Gleichheit und Differenz

Wenn man ein x beliebiges Buch zum Thema Feminismus aufschlägt, geht es immer um eine Frage: die Frage nach Gleichheit und Differenz. Es sind diese beiden Pole, um die der Feminismus kreist. Tatsächlich sind es aber fairerweise diese beiden Pole, um die letzten Endes fast jede soziale Bewegung kreist. Der Feminismus macht hier nur keine Ausnahme.


Die beiden zentralen Feminismen sind entsprechend der Differenzfeminismus und der Gleichheitsfeminismus. Wie die Namen schon sagen, betont ersterer mehr die Differenz zwischen den Geschlechtern, zweiterer die Gleichheit, wobei die es keine trennscharfen Linien gibt. So weit so banal erst einmal.
Dem Differenzfeminismus geht es stark darum, „weibliche“ Verhaltensweisen, Eigenschaften und Denkmuster positiv zu besetzen und einen entsprechenden gesellschaftlichen Wandel zu erreichen, aber auch schlicht um die Perspektive von Frauen in der Gesellschaft. Das Spektrum ist dabei sehr groß und geht vom Matriarchatsfeminismus über den esoterischen Feminismus bis hin zu Strömungen an der Grenze zum Gleichheitsfeminismus.
Der Matriarchatsfeminismus geht beispielsweise davon aus, dass eine von Frauen geführte Gesellschaft idealer, weil friedlicher und egalitärer wäre. Der esoterische Feminismus betont die Wichtigkeit weiblicher Fruchtbarkeit, weibliche Initiationsriten, Mythologien aus weiblicher Sicht, teilweise auch den Mond als Symbol des Weiblichen. Man findet ihn z. B. häufig in neuheidnischen Gruppierungen.
Der Differenzfeminismus ist aber gleichzeitig auch der Feminismus, der im konservativen Kontext die deutlich höhere Wertschätzung erfährt. So bezeichnet sich z. B. auch die Autorin Birgit Kelle als Feministin. Da sie sehr stark die Unterschiede zwischen Mann und Frau betont und sich gleichzeitig für eine höhere Wertschätzung von von ihr als typisch weiblich empfundener Lebensläufe einsetzt, wäre sie damit eine Vertreterin des Differenzfeminismus (mit konservativem Hintergrund).


Aussagen wie „Frauen machen das Arbeitsleben besser, weil sie viel mehr soft skills haben und menschlicher führen“ oder „Kinder gehören immer zur Frau“ sind deutlich (vulgär-) differenzfeministisch. Menschen, die diese Positionen vertreten, würden sich selbst allerdings oft gar nicht als Feministen bzw. Feministinnen bezeichnen, handelt es sich dabei doch um ins Alltagswissen abgerutschte und stark vereinfachte differenzfeministische Positionen, die starken Widerhall bei in Fragen des Geschlechts eher konservativ orientierten Personen finden.
Auf der anderen Seite gibt es aber auch Vertreterinnen wie Antje Schrupp, die keinesfalls dem konservativen Spektrum zuzuordnen sind, sondern eher eine pragmatische Mischung aus Differenz- und Gleichheitsfeminismus vertreten und denen es in erster Linie um das Sichtbarmachen des weiblichen Teils der Gesellschaft geht, ohne ein schematisches Bild von Männlichkeit und Weiblichkeit zu vertreten.
Wenn man den Differenzfeminismus mit anderen sozialen Bewegungen vergleicht, wäre er sozusagen die „Black Pride“-Bewegung der Frauenbewegung.


Der Gleichheitsfeminismus dagegen betont die Gleichheit der Geschlechter und zielt entsprechend auf die Betonung von Gemeinsamkeiten und nicht auf die von Unterschieden. Er ist also mit den Egalitätsbewegungen anderer sozialer Bewegungen zu vergleichen beispielsweise der schwarzen Bürgerrechtsbewegung. Auch hier findet sich ein großes Spektrum an Varianten – von Vertreterinnen, die Unterschiede zwischen den Geschlechtern für ganz oder völlig irrelevant halten über Individualfeministinnen, die sich auf das Individuum und nicht auf die statistischen Mittelwerte konzentrieren bis hin zu Vertreterinnen an der Grenze zum Differenzfeminismus.
Vielfach wird Vertreterinnen des Gleichheitsfeminismus vorgeworfen, sie negierten Unterschiede ganz. Bis auf wenige Ausnahmen ist das aber nicht der Fall. Es geht Gleichheitsfeministinnen vielmehr um die Frage, ob diese Unterschiede eine tatsächlich so große Rolle spielen UND darum, stereotype Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit zu hinterfragen und abzubauen u. a. deshalb, weil sie dem Individuum nicht gerecht werden können (letzteres besonders ausgeprägt im Individualfeminismus).


Um das mit einem anderen Beispiel zu veranschaulichen. Es gibt sichtbare Unterschiede zwischen schwarzen und weißen Menschen. In erster Linie (Überraschung!) die Hautfarbe, genauer gesagt den Anteil an Melanin in der Haut und die damit einhergehende Widerstandsfähigkeit gegen UV-Strahlung. Zwischen den beiden Polen „schwarz“ und „weiß“ gibt es zahlreiche Abstufungen und Varianten. Aus dieser simplen Feststellung kann man aber nicht schließen, dass schwarze und weiße Menschen und die zahlreichen Varianten dieser beiden Pole bis auf diese eindeutigen Merkmale „ungleich“ wären.
Was die gleichheitsfeministische Bewegung also will, ist exakt das, was in anderem Zusammenhang zumindest in Europa weitgehend Konsens ist: Unterschiede dürfen nicht dazu führen, sowohl der Gruppe als Ganzes als auch ihren einzelnen Individuen bestimmte Eigenschaften und Verhaltensweisen zuzuschreiben, die über die bloßen Merkmale der Gruppe hinausgehen.


En anschauliches Beispiel ist das der schwarzen Ballerina Michaela DePrince. Ihr wurde zu Anfang ihrer Ausbildung mehrfach gesagt, sie eigne sich nicht fürs klassische Ballett, sie solle lieber Hip Hop o. ä. tanzen, das würde ihr als schwarzer Frau mehr entsprechen. Ihr als Einzelperson wurde also aufgrund eines körperlichen Merkmals (Hautfarbe) un d der damit verbunenen Vorstellungen unterstellt, sie könne eine bestimmte Tätigkeit leider nicht so ausführen wie Menschen mit anderen körperlichen Merkmalen (weiße Hautfarbe). Ebenso unzulässig wäre es, aus der Tatsache, dass es wenige schwarze Menschen im Ballett gibt, darauf zu schließen, Schwarze als Gruppe würden sich (bis auf wenige Ausnahmen vielleicht) generell nicht fürs Ballett eignen. Beides aufgrund bestimmter Vorstellungen über Schwarze und Weiße.


Zumindest in Europa ist es also weitgehend Konsens, dass man zunächst von einer prinzipiellen Gleichheit der Menschen unabhängig von ihrer Zugehörigkeit zu bestimmten Gruppen ausgeht. Und nein, anders als immer wieder behauptet wird, geht es hier nicht um eine bloße Gleichwertigkeit. Sonst könnte man im Fall obiger Ballerina ja sagen „Tja, Schwarze KÖNNEN einfach kein Ballett. Dafür können sie Hip Hop. Das ist doch nicht schlechter. Sie sind gleichwertig aber nicht gleich.“
Einer Gruppe und damit auch jedem ihrer Individuen zu unterstellen, sie wäre(n) ungeeignet für eine bestimmte Tätigkeit aufgrund ihrer Gruppenzugehörigkeit, ist, ja tatsächlich, Diskriminierung. Und damit wären wir beim Grundgedanken des Gleichheitsfeminismus: Der Herstellung völliger Chancengleichheit unabhängig vom Geschlecht.


Schon aus dieser kurzen Zusammenfassung lässt sich erkennen, dass man kaum von DEM Feminismus sprechen kann. Vertreterinnen der verschiedenen Strömungen sind sich oft völlig uneins zu bestimmten Themen. Die verbindende Klammer ist lediglich die Vorstellung von der Gleichwertigkeit der Frau.

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5 Gedanken zu “Gleichheit und Differenz

  1. Hallo Margret,

    noch nachträglich willkommen in der Blogosphäre mit dem eigenen Blog.

    Ich finde das sehr gut, daß Du Deine Standpunkte und Wahrnehmungen in eigenen kompletten Darstellungen ausführlich präsentierst. Kommentare zu Blogposts sind ja meistens speziell auf eine Debatte bezogen und stark verkürzt und vermitteln oft einen falschen Eindruck von der „Gesamtmeinung“ und den impliziten Annahmen eines Debattenteilnehmers.

    Wenn ich meine und Deine Standpunkte vergleiche (nach Gleichheiten und Differenzen suche, natürlich ;-)), dann fallen mir oberflächlich sehr viele Gemeinsamkeiten auf. Die wirklichen Differenzen verstecken sich vermutliuch hinter unscharfen Begriffen wie „Chancengleichheit“, unter denen man diametral entgegengesetzte Dinge verstehen kann und die verschiedene Debattenteilnehmer auf unterschiedliche Kontexte und Probleme beziehen, ohne das explizit zu machen. Diese versteckten Annahmen zum Kontext explizit machen kostet Platz, aber den hast Du ja hier. Wenn Du Zeit und Lust hast, kannst Du ja mit dem Begriff Chancengleichheit anfangen: auf welche Lebenssituationen beziehst Du das? Was ist „Chance“? Wie mißt man die Chance von Personen (oder ggf. Personengruppen)? Wie erkennt man deren Gleichheit? Wo lokalisierst Du die Verantwortlichkeit für Chancenungleichheiten?

    Ich glaube, erst nachdem man sich die Mühe gemacht hat, seine Standpunkte detailliert zu erklären, ist man irgendwann soweit zu erkennen, ob man nur aneinander vorbei geredet hat (typische Diskussion: ist das Glas halb voll oder halb leer) oder ob man tatsächlich einen nicht auflösbaren Konflikt z.B. bei der Annahme sozialer Strukturen oder bei Bewertungen hat.

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  2. Hallo mitm,

    zunächst herzlichen Dank für dein Willkommen und schön, dass Du hierher gefunden hast. Deine Fragen wären eigentlich einen eignen Blogeintrag wert, eventuell folgt der noch, aber ich habe die nächsten 4 Wochen bereits verplant und was Pläne anbelangt, bin ich etwas eigen ;-). Die werden durchgezogen :-).

    Trotzdem möchte ich dir erst einmal an dieser Stelle gerne antworten:

    „auf welche Lebenssituationen beziehst Du das?“

    Letzten Endes auf fast alle. Ich finde die Aussage von C. Kucklick „Impfen mit Geschlecht“ sehr passend. Wenn stereotype Rollenvorstellungen sozusagen als „Norm“ unser Denken und Handeln bestimmen, verlieren wir alle sowohl wesentliche Freiheiten als auch Handlungsspielraum.

    „Was ist “Chance”?“

    In größtmöglicher Freiheit Entscheidungen fällen zu können. Sehr kurz gesagt. Das bedeutet auch, dass man zunächst ähnliche Voraussetzungen schaffen muss (beispielsweise den Schulbesuch für alle, als ganz einfaches Beispiel),

    „Wie mißt man die Chance von Personen (oder ggf. Personengruppen)?“

    Eigentlich ist das nur über „zweite Hand“ möglich. Sprich: Repräsentative Bevölkerungsbefragungen.
    Die Grundfrage ist dabei immer, inwieweit Handlungsspielräume von Personen eingeschränkt sind.

    „Wie erkennt man deren Gleichheit?“

    Schwierig. Ich denke aber, ein wichtiges Indiz ist tatsächlich die Partizipation und speziell die Partizipation an gesellschaftlicher Macht (im Weberschen Sinne). Wenn eine bestimmte Bevölkerungsgruppe, z. B. Schwarze weit unterdurchschnittlich in akademischen Berufen zu finden ist, ist das ein Indiz (kein Beweis) für gesellschaftliche Ungleichheit.

    „Wo lokalisierst Du die Verantwortlichkeit für Chancenungleichheiten?“

    In erster Linie in gewachsenen Strukturen (in diesem Fall sterotypen Vorstellungen von Geschlecht). Einen „Verantwortlichen“ wird man dafür kaum ausmachen können. Ich halte das auch nicht für relevant (außer es handelt sich z. B. um einen Chef, der prinzipiell keine Schwarzen einstellen möchte o. ä.)

    Nun würde mich die Beantwortung derselben Fragen aus deiner Sicht interessieren.

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  3. „aber ich habe die nächsten 4 Wochen bereits verplant“

    Kein Problem, bitte keine Hektik. Ist mit auch ganz recht, denn bin ich gerade in einer interessanten Diskussion bei drehumdiebolzeningenieur, die mein Zeitbudget komplett absorbiert.

    „Nun würde mich die Beantwortung derselben Fragen aus deiner Sicht interessieren“

    Um ehrlich zu sein habe ich keine ausgearbeitete Meinung zu den Themen / Begriffen. Einige Begriffe sind tückisch, z.B. Chancengleichheit. Wenn man den Begriff Chance wie bei der Lotterie versteht, dann ist das die Wahrscheinlichkeit bestimmter Ergebnisse. Chancengleichheit ist dann 50%-Quote, da bin ich klar gegen. Wenn überhaupt bedeutet Chancengleichheit für mich so etwas wie Fairness, Abwesenheit willkürlicher, nicht rationaler Kriterien. Allerdings müßte ich darüber erst mal eine Weile nachdenken, was das in konkreten Kontexten konkret bedeutet. Stereotype ist genauso ein tückischer Begriff, mit dem wollte ich mich sowieso noch befassen. Im Moment steht allerdings der Begriff Gender auf Platz 1 der Themen, die ich für mich selber klären möchte. Ich bin gerade dabei, dazu einiges aufzuschreiben.

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    1. „… steht allerdings der Begriff Gender auf Platz 1 der Themen, die ich für mich selber klären möchte. Ich bin gerade dabei, dazu einiges aufzuschreiben.“

      Ich habe inzwischen dazu eine erste Version fertig, die leider relativ lang geworden ist. Allerdings wollte ich mir selber mal wirklich über einige Begriffe klar werden. Darin ist auch ein Abschnitt über Geschlechtsstereotype.

      Auch hier wieder mein notorischer Hinweis: die ganze Geschlechterdebatte ist fruchtlos, wenn man wegen unterschiedlicher Begriffsdefinitionen aneinander vorbeiredet. Speziell bei den Begriffen „Gender“ und „Stereotype“ wird nach meinem Eindruck von vielen Aktivisten sogar bewußt mit unscharfen Begriffen und heimlichen Begriffsverschiebungen gearbeitet, was ich Dir hier nicht unterstellen möchte.

      Die Verstehens-Probleme sind trotzdem vorhanden. Ein Beispiel in Deinem Text: „Es geht Gleichheitsfeministinnen vielmehr … darum, stereotype Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit zu hinterfragen und abzubauen“. Es gilt z.B. als stereotype Vorstellung von Männlichkeit, daß Männer körperlich stärker als Frauen sind. Kann man dieses Stereotyp abbauen? (Nein) Was bedeuten die Begriffe „stereotyp“, „Männlichkeit“ usw. also?

      Ich gebe ja zu, daß es ermüdend oder sogar stressig ist, die Begriffe auseinanderzunehmen und auf den Kern der Sache zu kommen, der dann auch unübersichtlich wird und keine einfachen Schlußfolgerungen für die Praxis mehr erlaubt. Mir persönlich bringt andererseits das Diskutieren mit abstrakten, unscharfen Begriffen, auch wenn das allgemeinverständlicher erscheint, nicht mehr viel ein.

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      1. „s gilt z.B. als stereotype Vorstellung von Männlichkeit, daß Männer körperlich stärker als Frauen sind.“

        So wie es da steht, wäre es ein Stereotyp, ja. Männer sind durchschnittlich stärker als Frauen. Ich zielte aber eher auf Dinge ab, wie „Männer sollen hart sein“, „Männer sollen nicht weinerlich sein“, „Männer sollen alles selbst hinbekommen und nicht auf Hilfe angewiesen sein“. Das zeigt sich bereits in der Erziehung kleiner Jungs: alles niedliche, plüschige wird frühzeitig aus ihrem Leben verbannt (mehrere Männer haben mir schon erzählt, wie v. a. die Väter ihre Kuscheltiere ab Grundschulater in den Müll geworfen haben). Die Kleidung von Jungen ist, sogar stärker noch als früher, dunkelblau, schwarz, militärgrün, die Abbildungen gefährliche Tiere oder Maschinen. Sogar bunte oder gemusterte Sachen werden kritisch beäugt und führen dazu, dass der Junge auffällt. Viele werden irgendwann nicht mehr in den Arm genommen „Bist ja schon ein großer Junge“. Sie werden darauf trainiert, Schmerzen psychische wie physische, nicht mehr ausdrücken zu dürfen „Führ dich nicht auf wie ein Mädchen“. Ich persönlich finde das alles grausam. Ich möchte auch heute noch ein Beispiel dafür bringen. Klar, dass Männer deshalb psychische und pysische Krankheiten eher verschleppen. Es entspricht nicht dem, was sie gelernt haben, wenn sie sich Hilfe suchen. Viele Frauen neigen dann zu einem „selbst schuld“. Aber das trifft es nicht.

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