dazu was geschrieben
    https://allesevolution.wordpress.com/2014/02/10/geschlechterrollen-haufungen-wird-es-immer-geben-dies-darf-aber-keinen-konformitatszwang-erzeugen/

    Gefällt mir

  2. Hallo Christian,

    nein, dich meine ich nicht damit. Ich meine diese undifferenzierte „Männer / Frauen sind eben SO“-Haltung, die einem im Internet oft und gerne entgegenschlägt.

    Sicherlich sind wir nicht ganz auf einer Linie, aber prinzipiell habe ich kein Problem damit, dass es Häufungen gibt, die AUCH biologisch bedingt sein können und die in Wechselwirkung mit sozialen Komponenten stehen. Ich möchte das nur nicht absolut gesetzt wissen.

    Unsere Einstellungen widersprechen sich wahrscheinlich hier „dass innerhalb der Gruppen ein großer Spielraum ist, der auch zu überlappungen führen kann“. Bei mir würde es heißen „und es gibt große Schnittmengen zwischen den Geschlechtern in verschiedensten Gebieten“.

    Oder hier „Und dies führt eben zu Häufungen, wie bei einer Normalverteilung ja auch zu erwarten, die meisten Männer und Frauen sind relativ typisch, und das durchaus gerne, einige sind untypisch.“

    Ich sehe dagegen, dass wirklich „typische“ quasi „genormte“ Männer und Frauen sehr selten vorkommen und jeder auch seine völlig „untypischen“ Seiten hat, die einen mehr, die anderen weniger. Mir geht es darum, dass sich die Vorstellungen von „Frausein“, „Mannsein“ weiten und das nicht mehr derart bipolar gesehen wird. Sprich, ich halte nicht so viel davon, die doch nicht so eklatant großen Unterschiede zwischen den Geschlechtern derart zu betonen und zu verstärken, wie ich es oft bemerke (speziell bei Kindern).

    Aber so generell finde ich, dass Du ja auch widersprichst, wenn z. B. jemand behauptet, Frauen würden einfach nicht arbeiten wollen und dass Du das noch einmal differenzierst und Studien anführst, die so eine undifferenzierte Aussage widerlegen.
    Was ich nicht besonders gut finde, ist, wie Du zu jemandem wie Creepy Krauser stehst und ich bevorzuge eine andere Kommentarpolitik (ist aber letzten Endes deine Sache) aber ansonsten kann ich durchaus unterscheiden zwischen deinen Aussagen und denen in deiner Kommentarspalte. Zumal es recht langweilig wäre, wenn wir alle dieselben Ansichten hätten.

    Gefällt 1 Person

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.