Herkunftsfragen … Welche Rollen spielen Milieus heute noch?

Okay, das hier wird einerseits ein sehr persönlicher Beitrag, andererseits möchte ich in dem Zusammenhang aber auch einige gesamtgesellschaftliche Fragen aufwerfen.

In meinem Umfeld gibt es sehr selten Ehen, in denen die Partner aus unterschiedlichen sozialen Milieus kommen. Eigentlich weiß ich nur eine weitere, da war die Frau aus der „Arbeiterschicht“ (modern auch „prekäres-traditionelles Milieu“) und hatte eine kleine Ausbildung gemacht und er aus gutbürgerlichem Hause und studiert, diese Ehe ist aber mittlerweile mit Pauken und Trompeten gescheitert.

Ansonsten gibt es nur noch uns. Auf gewisse Art und Weise sind wir ein Sonderfall, da mein Mann ein „aufgestiegenes Arbeiterkind“ ist. Meine Urgroßeltern waren teilweise auch noch Bauern und Kleinbürger, aber mit hohem Bildungsanspruch, so dass es bereits in der Generation meiner Großeltern einen großen Anteil an Lehrern und Juristen gab.

Teilweise laufen wir in der Beurteilung durch unser soziales Umfelds unter „The Lady and the Tramp“.

Mein Mann und ich sind uns charakterlich sehr ähnlich, aber es fallen immer noch einige deutliche Unterschiede und damit auch Reibungspunkte auf, die recht eindeutig aus den Herkunftsfamilien resultieren, als da wären:

a) So lächerlich es klingt: Ein Streitpunkt zwischen uns ist bis heute die Wäsche. Für mich hat die fest und geruchsarm zu sein, sonst ekelt es mich – weichgespülte Wäsche, igitt. Für meinen Mann ist sie nur dann „frisch“, wenn ein billiges, stark künstlich riechendes Waschmittel verwendet wird und das ganze dann noch mit tonnenweise Weichspüler labbrig gespült wird. Das klingt doof, aber tatsächlich ist das echt ein Reibungspunkt im Alltag. Und es ist etwas, was meiner Erfahrung nach tatsächlich milieuspezifisch ist.

b) Der Umgang mit Medienkonsum v. a. Fernseher. Ich durfte nur sehr sehr reduziert fernsehen und nur Ausgewähltes (war oft auch sehr nervig). Bei meinem Mann daheim lief quasi 24/h täglich die Glotze. Das hat bis heute zur Folge, dass ich die Kinder eher weniger und mit schlechtem Gewissen gucken lässt, er einen nunja … eher sehr freien Umgang mit dem Thema Fernsehen hat.

3. Essen. Für Vollkornbrot und Gemüse ist mein Mann bis heute nur bedingt zu erwärmen – er hat ein Faible für Fastfood. Ich muss auch zugeben, dass ich als Kind so sehr gesund (über-)gefüttert wurde, dass mich das teils nicht so stört, aber seit wir die Kinder haben, meldet sich da schon oft das schlechte Gewissen bei mir. Mein Mann würde den Kindern aber bedenkenlos eine Kombination aus Milchschnitte, Apfel und Bifi mit in die Schule geben, während ich eher die Vollkornbrote mit Frischkäse und Gurke schmiere (naja, welche Pause haben die Kinder wohl lieber …).

4. Der Umgang mit Alkohol auf Feiern. Bei mir in der Familie ist es halt so auf Familienfeiern: Alle möglichen Darbietungen, viel Geplauder, dazu gutes Essen und etwas Wein oder Bier für die Erwachsenen und das auch nur in Maßen und wer will. Als ich das erste Mal auf einen Geburtstag bei meiner Schwiegerfamilie eingeladen war, war ich etwas entsetzt. Die Menschen waren warmherzig, das ja, aber „Feiern“hieß halt in erster Linie „Alkohol“. Und das viel. Und es wurde auch nicht so wirklich drauf geguckt, was ältere Kinder so trinken. Das war schon ein Kulturschock. Und obwohl mein Mann keinen Alkohol mag, hat sich das so eingegraben, dass er sich auf Feiern verpflichtet fühlt zu trinken.

5. Die Sprache. Mein Mann spricht oft sehr direkt und neigt zu dem derbem Humor seiner Herkunftsfamilie. Da er studiert hat, benützt er Fremdwörter aber dazu extrem häufig. Wesentlich häufiger als dies Menschen tun, die aus einem „Bildungshaushalt“ kommen. Diese, wie ich finde, recht niedliche, Kombination aus sehr direkter Sprache und dem Gebrauch sehr vieler Fremdwörter, ist recht typisch für die Akademiker aus Arbeiterfamilien, die ich kenne. Und sie stellt oft ein handfestes Problem dar, weil Menschen aus bildungsnahen Schichten oft deutlich indigniert (also peinlich berührt und naserümpfend) darauf reagieren – gerade auch auf die ihnen fremde Art von Humor (ich schließe mich da nichtmal völlig aus).

Alles in allem entstehen also doch im alltäglichen Zusammenleben einige Reibungspunkte. Ich frage mich, ob das der Grund ist, warum es doch so viele „milieuhomogene“ Ehen gibt?  Oder liegt dies schlicht daran, dass man sich überhaupt nicht kennenlernt, weil man wenig Berührungspunkte im täglichen Leben hat. Warum vermischen sich die Milieus so wenig?

Ebenfalls interessant finde ich die Frage, ob es Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts eventuell eine Phase höherer sozialer Mobilität gab als heute? Ich habe dazu wenig gefunden. Aber tatsächlich fällt auf, dass sehr viele Akademiker von heute ursprünglich aus bäuerlichen oder kleinbürgerlichen Verhältnissen stammen – allerdings meist die Urgroßeltern oder allenfalls noch die Großeltern.

Ich habe den Eindruck, dass mein Mann und noch einige wenige andere Bekannte als „Aufsteiger“ die große Ausnahme darstellen. Ist die soziale Mobilität überhaupt gegeben? Oder spielt das Elternhaus, die Sprache und die Umgangsweise, die man dort lernt, doch so eine große Rolle dabei, ob man von bildungsnahen Schichten anerkannt und akzeptiert wird? Wenn man z. B. auf die politische Bühne schaut, gibt es dort erschreckend wenig Nicht-Akademiker bzw. Menschen mit einer Herkunft aus bildungsfernen Schichten.Woran liegt es? Weil sich Menschen aus diesen Milieus nicht für Politik interessieren? Weil sie mit den Umgangsformen des akademisch geprägten politischen Betriebes nicht zurecht kommen? Wie viele Menschen in gehobenen Berufen stammen ursprünglich aus bildungsfernen Milieus?

Und noch ein kleines, witziges Detail zum Schluss: Tatsächlich hat es auch meine Schwester zu einem „aufgestiegenen Arbeiterkind“ gezogen (ich habe sie, da sie weiter weg wohnt, jetzt oben nicht unserem direkten sozialen Umfeld zugerechnet). Das finde ich, aufgrund der ziemlich geringen „Dichte“ in unserem Umfeld, doch sehr interessant.

 

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Falschbeschuldigung – „das perfekte Verbrechen, um einen Mann aus dem Weg zu räumen, ohne selbst ein Risiko einzugehen“?

In der aktuellen Kolumne von Margarete Stokowski las ich zum Thema Falschbeschuldigung das ZitatEs ist das perfekte Verbrechen, um einen Mann aus dem Weg zu räumen, ohne selbst ein Risiko einzugehen.

Es handelt sich um ein Zitat aus einem Interview der taz mit Jörg Kachelmann. Er sagt dort konkretDie hohe Zahl der Falschbeschuldigungen liegt daran, dass Täterinnen meist völlig straffrei ausgehen. Es ist das perfekte Verbrechen, um einen Mann aus dem Weg zu räumen, ohne selbst ein Risiko einzugehen.“

Da musste ich doch ziemlich mit dem Kopf schütteln. Ohne selbst ein Risiko einzugehen? Das klingt so, als könne man als Frau so eben im Vorbeigehen einen Mann der Vergewaltigung beschuldigen, wie man eine Semmel beim Bäcker kauft.

Tatsächlich aber ist es doch so, dass gesellschaftlich eine Frau, die als Falschbeschuldigerin gilt, ebenso geächtet wird, wie ein Mann, der als Vergewaltiger gilt. Das Risiko, als Falschbeschuldigerin zu gelten („es wird mir keiner glauben“), habe ich mehrfach als Begründung dafür gehört, warum eine Vergewaltigung nicht angezeigt wurde. Und prinzipiell ist natürlich (siehe Fall Arnold) auch die falsche Verdächtigung eine Straftat, die geahndet werden kann und zwar auch mit jahrelangen Haftstrafen. Mal abgesehen davon, dass eine Strafanzeige mit dem ganzen Rattenschwanz an Befragungen, Aussagen vor Staatsanwaltschaft und Gericht an sich nie ein Zuckerschlecken ist.

Hätte er „straffrei“ geschrieben, hätte man dem Satz in der Rechtspraxis bis zu einem bestimmten Punkt zustimmen können. Aber „risikolos“ ist absoluter Unsinn. Eine Frau, die eine Falschbeschuldigung plant, setzt sich demselben Risiko eines „sozialen Todes“ aus, wie ein Mann, der vergewaltigt. Nun mag man in solchen Fällen „selbst schuld“ sagen oder denken.

Aber was ist mit Menschen, die unschuldig sind?

Jemand, der falschbeschuldigt wird, hat ein hohes Risiko für besagten „sozialen Tod“. Ein Vergewaltigungsopfer stirbt, wenn es als Falschbeschuldiger/in gebrandmarkt wird, diesen sozialen Tod zusätzlich noch zur Tat an sich.

Jörg Kachelmann scheint die ganze Zeit um diesen Gedankengang herumzulavieren, die taz fragt auch an einer Stelle entsprechend nach („Es ist auch erwiesen, dass sehr viele Frauen, die sexualisierte Gewalt erlebt haben, diese nicht zur Anzeige bringen. Auch deshalb, weil sie fürchten müssen, dass man ihnen nicht glaubt, oder dass sich das, was ihnen wiederfahren ist, vor Gericht nicht zweifelsfrei beweisen lässt.“).

Jörg Kachelmanns Antworten auf solcherlei Fragen?

Die größte Gefahr für echte Opfer sind Falschbeschuldigerinnen.

Ah?! Das wäre in etwa so, als würde man behaupten „Die größte Gefahr für falschbeschuldigte Männer sind Männer, die vergewaltigen. Nicht die Falschbeschuldiger/innen an sich, sondern die Vergewaltiger“.

Trotzdem interessant, denn an dieser Stelle gibt er offensichtlich durch die Blume zu, dass die Angst davor, als Falschbeschuldigerin zu gelten, ein wesentlicher Grund für das Nichtanzeigen einer Vergewaltigung sein kann.

Und weiter: Es ist auch leider so, dass die Mehrheit dieser echten Opfer nicht anzeigt. Nicht, weil diese kein Vertrauen in Polizei und Justiz hätten, sondern eben jeder einzelne Fall zu anderen Verarbeitungsmechanismen bei den betroffenen Mädchen und Frauen wird – und diese führen nicht immer über eine Anzeige.

Recht offensichtlich wird an dieser Stelle plötzlich wieder von der unangenehmen Frage abgelenkt, ob nicht die Angst, als Falschbeschuldigerin zu gelten, ein wesentlicher Grund für nicht erfolgte Anzeigen sein kann.

Er bringt dann einige Beispiele für seine Behauptung, die alle ein wenig an den Haaren herbeigezogen wirken (ein Mädchen, das im Familienurlaub vergewaltigt wird und nichts sagt, um den Eltern kein schlechtes Gewissen zu machen). Aber sei’s drum.

Aufmerken lässt dann noch der SatzDas hohe Vergewaltigungsrisiko kann nicht durch die Justiz am Ende der Präventionskette gemindert werden, sie hat schon alle Werkzeuge in der Hand.“

Ah? Bei Falschbeschuldigungen lasen wir doch, man erinnere sich, kurz zuvor noch etwas völlig anderes, geradezu Konträres Die hohe Zahl der Falschbeschuldigungen liegt daran, dass Täterinnen meist völlig straffrei ausgehen„.

Es ist doch recht interessant, dass dies zwar für Falschbeschuldigungen gelten soll, für Vergewaltigungen aber nicht.

Meine Lieblingspassage im Interview ist aber diesePolitiker und auch Sie müssen aufhören, Frauen mit fürsorglichem Sexismus als Wesen zu sehen, die ein bisschen schwach und doof sind und die so gerne anzeigen würden, wenn’s ein bisschen schöner wäre, wie Sie gleich schon in Ihrer Frage eben mitteilten. Wir können Frauen nicht zwingen, konsequent anzuzeigen. Und die Gründe, das nicht zu tun, sind vielschichtiger als die frei erfundene These in Ihrer Frage, dass Frauen immer etwas fürchten. Ich habe Frauen zeit meines Lebens ziemlich furchtlos erlebt, während Sie bemerkenswerterweise nur verschreckte Heimchen zu kennen scheinen.

Ah? Herr Kachelmann hat doch selbst zuvor einige Beispiele genannt, warum Frauen nicht angezeigt haben. Ausnahmslos alle hatten mit Angst zu tun. Welche Gründe sollten es denn sein, außer Angst in irgendeiner Form? Vor dem Täter, vor der Reaktion des Umfelds, vor Verlust von Familie, Ehre, Ansehen, Liebe, Freundschaften, Angst vor dem Behördenmarathon und davor, als Falschbeschuldigerin zu gelten … Ich bin gespannt.

Besonders liebe ich ja immer diese impliziten „Frauen sind stark“-Sätze, die in solchen Aussagen ganz plötzlich und ziemlich sinnlos mitschwingen. Wer Angst hat, kann trotzdem stark sein. Und es ist auch nicht schlimm, schwach zu sein und hilflos, wenn man etwas Schlimmes erlebt hat. Mit „doof sein“ hat dies nichts, aber rein gar nichts zu tun. Auch starke und kluge Menschen können in bestimmten Situationen Angst haben und hilflos sein. Auch Männer übrigens. Solche Aussagen sind ebensolche Nonsense-Aussagen wie die fiktive aber doch oft in ähnlicher Form gehörte Behauptung „Männer können eine Straftat doch wegstecken. Die sind stark“.

 

 

 

 

 

 

Ein wunderbares Jahr 2017 für euch!!!

„Spät kommt ihr, doch ihr kommt …“

In diesem Fall nicht Graf Isolan, sondern meine guten Wünsche zum neuen Jahr  :-).

Ich wünsche allen, die diesen Blog lesen, ein wunderbares Jahr 2017. Mögen eure Träume und Wünsche in Erfüllung gehen!

Der ganzen Welt wünsche ich (ja, man darf träumen) eine friedlichere Zeit, als es das Jahr 2016 war.

Und, da ich gläubig bin, wünsche ich euch allen auch Gottes Segen für das Jahr 2017!

Und das mit den wunderschönen Worten aus dem Buch Mose, mit denen in nahezu allen christlichen Kirchen die Menschen in den neuen Tag gesandt werden

„Der Herr segne dich und behüte dich;

der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig;

der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.“

Mit den besten Wünschen

Eure Margret