Feminismus – warum das denn?

Und gleich mal die erste Ausnahme von der Sonntag / Mittwoch-Regel, weil ich morgen leider wenig Zeit habe. Und schließlich … es ist ja fast schon Mittwoch ;-). Heute also zum Thema „Feminismus – warum das denn?“

Sehr oft höre ich im Alltag die Frage, warum man bitteschön denn heute noch „den Feminismus“ brauche. Irgendwie erscheint er anachronistisch, irgendwas aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts und dann nochmal irgendwie in den 70ern … aber heute? Warum denn heute immer noch? Ja, warum?


Wie man in meinem letzten Beitrag lesen konnte, fühle ich mich eher dem Gleichheitsfeminismus zugehörig (was selbstverständlich nicht heißt, dass ich differenzfeministische Position in ihrer Gesamtheit ablehne). Damit halte ich die Herstellung absoluter Chancengleichheit für elementar.
Moment mal? Chancengleichheit? Haben wir in Europa doch schon!
Ja, rein rechtlich ist das absolut korrekt. Was dem aber entgegensteht, sind stereotype Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit, die äußerst wirksam sind.


In meinem letzten Beitrag habe ich geschrieben: „Zumindest in Europa ist es also weitgehend Konsens, dass man von einer prinzipiellen Gleichheit der Menschen unabhängig von ihrer Zugehörigkeit zu bestimmten Gruppen ausgeht.“ (Was nicht zu verwechseln ist mit einer angeblichen „Gleichmacherei“, sondern eine völlige Chancengleichheit meint).
Auch das ist richtig. Im Hinblick auf die Kategorie Geschlecht aber leider nicht. Hier wird extrem oft und mit der größten Selbstverständlichkeit eine Vorstellung von Andersartigkeit vertreten, ja von Dichotomie: „Männer sind vom Mars, Frauen von der Venus“, „Männer und Frauen sind wie Topf und Deckel“, „Mädchen tragen rosa und Jungen blau“, „Männer sind hart, Frauen sind weich“, „Männer und Frauen sind wie Plus und Minus“. Solche und ähnliche Vorstellungen sind Alltag.
Dies wurde auch von (gleichheits-)maskulistischer Seite bereits erkannt: „Nichts betonen wir so wie Geschlecht – nicht Rasse, nicht Religion, nicht Einkommen, nicht Herkunft.“ (Christoph Kucklick).
Verbunden wird das Ganze meist mit einer eigenwilligen Interpretation von Gleichwertigkeit: „Sie sind völlig unterschiedlich, aber das heißt ja nicht, dass sie unterschiedlich im Wert sind“. Klingt menschlich, oder? Klingt logisch?


Was dabei nicht bedacht wird, ist, dass damit jener demokratische Grundsatz ad absurdum geführt wird, den ich in meinem letzten Beitrag genannt habe. Es wird, einfach aufgrund der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe unterstellt, der Mensch WÄRE auf eine ganz bestimmte Art und Weise, würde sich auf eine ganz bestimmte Art und Weise verhalten, hätte ganz bestimmte Eigenschaften und Vorlieben. Wenn Männer hart sind und Frauen weich, muss eine „harte“ Frau folglich keine wirkliche Frau sein. Und entsprechend ein „weicher“ Mann kein richtiger Mann. Wenn Frauen zu emotional denken und kein räumliches Vorstellungsvermögen haben, muss der Mensch vor mir als Pilot ungeeignet sein, weil er zufällig eine Frau ist. Wenn Männer „hart“ sind, was sucht dieser Mensch vor mir bitte in einem sozialen Beruf? Vermutlich ist er „weibisch“ – also sozusagen fast eine Frau.
Damit schränkt eine solche Vorstellung massiv Handlungsspielräume ein – sowohl für Erwachsene als auch für Kinder.


Was dabei auch nicht bedacht wird, ist, wie sich solche stereotypen Vorstellungen von Mann und Frau als zwei gegensätzliche Pole auf Menschen auswirkt, die dem nicht entsprechen. Die „Topf und Deckel“-oder auch die „Plus und Minus“-Metapher etwa würde dann bedeuten, dass z. B. homosexuellen Paaren widersinniges, ja, unnatürliches Verhalten unterstellt wird. Schließlich sind Männer Töpfe und Frauen Deckel oder umgekehrt und das passt bestens zusammen, ergänzt sich. Was sollen denn da zwei Deckel oder zwei Töpfe zusammen? Und Minus und Minus oder Plus und Plus stoßen sich bekanntlich ab.


Der moderne Feminismus (wohlgemerkt im Westen, in anderen Ländern gilt es erst einmal Gleichheit vor dem Recht zu schaffen) muss daher meiner Meinung nach in erster Linie auf den Abbau stereotyper Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit, die unser gesamtes Leben beeinflussen, hinarbeiten. Er trifft sich hier mit der Gay Rights Movement und deren Konzept vom Abbau der „Heteronormativität“.


Ziel eines solchen modernen Feminismus muss sein, die vielen unterschiedlichen Varianten des „Frauseins“ zu betonen, ihnen Raum zu erkämpfen und eben gerade nicht einschränkende Vorstellungen von Weiblichkeit zu wiederholen. Feminismus wäre damit also eine Spezialisierung des Humanismus auf Belange von Frauen (und sein Gegenstück der Maskulismus eine Spezialisierung des Humanismus auf Belange von Männern). Ziel ist, die Handlungsspielräume von Frauen und Männern zu erweitern und einschränkende Klischees zu überwinden.

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3 Gedanken zu “Feminismus – warum das denn?

  1. Vielen Dank für diese klare Darstellung der Notwendigkeit und des Zwecks von Feminismus heute.

    Dieser Text sollte eigentlich in Schulbüchern stehen, und als Präambel zum Thema gesellschaftliche Gleichheit im Parteiprogramm jeder demokratischen Partei Verwendung finden.

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  2. @hataibu Herzlichen Dank für dein Feedback zu meinem Text. Dass du ihn gleich schulbuchreif findest, ehrt mich ja sehr ;-).

    Ich hoffe ja tatsächlich, dass Frauen und Männer es in Zukunft gemeinsam hinbekommen, daran zu arbeiten, die Handlungsspielräume von Frauen UND Männern zu erweitern. Frei nach dem Ausspruch meiner „Lieblingsfeministin“ Catharina Halkes „Wir wollen nicht einfach ein größeres Stück vom Kuchen der Männer haben, sondern wir wollen – mit ihnen zusammen – einen neuen Kuchen backen.“

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