(Sexuelle) Gewalt verharmlosen für Fortgeschrittene

Sie haben sich meine letzten Tipps und Tricks zur Verharmlosung von Gewalt, sexueller Gewalt und Übergriffen verschiedenster Art zu Herzen genommen? Aber irgendwie fehlt ihnen noch das gewisse Etwas, das Sahnehäubchen, das ganz besondere Aha-Erlebnis?
Nicht verzagen, denn nun kommt die Version für Fortgeschrittene. Wer folgende Schritte beherzigt, muss sich nie wieder Gedanken um Gewalt , sexuelle Gewalt und Übergriffe aller Art in seinem Umfeld machen. Es gibt sie dann einfach nicht mehr. (Mein Dank an dieser Stelle an die große Zahl Profis, die den Kommentarbereich des Blogs erzählmirnix bevölkern, s. u.)


6. „Eigentlich ist doch gar nichts passiert“.
Hier handelt es sich um eine Erweiterung von Punkt 5 (Schlimmer geht immer) aus meinem o. g. 5 Schritte-Programm. Erklären Sie den Betroffenen und Ihrem gesamten Umfeld, dass EIGENTLICH gar nichts vorgefallen ist. Definieren Sie dabei (siehe Punkt 5 der Grundanleitung) stets selbst, was WIRKLICH schlimm ist.


Bombe 20 beispielweise lehrt uns in seiner detailreichen Anleitung im Kommentarbereich von erzählmirnix, dass nur der Verlust von Zeit oder gar materiellen Werten wirklich zählt.
„Auf jeden Fall haben wir es aber – anders als bei Deiner Arbeitszeit– nicht mit einem verbrauchbaren Gut zu tun. Wenn ich einen Abend lang in einer Kneipe an der Theke stehe und jeder einzelne Mensch, der vorbei kommt, greift mir aus sexuellen Motiven an den Hintern, habe ich im Vergleich zu der gleichen Situation, in der mein Po in Ruhe gelassen wird, objektiv nichts verloren.“

„Objektiv nichts verloren.“ Grandios!
Stellen Sie sich einfach Folgendes vor: Sie stehen nachts in der U-Bahn und müssen noch 5 Stationen fahren. Person B kommt rein und verpasst Ihnen eine oder stellt sich neben Sie und rempelt Sie mehrmals grob an. Haben Sie etwa „objektiv“ etwas verloren? Schließlich müssen Sie doch ohnehin noch eine Weile in der U-Bahn fahren, da können Sie sich die Zeit doch gut auch mit Ohrfeigen oder Rempeleien vertreiben, das macht schließlich keinen Unterschied. Materiell ist auch nichts passiert, also alles bestens. Objektiv.


Vertreten Sie diese mehr oder weniger logische Kette mit der größten Selbstverständlichkeit. Sonst kommt noch jemand auf die Idee, dass daran eventuell etwas faul sein könnte und vielleicht so etwas Unwichtiges wie Selbstbestimmungsrechte in Mitleidenschaft gezogen wurden.


7. „Sind sie zu stark, bist Du zu schwach“ oder auch „positiv denken“
Erinnern Sie sich an den obigen Werbeslogan eines bekannten Atemfrei-Bonbons? Ja?
Genau dies ist jetzt, angelehnt an unsere Grundregel „Untertreibung ist alles“, das Gebot der Stunde. Dazu brechen Sie beispielsweise schwierigere Konzepte aus psychotherapeutischen Fachgebieten auf einige wenige griffige Formeln herunter. Schon diverse esoterisch angehauchte Ratgeber haben uns mit solch einfachen Weisheiten erfreut und hey, wenn die das können, können Sie es schon lange.
„Die Frage ist eben, ob ich diese Entwürdigung annehme oder nicht. Ob ich mir sprichwörtlich sage: “Was stört es die Eiche, wenn sich die Sau an ihr reibt?” Ob ich das kann.”
”Ist es nicht der Grundgedanke der kognitiven Verhaltenstherapie, daß wir innerhalb gewisser Grenzen durchaus beeinflussen können, wie wir bestimmte Erlebnisse bewerten?”
Positiv denken“, „Perspektivenwechsel“, „man kann die Sachen auch anders sehen“ sind solcherart einfache Weisheiten, die Sie an dieser Stelle großzügig anwenden sollten. Das vermittelt dem Opfer effektiv das Gefühl, dass es selbstverständlich an ihm liegt, wenn es zu einem positiven Perspektivenwechsel einfach nicht fähig ist.


„Was stört die Eiche die Sau“ oder auch „wer in sich ruht, nimmt sowas nicht ernst“ bzw. als Steigerung, „Sieh es doch als Kompliment“ sind wunderbare Mittel, um klarzumachen, dass hier eigentlich nichts Schlimmes vorgefallen ist. Man muss es nur einfach anders betrachten, den Blickwinkel verändern, es an sich abperlen lassen. Vielleicht ist es dann ja sogar „für alle ein positives Erlebnis“. Think positive, Bro! Yeah! (Eventuell sollten Sie an dieser Stelle zu bewusstseinsverändernden Substanzen raten, aber das bleibt unter uns, hab ich nie gesagt).


Auch hier sind, wie in unserem Erfolgskonzept üblich, wieder einmal vielfältige Anwendungsmöglichkeiten denkbar: Schwere Beleidigung? Einfach drüber stehen! Vielleicht handelt es sich ja sogar um nur leicht aufgeregt geäußerte berechtigte Kritik an der Person, die sie beherzigen sollte! Eine Ohrfeige? Wechseln Sie die Perspektive und stellen fest, dass derjenige vielleicht einfach ein sehr ausgeprägtes, leider etwas stürmisches Bedürfnis nach körperlicher Nähe hat. Empfehlen Sie, die Ohrfeige entsprechend als Kompliment zu werten!


Einfach stark sein, die Dinge nicht so schwer nehmen, diesen Ratschlag sollten Sie auf jeden Fall großzügig verteilen! Und damit implizieren, dass jemand, der das nicht so sieht, leider einfach ein zu schwacher Mensch ist, zu wahrer Größe nicht fähig.
„Es liegt an dir, wenn Du damit nicht klarkommst“ ist ein Totschlag-Argument, dem sich keiner entziehen kann. Schließlich könnte die betroffene Person ja auch positiv denken, alles nicht so ernst nehmen und nicht auf sich beziehen. Die Spaßbremse! Dann ginge es allen besser, nicht wahr?


8. Malen Sie den Teufel an die Wand!
Stellen Sie in drastischen Worten dar, wohin das alles führen könnte! Wenn man einen Taschendieb wegen lächerlichen 5 € eines Eigentumsdeliktes bezichtigt, könnte es ja theoretisch demnächst vorkommen, dass dieser kleine Fisch mit Menschen, die Tausende gestohlen haben oder gar einen Bankraub begangen haben, auf eine Stufe gestellt und auch so belangt wird. Dass es im Strafrecht große graduelle Unterschiede innerhalb bestimmter Deliktarten je nach Schwere gibt, sollten Sie dabei auf jeden Fall verschweigen. Eigentumsdelikte sind schließlich all diese Fälle und man kennt ja die Justiz und ihre politischen Schergen. Nutzen Sie jeden noch so losen Zusammenhang! Machen Sie ordentlich Panik, stellen Sie Sachverhalte falsch dar, es wird schon keiner merken! Nicht kleckern, klotzen ist hier die Devise!


Vermutlich wird (Drama, Baby, Drama!) der kleine Fisch demnächst für 5 Jahre – ein Jahr pro Euro – in den Bau wandern. So oder ähnlich sollte ihr Schreckensszenario in jedem Fall aussehen. Das ist zwar nicht korrekt, auch rechtlich weder so vorgesehen noch geplant, aber bei Ihren Zuhörern weckt es Ängste. Wer hat nicht schon mal was falsch gemacht? Und wenn das jetzt SOLCHE Folgen hat … Stellen Sie fest, dass Pograpschen demnächst mit Sicherheit auf eine Stufe mit Vergewaltigung gestellt und entsprechend bestraft werden wird. Immer feste druff, keine Hemmungen bei schonungsloser Panikmache. Nur so haben Sie Ihr Publikum im Griff! Und schon wirkt ein Griff zwischen die Beine, eine sexuelle Nötigung, eine Ohrfeige oder Festhalten und ins Gesicht spucken gar nicht mehr so schlimm! Angesichts SOLCH drastischer staatlicher Maßnahmen (Drama!) kann man das alles getrost vernachlässigen.


Der Vorteil unseres 8-Punkte-Programms: Es existieren in Ihrer Umgebung bald überhaupt keine Straftaten mehr! Schließlich lässt sich alles wegerklären. Erfolgt der Griff zwischen die Beine beispielsweise unter den Kleidern, ist auch das nicht schlimm! Was sind denn schließlich zwei oder drei so kleine Lagen Stoff? Immer locker bleiben, ist doch schließlich nichts passiert! Allenfalls Taten mit Todesfolge sind nun noch WIRKLICH relevant. Die kommen zum Glück so häufig nicht vor – und so leben Sie auf einmal im Paradies (gut, so lange es Sie nicht selbst betrifft, aber das ist SELBSTVERSTÄNDLICH etwas GANZ ANDERES).


Und vergessen Sie bei all dem niemals die Grundregel: Untertreibung, Untertreibung, Untertreibung. Aber dabei immer schön ein ganz kleines bisschen auf die Gegenposition zugehen, damit Sie selbst nicht völlig unglaubwürdig wirken. Stellen Sie beispielswiese fest, dass ein kräftiger Griff zwischen die Beine „schon etwas herb“ wäre. Also jetzt nicht strafrechtlich relevant, eigentlich überhaupt nicht schlimm, aber ein bisschen herb-derb schon. Damit haben Sie auch Regel 3 unserer Grundregeln beachtet: Der Täter wirkt nun allenfalls rustikal-beschränkt, vermutlich konnte er die Folgen seines Tuns sowieso nicht einschätzen.


Behalten Sie zudem immer Regel 2 im Blick: Wenn jemand Ihre Untertreibung anspricht, immer gleich persönlich werden! Den Gegner lächerlich machen! Stellt z. B. jemand fest, dass ein Griff an die Geschlechtsteile einer Person, zu der keine sexuelle Beziehung besteht, übergriffiges Verhalten wäre, stellen Sie klar, dass dieser jemand wahlweise prüde, hässlich oder naiv sein müsse. Auch hier gilt wieder „klotzen, klotzen, klotzen“.


An dieser Stelle möchte ich mich nun verabschieden, Ihnen für die Zukunft eine erfolgreiche Verharmlosung wünschen und hoffe, mein Programm in 8 Schritten war Ihnen eine Hilfe. Denn merke: Effektive Verharmlosung macht das Leben leichter!

(Sexuelle) Gewalt verharmlosen – eine Anleitung in 5 Schritten

Es gab kürzlich einen Vorfall von Gewalt, eventuell sexueller, der Ihnen aus verschiedenen Gründen unangenehm ist – persönlich, ideologisch, privat?

Keine Sorge, hier erhalten Sie eine detaillierte, sofort umsetzbare, praxisorientierte Anleitung zur Verharmlosung des Vorfalls.

Schritt 1: Verharmlosen Sie die Tat an sich

Es ist eigentlich ganz einfach: Untertreiben Sie. Aber mit Stil. Jakob Augstein vom Spiegel macht es vor „Ein paar grapschende Ausländer und schon reißt bei uns der Firnis der Zivilisation.“ Herrlich. Ein Paradestück. „Sexuelle Gewalt“ oder „sexuelle Übergriffe“ oder gar „schwere sexuelle Nötigung“? Würde so ernst klingen, so uncharmant. Aber ein paar Grapschereien? Klingt irgendwie nach Kavaliersdelikt. Nach einer Menge Spaß. Kein Grund zur Aufregung, also!

Das lässt sich wunderbar auf verschiedene Situationen übertragen. Jemand wird nachts in der U-Bahn zusammengeschlagen? Einige Ohrfeigen zu später Stunde! Eine Kneipenschlägerei mit Schwerverletzten? Eine Rangelei unter Freunden! Ein gebrochener Arm bei einem Kind? Eine etwas übertriebene Erziehungsmaßnahme.

Sie sehen: Untertreibung ist vielseitig anwendbar und verfehlt nicht ihre Wirkung: Sie zieht die Tat und die Betroffenen gekonnt ins Lächerliche, ohne dies allzu offensichtlich werden zu lassen: Wer wird sich denn wegen so ein paar Kleinigkeiten aufregen? Allenfalls unentspannte Menschen, die keinen Spaß verstehen oder zu viel Zeit haben.

Übertreiben Sie es aber nicht mit der Untertreibung. Ansonsten könnten Sie eventuell selbst unglaubwürdig wirken. Auch hier gibt uns der außerordentliche Jakob Augstein ein wunderbares Beispiel: „Normalerweise fällt die Ahndung von Straftaten nicht in den Bereich der Bundeskanzlerin. Minderschwerer Straftaten schon gar nicht. Darum handelt es sich in Köln vermutlich nämlich ganz überwiegend.

„Minderschwere Straftaten“. Ja. Man hat immerhin durchaus zugestanden, dass es sich um Straftaten handelt, anderes könnte dann doch ein wenig unglaubwürdig wirken, angesichts der Vorwürfe, die recht eindeutig die Merkmale sexueller Nötigung erfüllen bzw. da in der Gruppe ausgeübt, die Merkmale schwerer sexueller Nötigung. Aber minderschwer? Klingt gleich ziemlich harmlos. Vermutlich irgendwo auf der Höhe von Ladendiebstahl. Und dennoch haben Sie ja bis zu einem gewissen Grad eingestanden, dass die Tat bei Licht betrachtet nicht ganz korrekt war. Ihnen kann niemand etwas vorwerfen. Dazu noch das Wörtchen „vermutlich“ und Sie sind auf der sicheren Seite. Wer sagt’s denn?!

Wichtig: Bleiben Sie immer vage, legen Sie sich nicht fest (mehr dazu in Schritt 4).

Und beachten Sie unbedingt Schritt 5, wenn Sie WIRKLICH ein erfolgreicher Verharmloser werden möchten.

Schritt 2: Machen Sie andere Interpretationen besagter Tat lächerlich oder unmöglich

Es könnte vorkommen, dass andere Menschen ihrer Untertreibung (siehe Punkt 1) widersprechen und beispielsweise feststellen, dass es sich bei besagten Taten um „sexuelle Nötigung“ gar „schwere sexuelle Nötigung“ handle. Verlieren Sie jetzt bloß nicht die Fassung! Machen Sie subtile Andeutungen, die den Urheber solcher Feststellungen gekonnt ins Lächerliche ziehen. Wie wir bereits wissen, reißt laut Herrn Augstein bekanntlich aufgrund besagter „Grapschereien“ der „Firniß der Zivilisation“. Das ist geschickt. Wer die Taten anders interpretiert, etwa als schwere sexuelle Nötigung, hat somit bereits die Gefilde der Zivilisation hinter sich gelassen. Ein durchaus eleganter Weg zu sagen „wer das anders sieht, ist unzivilisiert“! Auch hier sind viele Anwendungen denkbar.

Jemand bezeichnet Ihre „Ohrfeigen zu später Stunde“ als versuchten Totschlag oder gar versuchten Mord? Stellen Sie beispielsweise fest, dass Menschen, die aus einem „unglücklich verlaufenen Abend eine Straftat basteln wollen“, vermutlich Anhänger einer „Auge um Auge, Zahn um Zahn“-Mentalität“ seien, die „noch auf den Bäumen leben“. Auf „Menschen“ ist dabei Wert zu legen. Bleiben Sie allgemein! Übertreibung ist hier alles, um ihre Untertreibung gekonnt zu verdecken! Stellen sie (allgemein bleiben!) fest, dass sich so niemand verhält, der ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft ist! Die Möglichkeiten sind nahezu unbegrenzt. Und lassen sie sich von Verweisen auf die Schwere der Verletzungen, Traumatisierungen, besondere Schwere der Schuld, das Strafgesetz oder gar das Grundgesetz nicht ins Bockshorn jagen! Sie haben Recht!

Schritt 3: Verharmlosen Sie die Täter

Achtung, hier ist Fingerspitzengefühl angesagt. Denn nun müssen Sie die Täter, wunderbar ausbalanciert, ein wenig ins Lächerliche ziehen. Seien es nun besagte „paar grapschende Ausländer“ oder „einige gelangweilte Jugendliche“ (beispielsweise in unserem fiktiven U-Bahn-Fall), die Täter müssen wie ein paar harmlose Dorftrottel wirken, die es nur ein wenig übertrieben haben. Dabei kann man ruhig etwas herablassend wirken, es hilft der guten Sache. Die „paar Ausländer“ wissen es eventuell nicht besser, Jugendliche schlagen schnell mal über die Stränge, zumal, wenn sie gelangweilt sind und Betrunkene so und so. Bleiben Sie subtil und bedienen Sie diese Topoi eher unter der Oberfläche. So kann Ihnen niemand etwas Schlechtes nachsagen!

Schritt 4: Frisieren Sie Zahlen – aber richtig

Es gab mehrere Vorfälle der Art? Mehrere Betroffene? Eventuell könnten die tatsächlichen Zahlen ein wenig verstörend auf andere wirken.

Hier empfiehlt sich ein einfaches Mittel: Bleiben Sie vage! Nennen Sie nichts Konkretes! Seien es nun „ein paar“ oder „einige“ oder, wie es verschiedene Artikel zu den Kölner Fällen so wunderbar umschrieben, „einige Dutzend“. Über 100 oder gar über 200 Opfer klänge so unschön. Aber „einige Dutzend“. Das ist Kunst! Schauen Sie sich ein wenig bei der Preisgestaltung großer Konzerne um: 99,90 € klingt viel harmloser als 100 €. Und „einige Dutzend“ klingt nach deutlich unter 100. Ein Dutzend sind 12. Einige Dutzend sind vielleicht 36, vielleicht 48. Auf jeden Fall klingt es eher wie 12. Eine kleine Zahl, irgendwie. Muss man sich darüber wirklich derart aufregen? Das Beste dabei ist: Ihnen kann keiner was. Denn einige Dutzend können tatsächlich auch über 100 sein. Es klingt nur besser.

Schritt 5: Es gibt immer Schlimmeres!

Bisher hatten wir die Pflicht, aber nun kommt die Kür, die Ihrer Verharmlosung erst den richtigen Schliff verleiht und Sie als echter Profi ausweist!

Wir kennen es alle: Blinddarmentzündung, Nebenstrangangina, Grippe. Irgendwer kam immer daher und erzählte uns von Onkel Willis amputierten Armen und Beinen im Krieg, Großtante Gretes schwerer TBC oder gar der Krebserkrankung der Großmutter. Grundton: Du kannst noch froh sein. ECHTE Probleme sehen ganz anders aus.

Im Prinzip ist nun genau das gefragt: Noch Schlimmeres ist immer vorstellbar. Und wenn jemand die besagte Tat als „furchtbar“ oder „verabscheungswert“ bezeichnet, werden Sie aktiv. Werden sie konkret! Schonungslos! Beschreiben Sie abgehackte Köpfe, abgetrennte Gliedmaßen, brutale Mordfälle. Übertreiben Sie schamlos! Nur dann wirkt das Geschehene dagegen völlig harmlos und geradezu alltäglich.

Der U-Bahn-Fall? Also bitte, das als „furchtbar“ zu bezeichnen, ist gnadenlos übertrieben! „Furchtbar“ ist, von einem Serienkiller hingemeuchelt zu werden. Der eingeschlagene Schädel bei der Schlägerei? „Schlimm“ ist nun wirklich anderes. Beispielsweise könnte der Kopf auch ab sein. DAS wäre schlimm. Echte Verharmloser-Profis setzen diese Technik schon seit Jahren erfolgreich ein, frei nach dem Motto „Hauptsache noch lebendig oder wenigstens nicht ganz grausam gestorben“.

So wie wiederum unser geschätzter Herr Augstein, wenn er feststellt „Cem Özdemir nannte das, was sich auf dem Domplatz in jener Nacht abgespielt hat „grässlich“. Das klang so, als seien dort Frauen verspeist, nicht beraubt und sexuell bedrängt worden.“ Ha, kannibalistisch ermordet zu werden, ist vermutlich wirklich schlimmer, als eingekreist zu werden, sexuell genötigt und beraubt! Bei Licht betrachtet, war das Wörtchen „grässlich“ im Vergleich zu „verspeist werden“ dafür wahrscheinlich tatsächlich zu stark. Ein Glück! Jetzt ist wieder alles in Butter! Denn: Schlimmer geht immer!

 

 

 

 

„Sie Rassist“ – „Sie Heuchler“ oder auch „Ähm, Opferschutz?“

Stellen wir uns mal vor, an einem frühen Morgen findet Frau Müllermaier Herrn Huber von nebenan blutend auf der Straße. Sie sieht zwei andere Nachbarn von Haus C wegrennen und Herr Huber ruft mit schwacher Stimme „Hilfe, Sie haben mich geschlagen und ausgeraubt“. Frau Müllermaier läuft zu dem Opfer … und beginnt zu lamentieren „Wie furchtbar, das Ganze. Schrecklich – nun wird der blöde Herr Müller wieder auf die von Haus C schimpfen. Schrecklich, schrecklich, dieser Herr Müller.“

Herr Huber fasst ihren Fuß, aber sie tritt ihn weg und will wegschleichen. In diesem Augenblick kommt Herr Müller hinter der Tür hervorgeschossen, hinter der er die ganze Zeit gelauscht hat, rennt über den am Boden liegenden Herrn Huber hinweg und brüllt Frau Müllermaier nach: „Typisch wieder mal! Wenn die Täter von Haus C kommen, ist Ihnen das Opfer egal. Sie Heuchlerin! Letzte Woche, als Frau Gruber die Handtasche weggerissen wurde, haben Sie noch den Aufstand geprobt!“ Das lässt sich Frau Müllermaier nicht bieten und schreit zurück: „Wusst ich’s doch, dass Sie jede Gelegenheit nutzen, denen von Haus C eins auszuwischen, Sie widerwärtiger C-Feind!“ Zwischen ihnen am Boden verblutet langsam Herr Huber. Frau Müllermaier und Herr Müller brüllen sich gegenseitig Beleidigungen zu und beachten ihn nicht weiter.

So in etwa läuft derzeit die Debatte über die Vorkommnisse in Köln und Hamburg. Opferschutz? Ach egal! Hauptsache man kann den Meinungsgegner möglichst effektiv als „Rassist“ oder als „Heuchler“ bezeichnen. Was dafür der Anlass ist – fast schon einerlei. Dass da eine ganze Reihe Frauen und auch Männer vermutlich schwer traumatisiert wurde: Irgendwie Nebensache. Dass es sich tatsächlich um eine „neue Dimension von Gewalt“ handelt, weil die Straftaten aus einer riesigen Menschenmenge heraus und dort aus vielen großen Gruppen begangen wurden und Opfer.übereinstimmend beschrieben, das sie niemanden um Hilfe bitten konnten, weil die Umstehenden entweder selbst mit Verteidigung beschäftigt waren oder aber zu den Tätern gehörten oder zumindest mit ihnen sympathisierten, sie also wirklich völlig ausgeliefert waren – also, eigentlich … schlimm schon, aber es gibt Schlimmeres. Dass die Perspektive der Opfer Beachtung verdient, ihre Not, ihre Angst, ihr Schmerz: Hey, es gibt schließlich Wichtigeres zu tun!

Ich kann es den Frauen ziemlich nachfühlen. Als Jugendliche wurde ich selbst im Schwimmbad von einer Gruppe junger Männer (eher Jugendlicher) eingekreist, gegen die Wand gedrückt, unterm Badeanzug massiv betatscht und bei Gegenwehr geschlagen. Eingegriffen hat niemand. Ich erinnere mich noch an meine Angst, meine hilflose Wut, das Gefühl völligen Ausgeliefertseins. Seither (es kam dann noch zu ähnlichen Vorfällen, allerdings durch „nur mehr“ zwei bzw. einen Täter) kann ich Schwimmbäder nur noch mit Angst betreten, am liebsten aber nicht mehr oder nur mit „Kinderbegleitung“ (ein sehr effektiver Schutz). Und trotzdem war die Situation vermutlich „harmloser“ als die Situation in Köln und Hamburg, weil es nicht dutzende solcher Gruppen gab, kein Gedränge herrschte, so dass Flucht schließlich möglich war und die Täter nicht noch von gröhlenden Sympathisanten umgeben waren. Ich kann nur sagen: So etwas ist absolut grauenhaft, es verdient Beachtung, den Opfern muss unbedingt geholfen werden. Mit sinnlosen Grabenkämpfen hilft aber niemand. Das ist eher noch ein Schlag ins Gesicht der Opfer.

Und zum Schluss noch ein paar Augenzeugenberichte, die die Perspektive der Opfer deutlich machen:

„Man sah, dass die Polizei nichts ausrichten konnte“

„Ich habe mich komplett ausgeliefert gefühlt“

„Kein Einsatzwagen verfügbar“