Herkunftsfragen … Welche Rollen spielen Milieus heute noch?

Okay, das hier wird einerseits ein sehr persönlicher Beitrag, andererseits möchte ich in dem Zusammenhang aber auch einige gesamtgesellschaftliche Fragen aufwerfen.

In meinem Umfeld gibt es sehr selten Ehen, in denen die Partner aus unterschiedlichen sozialen Milieus kommen. Eigentlich weiß ich nur eine weitere, da war die Frau aus der „Arbeiterschicht“ (modern auch „prekäres-traditionelles Milieu“) und hatte eine kleine Ausbildung gemacht und er aus gutbürgerlichem Hause und studiert, diese Ehe ist aber mittlerweile mit Pauken und Trompeten gescheitert.

Ansonsten gibt es nur noch uns. Auf gewisse Art und Weise sind wir ein Sonderfall, da mein Mann ein „aufgestiegenes Arbeiterkind“ ist. Meine Urgroßeltern waren teilweise auch noch Bauern und Kleinbürger, aber mit hohem Bildungsanspruch, so dass es bereits in der Generation meiner Großeltern einen großen Anteil an Lehrern und Juristen gab.

Teilweise laufen wir in der Beurteilung durch unser soziales Umfelds unter „The Lady and the Tramp“.

Mein Mann und ich sind uns charakterlich sehr ähnlich, aber es fallen immer noch einige deutliche Unterschiede und damit auch Reibungspunkte auf, die recht eindeutig aus den Herkunftsfamilien resultieren, als da wären:

a) So lächerlich es klingt: Ein Streitpunkt zwischen uns ist bis heute die Wäsche. Für mich hat die fest und geruchsarm zu sein, sonst ekelt es mich – weichgespülte Wäsche, igitt. Für meinen Mann ist sie nur dann „frisch“, wenn ein billiges, stark künstlich riechendes Waschmittel verwendet wird und das ganze dann noch mit tonnenweise Weichspüler labbrig gespült wird. Das klingt doof, aber tatsächlich ist das echt ein Reibungspunkt im Alltag. Und es ist etwas, was meiner Erfahrung nach tatsächlich milieuspezifisch ist.

b) Der Umgang mit Medienkonsum v. a. Fernseher. Ich durfte nur sehr sehr reduziert fernsehen und nur Ausgewähltes (war oft auch sehr nervig). Bei meinem Mann daheim lief quasi 24/h täglich die Glotze. Das hat bis heute zur Folge, dass ich die Kinder eher weniger und mit schlechtem Gewissen gucken lässt, er einen nunja … eher sehr freien Umgang mit dem Thema Fernsehen hat.

3. Essen. Für Vollkornbrot und Gemüse ist mein Mann bis heute nur bedingt zu erwärmen – er hat ein Faible für Fastfood. Ich muss auch zugeben, dass ich als Kind so sehr gesund (über-)gefüttert wurde, dass mich das teils nicht so stört, aber seit wir die Kinder haben, meldet sich da schon oft das schlechte Gewissen bei mir. Mein Mann würde den Kindern aber bedenkenlos eine Kombination aus Milchschnitte, Apfel und Bifi mit in die Schule geben, während ich eher die Vollkornbrote mit Frischkäse und Gurke schmiere (naja, welche Pause haben die Kinder wohl lieber …).

4. Der Umgang mit Alkohol auf Feiern. Bei mir in der Familie ist es halt so auf Familienfeiern: Alle möglichen Darbietungen, viel Geplauder, dazu gutes Essen und etwas Wein oder Bier für die Erwachsenen und das auch nur in Maßen und wer will. Als ich das erste Mal auf einen Geburtstag bei meiner Schwiegerfamilie eingeladen war, war ich etwas entsetzt. Die Menschen waren warmherzig, das ja, aber „Feiern“hieß halt in erster Linie „Alkohol“. Und das viel. Und es wurde auch nicht so wirklich drauf geguckt, was ältere Kinder so trinken. Das war schon ein Kulturschock. Und obwohl mein Mann keinen Alkohol mag, hat sich das so eingegraben, dass er sich auf Feiern verpflichtet fühlt zu trinken.

5. Die Sprache. Mein Mann spricht oft sehr direkt und neigt zu dem derbem Humor seiner Herkunftsfamilie. Da er studiert hat, benützt er Fremdwörter aber dazu extrem häufig. Wesentlich häufiger als dies Menschen tun, die aus einem „Bildungshaushalt“ kommen. Diese, wie ich finde, recht niedliche, Kombination aus sehr direkter Sprache und dem Gebrauch sehr vieler Fremdwörter, ist recht typisch für die Akademiker aus Arbeiterfamilien, die ich kenne. Und sie stellt oft ein handfestes Problem dar, weil Menschen aus bildungsnahen Schichten oft deutlich indigniert (also peinlich berührt und naserümpfend) darauf reagieren – gerade auch auf die ihnen fremde Art von Humor (ich schließe mich da nichtmal völlig aus).

Alles in allem entstehen also doch im alltäglichen Zusammenleben einige Reibungspunkte. Ich frage mich, ob das der Grund ist, warum es doch so viele „milieuhomogene“ Ehen gibt?  Oder liegt dies schlicht daran, dass man sich überhaupt nicht kennenlernt, weil man wenig Berührungspunkte im täglichen Leben hat. Warum vermischen sich die Milieus so wenig?

Ebenfalls interessant finde ich die Frage, ob es Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts eventuell eine Phase höherer sozialer Mobilität gab als heute? Ich habe dazu wenig gefunden. Aber tatsächlich fällt auf, dass sehr viele Akademiker von heute ursprünglich aus bäuerlichen oder kleinbürgerlichen Verhältnissen stammen – allerdings meist die Urgroßeltern oder allenfalls noch die Großeltern.

Ich habe den Eindruck, dass mein Mann und noch einige wenige andere Bekannte als „Aufsteiger“ die große Ausnahme darstellen. Ist die soziale Mobilität überhaupt gegeben? Oder spielt das Elternhaus, die Sprache und die Umgangsweise, die man dort lernt, doch so eine große Rolle dabei, ob man von bildungsnahen Schichten anerkannt und akzeptiert wird? Wenn man z. B. auf die politische Bühne schaut, gibt es dort erschreckend wenig Nicht-Akademiker bzw. Menschen mit einer Herkunft aus bildungsfernen Schichten.Woran liegt es? Weil sich Menschen aus diesen Milieus nicht für Politik interessieren? Weil sie mit den Umgangsformen des akademisch geprägten politischen Betriebes nicht zurecht kommen? Wie viele Menschen in gehobenen Berufen stammen ursprünglich aus bildungsfernen Milieus?

Und noch ein kleines, witziges Detail zum Schluss: Tatsächlich hat es auch meine Schwester zu einem „aufgestiegenen Arbeiterkind“ gezogen (ich habe sie, da sie weiter weg wohnt, jetzt oben nicht unserem direkten sozialen Umfeld zugerechnet). Das finde ich, aufgrund der ziemlich geringen „Dichte“ in unserem Umfeld, doch sehr interessant.

 

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Falschbeschuldigung – „das perfekte Verbrechen, um einen Mann aus dem Weg zu räumen, ohne selbst ein Risiko einzugehen“?

In der aktuellen Kolumne von Margarete Stokowski las ich zum Thema Falschbeschuldigung das ZitatEs ist das perfekte Verbrechen, um einen Mann aus dem Weg zu räumen, ohne selbst ein Risiko einzugehen.

Es handelt sich um ein Zitat aus einem Interview der taz mit Jörg Kachelmann. Er sagt dort konkretDie hohe Zahl der Falschbeschuldigungen liegt daran, dass Täterinnen meist völlig straffrei ausgehen. Es ist das perfekte Verbrechen, um einen Mann aus dem Weg zu räumen, ohne selbst ein Risiko einzugehen.“

Da musste ich doch ziemlich mit dem Kopf schütteln. Ohne selbst ein Risiko einzugehen? Das klingt so, als könne man als Frau so eben im Vorbeigehen einen Mann der Vergewaltigung beschuldigen, wie man eine Semmel beim Bäcker kauft.

Tatsächlich aber ist es doch so, dass gesellschaftlich eine Frau, die als Falschbeschuldigerin gilt, ebenso geächtet wird, wie ein Mann, der als Vergewaltiger gilt. Das Risiko, als Falschbeschuldigerin zu gelten („es wird mir keiner glauben“), habe ich mehrfach als Begründung dafür gehört, warum eine Vergewaltigung nicht angezeigt wurde. Und prinzipiell ist natürlich (siehe Fall Arnold) auch die falsche Verdächtigung eine Straftat, die geahndet werden kann und zwar auch mit jahrelangen Haftstrafen. Mal abgesehen davon, dass eine Strafanzeige mit dem ganzen Rattenschwanz an Befragungen, Aussagen vor Staatsanwaltschaft und Gericht an sich nie ein Zuckerschlecken ist.

Hätte er „straffrei“ geschrieben, hätte man dem Satz in der Rechtspraxis bis zu einem bestimmten Punkt zustimmen können. Aber „risikolos“ ist absoluter Unsinn. Eine Frau, die eine Falschbeschuldigung plant, setzt sich demselben Risiko eines „sozialen Todes“ aus, wie ein Mann, der vergewaltigt. Nun mag man in solchen Fällen „selbst schuld“ sagen oder denken.

Aber was ist mit Menschen, die unschuldig sind?

Jemand, der falschbeschuldigt wird, hat ein hohes Risiko für besagten „sozialen Tod“. Ein Vergewaltigungsopfer stirbt, wenn es als Falschbeschuldiger/in gebrandmarkt wird, diesen sozialen Tod zusätzlich noch zur Tat an sich.

Jörg Kachelmann scheint die ganze Zeit um diesen Gedankengang herumzulavieren, die taz fragt auch an einer Stelle entsprechend nach („Es ist auch erwiesen, dass sehr viele Frauen, die sexualisierte Gewalt erlebt haben, diese nicht zur Anzeige bringen. Auch deshalb, weil sie fürchten müssen, dass man ihnen nicht glaubt, oder dass sich das, was ihnen wiederfahren ist, vor Gericht nicht zweifelsfrei beweisen lässt.“).

Jörg Kachelmanns Antworten auf solcherlei Fragen?

Die größte Gefahr für echte Opfer sind Falschbeschuldigerinnen.

Ah?! Das wäre in etwa so, als würde man behaupten „Die größte Gefahr für falschbeschuldigte Männer sind Männer, die vergewaltigen. Nicht die Falschbeschuldiger/innen an sich, sondern die Vergewaltiger“.

Trotzdem interessant, denn an dieser Stelle gibt er offensichtlich durch die Blume zu, dass die Angst davor, als Falschbeschuldigerin zu gelten, ein wesentlicher Grund für das Nichtanzeigen einer Vergewaltigung sein kann.

Und weiter: Es ist auch leider so, dass die Mehrheit dieser echten Opfer nicht anzeigt. Nicht, weil diese kein Vertrauen in Polizei und Justiz hätten, sondern eben jeder einzelne Fall zu anderen Verarbeitungsmechanismen bei den betroffenen Mädchen und Frauen wird – und diese führen nicht immer über eine Anzeige.

Recht offensichtlich wird an dieser Stelle plötzlich wieder von der unangenehmen Frage abgelenkt, ob nicht die Angst, als Falschbeschuldigerin zu gelten, ein wesentlicher Grund für nicht erfolgte Anzeigen sein kann.

Er bringt dann einige Beispiele für seine Behauptung, die alle ein wenig an den Haaren herbeigezogen wirken (ein Mädchen, das im Familienurlaub vergewaltigt wird und nichts sagt, um den Eltern kein schlechtes Gewissen zu machen). Aber sei’s drum.

Aufmerken lässt dann noch der SatzDas hohe Vergewaltigungsrisiko kann nicht durch die Justiz am Ende der Präventionskette gemindert werden, sie hat schon alle Werkzeuge in der Hand.“

Ah? Bei Falschbeschuldigungen lasen wir doch, man erinnere sich, kurz zuvor noch etwas völlig anderes, geradezu Konträres Die hohe Zahl der Falschbeschuldigungen liegt daran, dass Täterinnen meist völlig straffrei ausgehen„.

Es ist doch recht interessant, dass dies zwar für Falschbeschuldigungen gelten soll, für Vergewaltigungen aber nicht.

Meine Lieblingspassage im Interview ist aber diesePolitiker und auch Sie müssen aufhören, Frauen mit fürsorglichem Sexismus als Wesen zu sehen, die ein bisschen schwach und doof sind und die so gerne anzeigen würden, wenn’s ein bisschen schöner wäre, wie Sie gleich schon in Ihrer Frage eben mitteilten. Wir können Frauen nicht zwingen, konsequent anzuzeigen. Und die Gründe, das nicht zu tun, sind vielschichtiger als die frei erfundene These in Ihrer Frage, dass Frauen immer etwas fürchten. Ich habe Frauen zeit meines Lebens ziemlich furchtlos erlebt, während Sie bemerkenswerterweise nur verschreckte Heimchen zu kennen scheinen.

Ah? Herr Kachelmann hat doch selbst zuvor einige Beispiele genannt, warum Frauen nicht angezeigt haben. Ausnahmslos alle hatten mit Angst zu tun. Welche Gründe sollten es denn sein, außer Angst in irgendeiner Form? Vor dem Täter, vor der Reaktion des Umfelds, vor Verlust von Familie, Ehre, Ansehen, Liebe, Freundschaften, Angst vor dem Behördenmarathon und davor, als Falschbeschuldigerin zu gelten … Ich bin gespannt.

Besonders liebe ich ja immer diese impliziten „Frauen sind stark“-Sätze, die in solchen Aussagen ganz plötzlich und ziemlich sinnlos mitschwingen. Wer Angst hat, kann trotzdem stark sein. Und es ist auch nicht schlimm, schwach zu sein und hilflos, wenn man etwas Schlimmes erlebt hat. Mit „doof sein“ hat dies nichts, aber rein gar nichts zu tun. Auch starke und kluge Menschen können in bestimmten Situationen Angst haben und hilflos sein. Auch Männer übrigens. Solche Aussagen sind ebensolche Nonsense-Aussagen wie die fiktive aber doch oft in ähnlicher Form gehörte Behauptung „Männer können eine Straftat doch wegstecken. Die sind stark“.

 

 

 

 

 

 

Sexuelle Belästigung und Bedrohlichkeit

Im Laufe der Diskussion zu meinem letzten Artikel ist mir eins aufgefallen: Wie wichtig die Bedrohlichkeit einer Person für die Einschätzung einer sexuellen Belästigung ist.

Kann ich die Person notfalls abwehren? Wie penentrant aufdringlich verhält sie sich? Ist es eine Person oder sind es mehrere? Kann sie mir schaden?

Denke ich an diverse Situationen in meinem Leben, wird mir klar, dass ich diese Situationen sehr unterschiedlich einschätze.

Zweimal wurde ich von fremden älteren Frauen betatscht. Fand ich lästig und unangenehm, aber es hat mir keine Angst gemacht, weil ich den Frauen körperlich überlegen gewesen wäre. Da reichte ein Schubser gegen die Hand und ich hatte mich quasi wieder „behauptet“.

Wurde ich dagegen von Männern betatscht, fand ich die Situation in allen Fällen  bedrohlich, weil zumindest die Möglichkeit bestand, dass sie mir körperlich überlegen sind. In einem Fall war ich allerdings bereits ein älterer Teenager und diejenigen, die mich sexuell nötigten, waren etwas jünger als ich, einzeln wäre ich ihnen also überlegen gewesen. Da sie allerdings als Gruppe und extrem penetrant auftraten, ist das die schlimmste Situation, an die ich mich erinnere. V. a. auch deshalb, weil die Intention sehr eindeutig war, mir zu zeigen, dass „man es machen kann“. Generell empfand ich Tatschen aus einer Gruppe von Männern heraus immer am schlimmsten, auch wenn es nur von einem ausging, weil ich die anderen und deren Verhalten nicht einschätzen konnte.

Es kommt aber auch auf den eigenen Erfahrungshorizont an: Je älter ich wurde, umso wehrfähiger wurde ich auch. Ich war nicht mehr völlig überrumpelt, sondern konnte halbwegs mit der Situation umgehen, empfand sie dann zunehmend stärker als lästig denn als bedrohlich und reagierte entsprechend auch eher mit Wut als mit Angst. Dagegen erinnere ich mich, als mir als 13-Jährige das erste Mal ein circa 30-jähriger Mann nachlief, auf mich einredete und mir dabei an den Hintern fasste, dass ich die Situation als extremst bedrohlich empfand. Hier hat Überlegenheit und damit Bedrohlichkeit noch eine andere als die körperliche Komponente, es geht quasi um „Erfahrungsüberlegenheit“.

Dazu kommt noch ein weiterer Aspekt „Machtüberlegenheit“. Eine Belästigung auch von einer körperlich unterlegenen Person, wird als bedrohlicher empfunden, wenn die Person Macht hat, also z. B. der Chef ist (oder eben die Chefin). Eine solche Situation für Männer thematisiert der Film „Enthüllung“ ganz gut und sie wird bereits biblisch im Buch Josef beschrieben (die Frau des Potifar).

Da Frauen Männern in vielen Fällen körperlich unterlegen sind, haben auch Belästigungen „ohne Anfassen“ wie z. B. die Hose runterlassen für sie eine deutlich bedrohlichere Komponente. Die Frau weiß, dass, wenn er nun weitergeht, sie bei einer eventuellen körperlichen Auseinandersetzung eher unterlegen sein wird.

Das mag auch der Grund sein, warum einige Männer Grapschen und andere sexuelle Anzüglichkeiten nicht so schlimm finden bzw. nur dann, wenn es von Männern ausgeht. Sie können aufgrund körperlicher Überlegenheit die Frau notfalls meist abwehren, empfinden die Situation daher maximal als lästig aber nicht als bedrohlich. Ich könnte mir aber vorstellen, dass ein 13-Jähriger, der von einer älteren Frau betatscht wird, ebenso ängstlich reagiert, weil Überlegenheit der Frau (nicht nur körperliche) die Situation bestimmt.

Ich möchte daher ein Gedankenexperiment vorschlagen: Um sich die Bedrohlichkeit von Grapschen für Frauen vor Augen zu halten, sollte man sich vorstellen, man wird von einem 2m-Mann in die Ecke gedrängt und er greift einem einfach zwischen die Beine. Oder aber man wird von einer aggressiven Mädchengang umkreist, die einen zu Demütigungszwecken auch noch betatschen (und nein, ich meine jetzt nicht die Pornovariante, wo alle total scharfe Bienen sind, die ganz heiß auf den Typen sind, sondern eine reale Situation). Beides würde mit Sicherheit den wenigsten Männern gefallen, einfach, weil das Bedrohungspotenzial der Situationen sehr hoch ist. Für Frauen, die Männern in vielen Fällen eben doch körperlich unterlegen sind, hat sexuelle Belästigung meist eine ähnlich hohe Bedrohlichkeit.

Bei der Recherche zu diesem kleinen Text bin auch auf eine interessante und lesenswerte „Jungsfrage“ im Jetzt-Magazin der Süddeutschen Zeitung gestoßen, die meine Eindrücke zum Thema Bedrohlichkeit und Macht weitestgehend bestätigt.

 

 

Töten Pornos Zärtlichkeit? Fragen zur Sexualerziehung

Wenn ich Pornos gucke, fällt mir in den letzten Jahren vermehrt eines auf: Die totale Abwesenheit von Zärtlichkeit. Gibt es in den Pornos aus den 70ern, 80ern und 90ern, so doof diese teilweise sein mögen, noch Knutschereien zu sehen, Küsse und Streicheleinheiten, sind diese Elemente in Pornos mittlerweile fast völlig verschwunden und nur noch im „special interest“ Bereich zu finden.

Daher stelle ich mir mittlerweile sehr ernsthaft die Frage, ob Pornos eventuell die Zärtlichkeit in (Sex-)Beziehungen töten? Denn Sex ist in Pornos mittlerweile tatsächlich fast ausschließlich hart und direkt, es dominieren Handlungen, die noch vor 10 Jahren als „special interest“ gegolten haben, während gleichzeitig ebenjene Knutschereien und Streicheleinheiten mittlerweile zu „special interest“ abgesunken sind. Tatsächlich fällt mir auf, dass sogar in Gay Pornos, früher mal für „harten Sex“ bekannt, mehr Küsse zu sehen sind als in Mainstream-Hetero-Pornos.

Wenn also Jugendliche (und die gucken allen Studien zu Folge in ihrer großen Mehrheit Pornos) fast nur noch mit Hardcore-Streifen ohne jegliche zärtliche Elemente konfrontiert werden, wie sollen sie von selbst auf die Idee kommen, dass Sex das eben auch bedeuten bzw. beinhalten kann? Das Elternhaus nimmt in der Sexualerziehung nur noch eine untergeordnete Rolle ein.

Bis vor wenigen Jahren waren die „Bravo“ oder die „Bravo Girl“ und ähnliche Zeitschriften nicht unerheblich für die Sexualerziehung von Jugendlichen. Da wurde getauscht, gekichert, es war irgendwie ein bisschen peinlich. Eltern und noch mehr Großeltern fanden die Dinger höchst bedenklich. Aber trotzdem stand in diesen Zeitschriften eben auch eine Menge zu zärtlichem, respektvollem Umgang miteinander beim Sex. Internet-Pornos haben aber auch alle diese Magazine weitgehend abgelöst, die Bravo und Co kämpfen seit Jahren mit sinkenden Auflagenzahlen.

Wie und wo also findet Sexualerziehung in Richtung Zärtlichkeit und Respekt statt, wenn das im Internet kaum zu finden ist?

Klar kann ich meinen Kindern da einiges vermitteln, was generell respektvollen, liebevollen Umgang miteinander betrifft. Aber sie werden dann anschließend massiv mit ganz anderen Inhalten konfrontiert. Vermittelt das nicht die Idee, diese Art von,- superhartem – Sex wäre quasi der Normalfall und Zärtlichkeit in einer Beziehung eher die Ausnahme, wenn überhaupt?

Kinder/Jugendliche lernen ja aus Anschauung und Erfahrung. Nun kann man selbstredend die Kinder/Jugendlichen nicht dabei zusehen lassen. Wäre es daher vielleicht eine Möglichkeit für Eltern, ihren Jugendlichen einige ausgewählte Sexfilme zur Verfügung zu stellen (nicht, gemeinsam anzusehen, natürlich, das wäre übergriffig) und darüber zu sprechen. Da sie ja im Netz alle Arten von Pornos frei zu sehen bekommen und darunter auch absolut nicht geeignete (z. B. Gewaltpornos), ist das eine Frage, die und der man sich als Eltern vielleicht tatsächlich stellen muss.

Neue Richtlinie zur Sexual- und Familienerziehung in Bayern – Möglichkeit zur Diskussion

In Bayern war ja geplant, eine neue Richtlinie für Familien- und Sexualerziehung einzuführen. Wie zu erwarten war, klinkten sich die Aktivisten von „Demo für alle“ (sowie verwandte Organisationen) sofort ein und organisierten eine Petition und Veranstaltungen dagegen. Und das, obwohl der Entwurf von der ohnehin nicht gerade für ihre sexualliberalen Ansichten bekannten CSU stammt. Aktivisten trafen sich dann auch mit Kultusminister Herrn Dr. Spaenle, wie „Citizen Go“ stolz verkündete („Citizen go“ ist für die Petition gegen die neuen Richtlinien verantwortlich)

Seither ist was passiert? Rein gar nichts!. Es besteht offenbar kein Interesse mehr an der Umsetzung neuer Richtlinien, da man vor der Reaktion konservativ-reaktionärer Kreise offensichtlich zu sehr Angst hat.

Der Entwurf lässt sich einsehen. Ich will mit meiner Meinung dazu auch nicht hinter dem Berg halten. Der Entwurf ist so, wie er da steht, völlig harmlos. Von „Frühsexualisierung“ oder „Indoktrinierung“ keine Spur. Es gibt sogar einen „Aktionstag für das Leben“, der mit Sicherheit eher reaktionär-konservativen Interessen geschuldet ist.

Aber lest selbst. Ich wäre froh, wenn mir jemand ein paar problematische Passagen nennen könnte. Ich habe alles als völlig handzahm und nahezu übervorsichtig empfunden (und das, obwohl mir ja regelmäßig konservative Verklemmtheit in Sachen Sexualität vorgeworfen wird ^^).

Um die Richtlinien zu lesen, bitte hier klicken

 

Was ist eigentlich konservativ?

Die Bezeichnung „konservativ“ bzw.  „Konservative“ wird mittlerweile fast gleichbedeutend mit „reaktionär“ verwendet und bezeichnet fast immer Menschen, die man als rückwärtsgewandt, wenig flexibel, verbohrt, intolerant, obrigkeitshörig  und unfrei darstellen möchte. „Konservative“ gelten als homophob, ausländerfeindlich, vielfach auch als antidemokratisch und, wie gesagt, als obrigkeits- und autoritätenhörig.

Ich finde das sehr schade, denn konservativ muss absolut nicht gleichbedeutend mit „reaktionär“ sein. In seiner eigentlichen Wortbedeutung bezeichnet der Begriff jemanden, der etwas bewahren möchte. Und das muss ja nicht unbedingt etwas Negatives sein.

Auch Umwelt- und Naturschützer, Demokraten, Menschen- und Bürgerrechtler sind letzten Endes konservativ. Sie möchten etwas bewahren, etwas, was sie als wertvoll erkannt haben, was ihnen etwas bedeutet. „Bewahrung“ ist also etwas, was Konservative auszeichnet, das muss aber eben gerade nicht gleichbedeutend mit Intoleranz und Verbohrtheit sein.

Für mich selbst habe ich daher  den Begriff „alternativ-konservativ“ gewählt. Konservativ im bewahrenden Sinne bin ich in vielen Dingen. Gleichzeitig heißt das aber nicht, dass ich verbohrt auf einem „das haben wir schon immer so gemacht“ bestehe.

Sehr wichtig ist mir z. B. Konstanz und Zuverlässigkeit in Beziehungen. Familie bedeutet mir darum sehr viel. Ich möchte von Menschen umgeben sein, auf die ich mich verlassen kann und ich möchte ein Mensch sein, auf den man sich verlassen, auf den man zählen kann. Und das nicht nur für den Augenblick, sondern konstant. Meiner Erfahrung nach ist das eben sehr häufig innerhalb einer Familie der Fall z. B. bei schweren Krankheiten oder Unglücksfällen. Das alles ist durchaus auch im klassischen Sinne ein konservativer Wert.

Das bedeutet für mich aber z. B. nicht, dass ich diese Werte bedroht sehe, weil auch Homosexuelle und Transgender eben diese Werte leben wollen und z. B. eine Familie gründen und/ oder heiraten möchten. Homosexuelle und Transgender können selbstverständlich ganz genauso wie heterosexuelle Personen aufeinander achtgeben, sich unterstützen, verlässliche Beziehungen eingehen. Es ist mir vollkommen unverständlich, wie man beispielsweise aus der „Homo-Ehe“ irgendeine Bedrohung der Werte „Beziehung und Familie“ herleiten kann. Wenn jemand das eigene, altbewährte Konzept ebenso leben will, ist das doch viel eher ein Erfolg als eine Bedrohung.

Zugleich bin ich auch konservative Demokratin. Für mich sind Demokratie, Rechtsstaatlicheit, die Menschenrechte und der Inhalt des GG absolut bewahrenswürdige Werte. Letztlich geht es dabei um Werte wie Gerechtigkeit, Verlässlichkeit, Würde und gegenseitiger Respekt. Meiner Ansicht nach führen diese Werte zu einem Miteinander statt einem Gegeneinander, zu einem „Zusammen“, statt „alle gegeneinander“. Und auch das sind Werte, die mir wichtig sind.

Ich bin religiös. Genauer gesagt praktizierende katholische Christin. Auch das gilt als klassischer konservativer Wert. Meine Religiosität und mein Katholizismus bedeuten für mich aber nicht, dass wir genauso leben müssen wie vor tausenden von Jahren, dass man den Inhalt heiliger Schriften bzw. deren Interpretation durch religiöse „Autoritäten“ nicht auch kritisch hinterfragen kann. Dafür hat Gott uns Verstand gegeben, damit wir selbst denken und nicht alles hinnehmen!

Eben aus diesem Grund lehne ich auch Obrigkeits- oder Autoritätenhörigkeit und bloßen Traditionalismus ab. „Das ist so, weil es der Lehrer / der Herr Professor/ der Bürgermeister / sonstige wichtige Person X so gesagt hat“ oder „weil wir es schon immer so gemacht haben“  sind für mich keine Werte. Respekt füreinander, auch für die (Lebens-)Leistung von Personen ja, daraus darf aber niemals irgendeine Form von Hörigkeit oder ein Machtanspruch entstehen – wie ich sie beispielsweise in meiner Kindheit im alpenländischen Raum noch erlebt habe „ich wähle den, weil er ein sehr guter Politiker ist, weil er bei der Partei X ist“ bzw. „das hat der X so gesagt, da hat ein junges Mäderl nichts dreinzureden“.

Abschließend also: Ja, ich bekenne mich zum Konservatismus. Bewahrung von bestimmten Werten, von Dingen, die einem wichtig sind, die man als gut erkannt hat, finde ich absolut wünschenswert. Das aber darf niemals gleichbedeutend mit Unselbständigkeit, Unfreiheit, Intoleranz und Unterdrückung sein. Konservativ zu sein, auch hier wiederhole ich mich, kann durchaus positiv sein.

Fassungslosigkeit

Ich bin fassungslos. Wütend und traurig zugleich. Sie haben einen meiner Brüder ermordet.

Einem alten Mann die Kehle durchgeschnitten vor den wenigen Gläubigen, die an einem Dienstagvormittag in die Kirche gehen.

Ihn gezielt ausgesucht, weil er in ihren Augen ein Vertreter der „falschen“ Religion war.

Und das mitten in Europa.

In einer Kirche an einem Dienstagvormittag.

Und sie glauben sich noch im Recht.

Wie kann man so etwas tun? Wie kann man ernsthaft glauben, man gehöre der „richtigen“ Religion an, wenn man so etwas tut?

Wie kann man ernsthaft glauben, Gottes Willen zu tun, wenn man einen wehrlosen alten Mann ermordet? Es ist feige. Es ist widerlich. An was für ein feiges und widerliches Bild von Gott muss man also glauben, um ernsthaft zu denken, so etwas wäre sein Wille?

Aus dem Irak, aus Syrien und dem Libanon war man solche Schreckensnachrichten leider beinahe schon gewohnt. Das christliche Leben in diesen Ländern ist nahezu ausgerottet. Bitter dabei war immer, dass fast alle ihre Augen davor verschlossen haben.

Aber das?

Es bringt den Schrecken nahe. Sie haben es offenbar auf uns abgesehen. Hier und überall auf der Welt.

Wie soll man darauf reagieren?

Ich bin wütend. Ich bin traurig. Ich bin so wütend und traurig, dass eine meiner ersten Reaktionen war „Werft sie alle raus!“

Ich weiß nicht, wie es weitergeht.

Ich will nicht ungerecht werden und hart.

Ich merke aber, dass ich beginne zu hassen. Vor Angst. Vor Wut. Vor Trauer.