Falschbeschuldigung – „das perfekte Verbrechen, um einen Mann aus dem Weg zu räumen, ohne selbst ein Risiko einzugehen“?

In der aktuellen Kolumne von Margarete Stokowski las ich zum Thema Falschbeschuldigung das ZitatEs ist das perfekte Verbrechen, um einen Mann aus dem Weg zu räumen, ohne selbst ein Risiko einzugehen.

Es handelt sich um ein Zitat aus einem Interview der taz mit Jörg Kachelmann. Er sagt dort konkretDie hohe Zahl der Falschbeschuldigungen liegt daran, dass Täterinnen meist völlig straffrei ausgehen. Es ist das perfekte Verbrechen, um einen Mann aus dem Weg zu räumen, ohne selbst ein Risiko einzugehen.“

Da musste ich doch ziemlich mit dem Kopf schütteln. Ohne selbst ein Risiko einzugehen? Das klingt so, als könne man als Frau so eben im Vorbeigehen einen Mann der Vergewaltigung beschuldigen, wie man eine Semmel beim Bäcker kauft.

Tatsächlich aber ist es doch so, dass gesellschaftlich eine Frau, die als Falschbeschuldigerin gilt, ebenso geächtet wird, wie ein Mann, der als Vergewaltiger gilt. Das Risiko, als Falschbeschuldigerin zu gelten („es wird mir keiner glauben“), habe ich mehrfach als Begründung dafür gehört, warum eine Vergewaltigung nicht angezeigt wurde. Und prinzipiell ist natürlich (siehe Fall Arnold) auch die falsche Verdächtigung eine Straftat, die geahndet werden kann und zwar auch mit jahrelangen Haftstrafen. Mal abgesehen davon, dass eine Strafanzeige mit dem ganzen Rattenschwanz an Befragungen, Aussagen vor Staatsanwaltschaft und Gericht an sich nie ein Zuckerschlecken ist.

Hätte er „straffrei“ geschrieben, hätte man dem Satz in der Rechtspraxis bis zu einem bestimmten Punkt zustimmen können. Aber „risikolos“ ist absoluter Unsinn. Eine Frau, die eine Falschbeschuldigung plant, setzt sich demselben Risiko eines „sozialen Todes“ aus, wie ein Mann, der vergewaltigt. Nun mag man in solchen Fällen „selbst schuld“ sagen oder denken.

Aber was ist mit Menschen, die unschuldig sind?

Jemand, der falschbeschuldigt wird, hat ein hohes Risiko für besagten „sozialen Tod“. Ein Vergewaltigungsopfer stirbt, wenn es als Falschbeschuldiger/in gebrandmarkt wird, diesen sozialen Tod zusätzlich noch zur Tat an sich.

Jörg Kachelmann scheint die ganze Zeit um diesen Gedankengang herumzulavieren, die taz fragt auch an einer Stelle entsprechend nach („Es ist auch erwiesen, dass sehr viele Frauen, die sexualisierte Gewalt erlebt haben, diese nicht zur Anzeige bringen. Auch deshalb, weil sie fürchten müssen, dass man ihnen nicht glaubt, oder dass sich das, was ihnen wiederfahren ist, vor Gericht nicht zweifelsfrei beweisen lässt.“).

Jörg Kachelmanns Antworten auf solcherlei Fragen?

Die größte Gefahr für echte Opfer sind Falschbeschuldigerinnen.

Ah?! Das wäre in etwa so, als würde man behaupten „Die größte Gefahr für falschbeschuldigte Männer sind Männer, die vergewaltigen. Nicht die Falschbeschuldiger/innen an sich, sondern die Vergewaltiger“.

Trotzdem interessant, denn an dieser Stelle gibt er offensichtlich durch die Blume zu, dass die Angst davor, als Falschbeschuldigerin zu gelten, ein wesentlicher Grund für das Nichtanzeigen einer Vergewaltigung sein kann.

Und weiter: Es ist auch leider so, dass die Mehrheit dieser echten Opfer nicht anzeigt. Nicht, weil diese kein Vertrauen in Polizei und Justiz hätten, sondern eben jeder einzelne Fall zu anderen Verarbeitungsmechanismen bei den betroffenen Mädchen und Frauen wird – und diese führen nicht immer über eine Anzeige.

Recht offensichtlich wird an dieser Stelle plötzlich wieder von der unangenehmen Frage abgelenkt, ob nicht die Angst, als Falschbeschuldigerin zu gelten, ein wesentlicher Grund für nicht erfolgte Anzeigen sein kann.

Er bringt dann einige Beispiele für seine Behauptung, die alle ein wenig an den Haaren herbeigezogen wirken (ein Mädchen, das im Familienurlaub vergewaltigt wird und nichts sagt, um den Eltern kein schlechtes Gewissen zu machen). Aber sei’s drum.

Aufmerken lässt dann noch der SatzDas hohe Vergewaltigungsrisiko kann nicht durch die Justiz am Ende der Präventionskette gemindert werden, sie hat schon alle Werkzeuge in der Hand.“

Ah? Bei Falschbeschuldigungen lasen wir doch, man erinnere sich, kurz zuvor noch etwas völlig anderes, geradezu Konträres Die hohe Zahl der Falschbeschuldigungen liegt daran, dass Täterinnen meist völlig straffrei ausgehen„.

Es ist doch recht interessant, dass dies zwar für Falschbeschuldigungen gelten soll, für Vergewaltigungen aber nicht.

Meine Lieblingspassage im Interview ist aber diesePolitiker und auch Sie müssen aufhören, Frauen mit fürsorglichem Sexismus als Wesen zu sehen, die ein bisschen schwach und doof sind und die so gerne anzeigen würden, wenn’s ein bisschen schöner wäre, wie Sie gleich schon in Ihrer Frage eben mitteilten. Wir können Frauen nicht zwingen, konsequent anzuzeigen. Und die Gründe, das nicht zu tun, sind vielschichtiger als die frei erfundene These in Ihrer Frage, dass Frauen immer etwas fürchten. Ich habe Frauen zeit meines Lebens ziemlich furchtlos erlebt, während Sie bemerkenswerterweise nur verschreckte Heimchen zu kennen scheinen.

Ah? Herr Kachelmann hat doch selbst zuvor einige Beispiele genannt, warum Frauen nicht angezeigt haben. Ausnahmslos alle hatten mit Angst zu tun. Welche Gründe sollten es denn sein, außer Angst in irgendeiner Form? Vor dem Täter, vor der Reaktion des Umfelds, vor Verlust von Familie, Ehre, Ansehen, Liebe, Freundschaften, Angst vor dem Behördenmarathon und davor, als Falschbeschuldigerin zu gelten … Ich bin gespannt.

Besonders liebe ich ja immer diese impliziten „Frauen sind stark“-Sätze, die in solchen Aussagen ganz plötzlich und ziemlich sinnlos mitschwingen. Wer Angst hat, kann trotzdem stark sein. Und es ist auch nicht schlimm, schwach zu sein und hilflos, wenn man etwas Schlimmes erlebt hat. Mit „doof sein“ hat dies nichts, aber rein gar nichts zu tun. Auch starke und kluge Menschen können in bestimmten Situationen Angst haben und hilflos sein. Auch Männer übrigens. Solche Aussagen sind ebensolche Nonsense-Aussagen wie die fiktive aber doch oft in ähnlicher Form gehörte Behauptung „Männer können eine Straftat doch wegstecken. Die sind stark“.

 

 

 

 

 

 

Lillifee und das rosa Mathemonster

Auf Spiegel wird Sybille Bergs aktuelle Kolumne zum Thema Mädchen, MINT-Fächer, rosa Prinzessinen und Einhörner ja gerade heiß diskutiert.

Ich bin ja jemand, der die Ansicht vertritt, das Kind weitgehend (aber auch nicht nur) selbst entscheiden zu lassen, was es tragen will oder mit was es spielen mag. Andererseits stößt diese Einstellung schon manchmal sehr an ihre Grenzen, wenn eindeutig nur noch Freunde bzw. Freundinnen imitiert werden und das ganze nichts „Eigenes“ mehr hat. Meist beginnt diese starke Beeinflussung durch die Peer Group im zweiten Kindergartenjahr, also so mit 4. Und, ich gebe es zu, ich finde das überhaupt nicht einfach.

So habe ich prinzipiell – bei beiden Geschlechtern – wenig gegen Rosa, Glitzer und Einhörner. Schlimm finde ich es allerdings, wenn es völlig überhand nimmt und einseitig klischeemäßig wird. Es erklärte z. B. meine Kleine nach mehreren Folgen Lillifee im Brustton der Überzeugung „Wenn ich mal groß bin, will ich Prinzessin, Fee und Ballerina werden, oder wenigstens eins von den Dreien“. Da musste ich schon schlucken. Sehr zukunftsträchtige Berufe, das ^^.

Oder dasselbe Kind verweigerte im Winter jedwede Hose, weil ihre Freundinnen angeblich nur Kleider tragen würden. Interessanterweise sah sie dabei nur das Vorbild der beiden Freundinnen, die sehr klischeemäßig auftraten und nicht das Vorbild der beiden Freundinnen, die durchaus auch Hosen und Fußballshirts trugen. Sie hatte dann eine handfeste Erkältung, trotz dicker Strumpfhose und ich hätte mich in den Allerwertesten beißen können, weil ich dem Unsinn nachgegeben habe.

Als sehr problematisch erachte ich übrigens eigentlich nicht das Glitzer, das Rosa und die Pferdchen, sondern die Tatsache, dass viele Eltern nicht einmal versuchen, ihre Mädchen für MINT-Fächer zu interessieren (warum sollten sich Mathe und Glitzer denn eigentlich widersprechen?) und viele Serien und Bücher für Mädchen genau das unterstützen. Nach dem Motto „interessiert sie ja eh nicht, ist ja ein Mädchen“. Das ist dann, als würden Eltern ihr Kind von klein auf vor die Glotze packen, es nie an die frische Luft lassen, ihm den ganzen Tag Fastfood zu futtern geben und sich hinterher darüber wundern, warum um alles in der Welt das Kind so dick ist und unsportlich noch dazu und außerdem kein Gemüse mag.

Wie wäre es mal mit „Lillifee und das rosa Mathemonster“? Das dürfen dann gerne auch Jungs lesen ;-).

 

Mehr zum Thema: „Stinkt rosa?“

 

 

„Ich bin bi – hihi“ – Warum ich verstehen kann, dass uns lesbische Frauen oft nicht leiden können

Ich sag es gleich zu Anfang: Der Artikel wird bitterböse und stellenweise gemein. Mea Culpa.

Aber beginnen wir ganz von vorn: Kürzlich hat sich eine gute Bekannte vor mir geoutet. Für mich war die Frage, wen sie liebt, selbstverständlich kein großes Thema (zumal es mir ohnehin schon länger klar gewesen war). Es stellte sich aber heraus, dass sie große Angst gehabt hatte, mir von ihrer Freundin zu erzählen, da ich religiös bin und religiöse Menschen oft schon negativ reagiert hatten. Konnte ich verstehen. Sie war dann sehr erleichtert, dass ich positiv reagiert habe.

Und ich überlegte kurz, ob jetzt vielleicht der Zeitpunkt gekommen wäre, mich ebenfalls zu outen. Soldidarisch. Um ihr zu vermitteln, dass sie von mir nichts zu befürchten hat. Ich hab’s dann gelassen. Grund: Das grottenschlechte Image von bisexuellen Frauen bei lesbischen Frauen.

So wie sie Angst hatte, dass ich sie gleich mit Weihwasser besprenkle und „Weiche von mir, Satan“ schreie (nein, nicht wirklich, aber ihr wisst, was ich meine), hatte ich Angst, dass sie stante pede einen halben Meter zurückspringt und sich nie wieder meldet, weil sie befürchtet, dass ich ihr einen Dreier aufdrängen will.

Denn das Problem sind … sie. Also die Dreier-Bis.

Dreier-Bis sind Frauen, die noch nie eine Beziehung mit einer Frau hatten, noch nie in eine verliebt waren und das auch gar nicht wollen („Irgendwie stand ich schonmal bissel auf meine BF, so rein optisch – hihihi“). Sie haben ausschließlich Beziehungen mit Männern. Warum sie sich trotzdem bi nennen (aber bloß nicht zuviel!)? Weil sie Dreier „irgendwie schick“ finden. Ab und an rennen sie dann noch auf ebenso todschicke „Bi-Partys“. Wer sich nun fragt, was genau das sein soll, der lese gerne hier nach. Jup. Der fleischgewordene Hetero-Mainstream-Porno-Traum. Lauter geile wilde Weiber, natürlich allesamt ganz wunderherrlich und eigentlich doch hetero und in festen Beziehungen mit Männern und so, aber schon auch irgendwie bi, nur so im sexuellen Sinne und nur so bisschen, bloß nicht zuviel, versteht sich, und alle mit mindestens C-Körbchen und so, die gemeinsam mal die Sau rauslassen – mit Vibrator und Strapsen etc. (wird das eigentlich gleich live ins Netz übertragen?).Der geneigte Leser fragt sich, ob da irgendeine(r) deutlich zuviel Beate Uhse Pornos gesehen hat. Aber lassen wir das.

Dreier-Bis flöten Sätze wie „Ich will mal meine lesbische Seite entdecken“. Ihre Motivation bewegt sich irgendwo zwischen „Mein Freund findets geil“ und „Mein Mann wird eifersüchtig, wenn ich mit nem Kerl fremdgehe, aber bei einer Frau steht er drauf („Darf er mal zugucken?“)“.

Dreier-Bis sind sich nicht zu blöd, lesbische Frauen nach einem Dreier zu fragen oder zumindest nach besagtem“Zugucken“ („Das wär ja dann schon eher mit mir, er hält sich dann mehr im Hintergrund“).

Dreier-Bis denken, bi zu sein, besteht hauptsächlich darin, es unbedingt mit einem Mann und einer Frau gleichzeitig treiben zu wollen. In ihrer Vorstellungswelt gibt es gar keine Bisexuellen, die nicht auf Dreier stehen („Aber dann bist Du doch nicht bi!“).

Sie sagen verständnisvolle (*hust*) Sätze wie „Wenn ich sie (also Frauen, Anm. der Redaktion^^) anspreche, haben viele das Gefühl, nur für einen Dreier benutzt zu werden. Natürlich wünsche ich mir Dreier, aber alle sollen daran Spaß haben.“ (Quelle)

Bis vor kurzem fanden die meisten Dreier-Bis Lesbensex noch „irgendwie eklig“, aber seit sie regelmäßiger Pornos gucken, haben sie verstanden, dass das grad in sein muss.

Einer persönlichen Feldstudie zufolge sind Dreier-Bis nahezu deckungsgleich mit der Gruppe Frauen, die noch vor ein paar Jahren bei Second Hand laustark „Igitt“ brüllten, es aber total cool finden, seit „Vintage“ draufsteht. Vermutlich würden sie sich auch eine grünkarierte Tennissocke auf den Kopf setzen, wenn’s angesagt wäre.

Mit anderen Worten: Dreier-Bis sind unglaublich nervig. Und unglaublich laut. Und unglaublich lästig. Und der Grund dafür, warum viele Bis sich Homosexuellen gegenüber gar nicht mehr outen wollen. Wer will schon ernsthaft mit denen (also den Dreier-Bis) verwechselt werden?

Sexuelle Belästigung und Bedrohlichkeit

Im Laufe der Diskussion zu meinem letzten Artikel ist mir eins aufgefallen: Wie wichtig die Bedrohlichkeit einer Person für die Einschätzung einer sexuellen Belästigung ist.

Kann ich die Person notfalls abwehren? Wie penentrant aufdringlich verhält sie sich? Ist es eine Person oder sind es mehrere? Kann sie mir schaden?

Denke ich an diverse Situationen in meinem Leben, wird mir klar, dass ich diese Situationen sehr unterschiedlich einschätze.

Zweimal wurde ich von fremden älteren Frauen betatscht. Fand ich lästig und unangenehm, aber es hat mir keine Angst gemacht, weil ich den Frauen körperlich überlegen gewesen wäre. Da reichte ein Schubser gegen die Hand und ich hatte mich quasi wieder „behauptet“.

Wurde ich dagegen von Männern betatscht, fand ich die Situation in allen Fällen  bedrohlich, weil zumindest die Möglichkeit bestand, dass sie mir körperlich überlegen sind. In einem Fall war ich allerdings bereits ein älterer Teenager und diejenigen, die mich sexuell nötigten, waren etwas jünger als ich, einzeln wäre ich ihnen also überlegen gewesen. Da sie allerdings als Gruppe und extrem penetrant auftraten, ist das die schlimmste Situation, an die ich mich erinnere. V. a. auch deshalb, weil die Intention sehr eindeutig war, mir zu zeigen, dass „man es machen kann“. Generell empfand ich Tatschen aus einer Gruppe von Männern heraus immer am schlimmsten, auch wenn es nur von einem ausging, weil ich die anderen und deren Verhalten nicht einschätzen konnte.

Es kommt aber auch auf den eigenen Erfahrungshorizont an: Je älter ich wurde, umso wehrfähiger wurde ich auch. Ich war nicht mehr völlig überrumpelt, sondern konnte halbwegs mit der Situation umgehen, empfand sie dann zunehmend stärker als lästig denn als bedrohlich und reagierte entsprechend auch eher mit Wut als mit Angst. Dagegen erinnere ich mich, als mir als 13-Jährige das erste Mal ein circa 30-jähriger Mann nachlief, auf mich einredete und mir dabei an den Hintern fasste, dass ich die Situation als extremst bedrohlich empfand. Hier hat Überlegenheit und damit Bedrohlichkeit noch eine andere als die körperliche Komponente, es geht quasi um „Erfahrungsüberlegenheit“.

Dazu kommt noch ein weiterer Aspekt „Machtüberlegenheit“. Eine Belästigung auch von einer körperlich unterlegenen Person, wird als bedrohlicher empfunden, wenn die Person Macht hat, also z. B. der Chef ist (oder eben die Chefin). Eine solche Situation für Männer thematisiert der Film „Enthüllung“ ganz gut und sie wird bereits biblisch im Buch Josef beschrieben (die Frau des Potifar).

Da Frauen Männern in vielen Fällen körperlich unterlegen sind, haben auch Belästigungen „ohne Anfassen“ wie z. B. die Hose runterlassen für sie eine deutlich bedrohlichere Komponente. Die Frau weiß, dass, wenn er nun weitergeht, sie bei einer eventuellen körperlichen Auseinandersetzung eher unterlegen sein wird.

Das mag auch der Grund sein, warum einige Männer Grapschen und andere sexuelle Anzüglichkeiten nicht so schlimm finden bzw. nur dann, wenn es von Männern ausgeht. Sie können aufgrund körperlicher Überlegenheit die Frau notfalls meist abwehren, empfinden die Situation daher maximal als lästig aber nicht als bedrohlich. Ich könnte mir aber vorstellen, dass ein 13-Jähriger, der von einer älteren Frau betatscht wird, ebenso ängstlich reagiert, weil Überlegenheit der Frau (nicht nur körperliche) die Situation bestimmt.

Ich möchte daher ein Gedankenexperiment vorschlagen: Um sich die Bedrohlichkeit von Grapschen für Frauen vor Augen zu halten, sollte man sich vorstellen, man wird von einem 2m-Mann in die Ecke gedrängt und er greift einem einfach zwischen die Beine. Oder aber man wird von einer aggressiven Mädchengang umkreist, die einen zu Demütigungszwecken auch noch betatschen (und nein, ich meine jetzt nicht die Pornovariante, wo alle total scharfe Bienen sind, die ganz heiß auf den Typen sind, sondern eine reale Situation). Beides würde mit Sicherheit den wenigsten Männern gefallen, einfach, weil das Bedrohungspotenzial der Situationen sehr hoch ist. Für Frauen, die Männern in vielen Fällen eben doch körperlich unterlegen sind, hat sexuelle Belästigung meist eine ähnlich hohe Bedrohlichkeit.

Bei der Recherche zu diesem kleinen Text bin auch auf eine interessante und lesenswerte „Jungsfrage“ im Jetzt-Magazin der Süddeutschen Zeitung gestoßen, die meine Eindrücke zum Thema Bedrohlichkeit und Macht weitestgehend bestätigt.

 

 

Was wollen Grapscher?

Obige Frage treibt mich tatsächlich bereits einige Zeit um.

Denn tatsächlich ist es ja so, dass Grapschen in den aller-, allermeisten Fällen nicht dazu führt, dass sich die begrapschte Person danach sexuell für den Grapscher interessiert. Vielmehr ist es üblicherweise so, dass der Grapscher als unangenehmer, widerwärtiger Mensch wahrgenommen wird. Heißt: Grapschen reduziert die Chance auf (sexuellen) Kontakt mit der Person enorm. Und das ist doch auch den meisten Menschen mit einem IQ über 60 völlig klar.

Warum genau also tun Menschen das?

Tatsächlich fällt mir, wenn die Erklärung „Anmachen“ aus o. g. Gründen wegfällt, nur noch die Erklärung „Demonstrieren von Macht“ ein. Also, dass man dem Menschen zeigt „Schau, was ich mit dir machen kann. Und ich könnte noch viel mehr …“.

Studien zum Thema habe ich leider keine gefunden.

Töten Pornos Zärtlichkeit? Fragen zur Sexualerziehung

Wenn ich Pornos gucke, fällt mir in den letzten Jahren vermehrt eines auf: Die totale Abwesenheit von Zärtlichkeit. Gibt es in den Pornos aus den 70ern, 80ern und 90ern, so doof diese teilweise sein mögen, noch Knutschereien zu sehen, Küsse und Streicheleinheiten, sind diese Elemente in Pornos mittlerweile fast völlig verschwunden und nur noch im „special interest“ Bereich zu finden.

Daher stelle ich mir mittlerweile sehr ernsthaft die Frage, ob Pornos eventuell die Zärtlichkeit in (Sex-)Beziehungen töten? Denn Sex ist in Pornos mittlerweile tatsächlich fast ausschließlich hart und direkt, es dominieren Handlungen, die noch vor 10 Jahren als „special interest“ gegolten haben, während gleichzeitig ebenjene Knutschereien und Streicheleinheiten mittlerweile zu „special interest“ abgesunken sind. Tatsächlich fällt mir auf, dass sogar in Gay Pornos, früher mal für „harten Sex“ bekannt, mehr Küsse zu sehen sind als in Mainstream-Hetero-Pornos.

Wenn also Jugendliche (und die gucken allen Studien zu Folge in ihrer großen Mehrheit Pornos) fast nur noch mit Hardcore-Streifen ohne jegliche zärtliche Elemente konfrontiert werden, wie sollen sie von selbst auf die Idee kommen, dass Sex das eben auch bedeuten bzw. beinhalten kann? Das Elternhaus nimmt in der Sexualerziehung nur noch eine untergeordnete Rolle ein.

Bis vor wenigen Jahren waren die „Bravo“ oder die „Bravo Girl“ und ähnliche Zeitschriften nicht unerheblich für die Sexualerziehung von Jugendlichen. Da wurde getauscht, gekichert, es war irgendwie ein bisschen peinlich. Eltern und noch mehr Großeltern fanden die Dinger höchst bedenklich. Aber trotzdem stand in diesen Zeitschriften eben auch eine Menge zu zärtlichem, respektvollem Umgang miteinander beim Sex. Internet-Pornos haben aber auch alle diese Magazine weitgehend abgelöst, die Bravo und Co kämpfen seit Jahren mit sinkenden Auflagenzahlen.

Wie und wo also findet Sexualerziehung in Richtung Zärtlichkeit und Respekt statt, wenn das im Internet kaum zu finden ist?

Klar kann ich meinen Kindern da einiges vermitteln, was generell respektvollen, liebevollen Umgang miteinander betrifft. Aber sie werden dann anschließend massiv mit ganz anderen Inhalten konfrontiert. Vermittelt das nicht die Idee, diese Art von,- superhartem – Sex wäre quasi der Normalfall und Zärtlichkeit in einer Beziehung eher die Ausnahme, wenn überhaupt?

Kinder/Jugendliche lernen ja aus Anschauung und Erfahrung. Nun kann man selbstredend die Kinder/Jugendlichen nicht dabei zusehen lassen. Wäre es daher vielleicht eine Möglichkeit für Eltern, ihren Jugendlichen einige ausgewählte Sexfilme zur Verfügung zu stellen (nicht, gemeinsam anzusehen, natürlich, das wäre übergriffig) und darüber zu sprechen. Da sie ja im Netz alle Arten von Pornos frei zu sehen bekommen und darunter auch absolut nicht geeignete (z. B. Gewaltpornos), ist das eine Frage, die und der man sich als Eltern vielleicht tatsächlich stellen muss.

Neue Richtlinie zur Sexual- und Familienerziehung in Bayern – Möglichkeit zur Diskussion

In Bayern war ja geplant, eine neue Richtlinie für Familien- und Sexualerziehung einzuführen. Wie zu erwarten war, klinkten sich die Aktivisten von „Demo für alle“ (sowie verwandte Organisationen) sofort ein und organisierten eine Petition und Veranstaltungen dagegen. Und das, obwohl der Entwurf von der ohnehin nicht gerade für ihre sexualliberalen Ansichten bekannten CSU stammt. Aktivisten trafen sich dann auch mit Kultusminister Herrn Dr. Spaenle, wie „Citizen Go“ stolz verkündete („Citizen go“ ist für die Petition gegen die neuen Richtlinien verantwortlich)

Seither ist was passiert? Rein gar nichts!. Es besteht offenbar kein Interesse mehr an der Umsetzung neuer Richtlinien, da man vor der Reaktion konservativ-reaktionärer Kreise offensichtlich zu sehr Angst hat.

Der Entwurf lässt sich einsehen. Ich will mit meiner Meinung dazu auch nicht hinter dem Berg halten. Der Entwurf ist so, wie er da steht, völlig harmlos. Von „Frühsexualisierung“ oder „Indoktrinierung“ keine Spur. Es gibt sogar einen „Aktionstag für das Leben“, der mit Sicherheit eher reaktionär-konservativen Interessen geschuldet ist.

Aber lest selbst. Ich wäre froh, wenn mir jemand ein paar problematische Passagen nennen könnte. Ich habe alles als völlig handzahm und nahezu übervorsichtig empfunden (und das, obwohl mir ja regelmäßig konservative Verklemmtheit in Sachen Sexualität vorgeworfen wird ^^).

Um die Richtlinien zu lesen, bitte hier klicken