Gebt den Jungs Liebe!

Neulich traf ich in einer Buchhandlung Vater und Sohn, die ich vom Sehen her kannte. Der Vater sprach mit der Buchhändlerin und auf einmal legte der Junge, er ist etwa 13, den Kopf mit der größten Selbstverständlichkeit vertraulich auf die Schulter seines Vaters. Wobei Legen vielleicht das falsche Wort ist, er schmiegte ihn eher an den Hals des Vaters, der wiederum mit ebenso großer Selbstverständlichkeit mit der Hand über den Kopf seines Sohnes strich.


Ich muss zugeben, dass ich das im ersten Augenblick befremdlich fand. So ein großer Bub, das geht doch nicht. Als ich das dachte, hätte ich mir ehrlich gesagt noch im selben Augenblick am liebsten selbst vor den Kopf geschlagen. „Ein Junge weint doch nicht“, „Ach geh, so ein großer Bub und heult“, „Na, willst ein Mamasöhnchen werden?“, „Stell dich nicht an wie ein Mädchen.“ Das ist nur eine kleine Auswahl der Dinge, die man als Mutter eines Buben so mitanhört. Und der Junge hört sie sicherlich noch viel öfter. Es ist interessant, wie viele solcher Sätze man selbst im Kopf hat, immer abrufbar, teilweise nur halbbewusst.


Und da frage ich mich wieder mal: Was ist das eigentlich immer noch in unserer Gesellschaft, das Jungen Härte, das Unemotionale und den einsamen Wolf antrainieren möchte? Warum soll es denn komisch sein, wenn ein „großer Junge“ noch Kuschelbedürfnis hat und die Nähe vertrauter Menschen sucht? Mädchen gestehen wir das doch auch zu. Warum sollte ein Junge nicht ein Bedürfnis nach Trost, Halt und Liebe haben, selbst wenn er dem Kindergarten schon entwachsen ist? Gerade dann ist es doch verwirrend genug in der Welt.


Nein verdammt, der Junge in der Buchhandlung und sein Vater haben genau richtig reagiert. Gebt den Jungs Liebe! Gebt ihnen so viel Liebe, wie sie brauchen. Und gebt einen feuchten Kehricht auf dumme Kommentare. Das ist leichter gesagt als getan, ich weiß. Aber sie haben Liebe und Zuwendung verdient. Ganz genauso wie die Mädchen. Und Liebe muss beileibe nicht heißen, einen Jungen zu einem harten Hund zu trainieren.

Advertisements

13 Gedanken zu “Gebt den Jungs Liebe!

  1. Ja das macht Hoffnung. Und was mir bei dir sehr positiv auffällt (wie bei allen equaiistisch eingestellten Feministen&innen) das ist die Fähigkeit zur Selbstkritik. Es stimmt, der Rollenzwang von Jungen ist heutzutage noch sehr hoch. Mädchen können bereits beliebig zwischen technisches Spielzeug, solches mit dem man Abenteuer erleben kann und Puppenspiel wählen. Barbie kommt mal als Raumfahrerin, als Herzchirurgin oder auch als tussihafte Shoppingqueen. Aber einem jungen männlichen Kind, dass gerne soziales Spiel üben will, sich mit Alltagssituationen beschäftigen will, Kuscheltiere und Little Ponys toll findet, wird schnell den Eltern der Blick zugeworfen: „Ist das ein echter Junge?“.

    Andere Mütter und Väter und auch die gleichaltrigen Schulkollegen finden recht rasch es sehr unpassend wenn ein Junge rosa Kleidung tragen will. Und wenn so ein Junge eine Rock tragen will oder sonst etwas, was „nur für Mädchen“.
    Letztlich machen Produkte die „girl edition“ , „girly girl“ oder in der pinken Ecke im Geschäft stehen, mit Aufschriften wie „das hat deine Freundin noch nicht“, „sei eine Feenkönigin“ es eher schwierig (sehr schwierig) für einen Jungen zu diesen zu greifen. Ist schon mal aufgefallen, wie dieses Mädchen-exklusiv in sehr vielen Bereichen bereits üblich und vollkommen akzeptiert ist? Jungen die die das dann ignorieren werden sehr schnell von Männer und Frauen zurückgepfiffen. Und das in einer perfiden Weise. Es wird zu „weibisch“ und als „schwul“ erklärt und damit als negativ eingestuft und damit dieser Bereich zum Tabu. (Hat jemand schon mal von „männisch“ oder „das ist lesbisch“ gehört) Dadurch werden nach und nach alle Bereiche für weibliche Menschen geöffnet, aber die bisherigen Bereich von Frauen bleiben männlichen Menschen verschlossen.

    Hier kann tatsächlich nur ein Umdenken in der Gesellschaft hier diesen Zwang beseitigen und die Rolle aufbrechen.

    Gefällt 3 Personen

    1. Wobei es auch für Mädchen nicht völlig lässig ist, sich „jungsmäßig“ zu verhalten. Das Äquivalent zu „schwul“ oder „weibisch“ ist „Mannsweib“. Aber tatsächlich ist es „noch schlimmer“ sich als Junge für „Mädchensachen“ zu interessieren, als umgekehrt. Warum, weiß ich nicht genau. Es gibt die (differenz-)feministische Theorie, dass „das Weibliche“ also quasi als typisch weiblich empfundenes Verhalten abgewertet wird, so dass es für Jungen nicht „angemessen“ erscheint („Tunte“ etc.), während das eher positive „männliche“ Verhalten andersrum bei Mädchen anerkannt wird, weil es als „das bessere“ Verhalten gilt. Wieviel da dran ist, habe ich mir noch nicht näher angesehen.

      Gefällt 1 Person

      1. Allerdings glaube ich ist das als einschränkende Zuschreibung gedacht Nicht primär um „Weiblichkeit“ abzuwerten, sondern um Jungen durch die Drohung ihre Geschlechtsidentität zu verlieren abzuhalten die Rolle aufzubrechen. Und dieser Mechanismus wird von allen aufrecht erhalten. Und daher änderst sich das nur sehr langsam. Männeremanzipation ist im Unterschied zu der der Frauen zudem der Anfeindung aus dem (differenz)feministischen Lager ausgesetzt da jede Ausbruch aus der Männerrolle, der „wahren Männer“ die Rolle der „wahren Weiblichkeit“ verhindert. Am Deutlichsten zeigt dich dass in der Ablehnung von Transsexualität. Denn dadurch wird das Paradigma des „ursprünglichen Frauseins“ der „natürlichen Weiblichkeit: und damit der Ansatz es könne so etwas geben wie eine natürliche Mehrbegabung von Frauen aufgrund Geburt aufgeweicht und in Frage gestellt.

        Gefällt mir

      2. Aber es sind doch, ich gebe zu nur unserer Erfahrung nach, eher Jungen, die andere Jungen angreifen, wenn sie sich nicht „regelkonform“ verhalten. Erwachsene natürlich auch, hier Frauen wie Männer, aber unter Kindern sind es, zumindest hier, immer Jungen und noch nie Mädchen gewesen, die sich abfällig über Rosa und „Mädchenkram“ bei einem Jungen äußern.

        Gefällt mir

      3. Da gebe ich dir komplett recht. Es sind Jungs die Jungs zum rollenkonformen Verhalten zwingen. Und Erwachsene bestätigen sie dabei ( Männer wie Frauen) Allerdings schau dir an wie Burschen in der Pupertät wenn sie aus der Rolle ausbrechen wollen ganz schnell als potentieller Sexalpartner aussortiert werden.
        Die Disziplinierung der Jungs findet von allen Kindern Unterstützung nur läuft sie unterschiedlich je Geschlecht.
        Und es gibt auch bei Mädchen diesen Rollenzwang und Ausschluß. Nur findet ein Mädchen sehr schnell Beistand wenn es nonkomfomistisch kein „Girly“ sein will. Während männliche Kinder keinen solchen Rückhalt bekommen. Die Erwachsenenwelt reagiert extrem misstrauisch wenn ein Junge „Mädchensachen “ anfasst. Und wie immer färbt das schnell auf die anderen Kinder die diesen Jungen umgeben ab.

        Gefällt mir

      4. Wie habt ihr das denn gelöst? (ich nehme jetzt mal an, ihr habt auch einen Jungen)? Unser Großer ist auf gewisse Art und Weise ein sehr „jungshafter Junge“. Werkzeug, Experimente, wild, laut, aber … es kann sehr gerne rosa sein. Rosa Werkzeug, rosa Spielzeugpistole, pinker Hoodie, rosa Baseballshirt. Glitzerponys und Feen findet er auch gut. Ich habe festgestellt: Je selbstbewusster er damit auftritt, umso mehr wird es akzeptiert. Eine Zeit lang hat er es öffentlich gar nicht mehr ausgelebt, mittlerweile aber hat er da ein gewisses Selbstbewustsein, was sicher auch nicht unwesentlich damit zusammenhängt, dass er damit bei Mädchen sehr gut ankommt (und zudem das mit Abstand größte Kind der Klasse ist). Bisher. Wie das natürlich in der Pubertät wird, weiß ich nicht. Und Du hast recht, Jungen werden da viel zu wenig unterstützt!

        Die Frage ist auch: Woher haben die anderen Jungen das? Ein Kind kommt ja nicht von selbst auf die Idee, dass Rosa und Pferde „nichts für Jungs“ sind. Ich gehe also davon aus, dass sie es von Erwachsenen und älteren Kindern lernen.

        Gefällt mir

  2. Ja wir haben einen Jungen, jetzt schon erwachsen. Es war nicht ganz einfach. Wir haben ihn soweit es ging bestärkt, wenn er anders sein wollte,,Aber das ist klarerweise gegen die jeweilige gleichaltrige Peergroup eher chancenlos. Was er mitnahm aus der Zeit von uns war die Ansicht, dass er so ist wie er sein will und dass er nicht mehr, aber auch nicht weniger wert ist als ein Mädchen. In der Berufsschule (er hat sich den Beruf des Bibliotheksassistenten gewählt der in unserer Zeit fast nur von Frauen ausgeübt wird) hat er aber dann lernen müssen, dass dem nicht ganz so ist. In der Lehre hat er dann oft geklagt wie sehr diese „Machotypen“ gut bei den Mädchen ankämen, hat aber hat sich aber nie verbogen um eine kennen zu lernen. Er meinte, das Mädchen das ihn lieben würde,, würde schon noch kommen. Er hat dann als Nerd seine Nerdin, als Gamer seine Gamerin gefunden Und er ist immer noch so nonkonfomistisch wie damals. Er sieht sich immer als Mensch zuerst, erst dann als Mann. Wir sind riesig stolz auf ihn.

    Ich denke auch, das Nerdtum ist eine der ersten Formen in der die traditionelle Männerrolle aufgebrochen wird. Eine neue Rolle für alle Geschlechter, die gesellschaftlich zwar noch als seltsam aber als akzeptabel angesehen wird.

    Ach ja. Als ich ihn mal vorsichtig darauf ansprach, dass er doch vorsichtig sein solle mit Kinder und so, weil es für Männer in der heutigen Zeit sehr fatal sein kann, wenn die Frau sich nach der Geburt aufgrund der anfangs größeren Nähe zum Kind und der fixen Idee der „Mutter Kind Einheit“ zum Egomonster entwickelt und ihm womöglich das Kind das er zuerst intensiv betreut, ganz entfremdet, meinte er nur lapidar: „Also bitte Papa. Glaubst du, ich weiß das nicht?“

    Gefällt mir

    1. „wenn die Frau sich nach der Geburt aufgrund der anfangs größeren Nähe zum Kind und der fixen Idee der “Mutter Kind Einheit” zum Egomonster entwickelt und ihm womöglich das Kind das er zuerst intensiv betreut, ganz entfremdet“

      Warum denkst Du so negativ von uns? Die allermeisten Frauen denken und handeln nicht so. Und viele Väter wollen auch gar nicht intensiv die Kinder betreuen und überlassen das gerne der Mutter.

      Gefällt 1 Person

  3. Nein. Nur vor diesen(!) Frauen. Was aber überflüssig war, weil er sowieso sich dieser Gefahr bewusst war. Von diesen Irren gibt es aber leider immer mehr hier im deutschsprachigen Raum. Es ist dieser Mütterkult der dann im Fall einer Trennung die Folge hat, dass sie ihr Kind als ihr Eigentum betrachten mit dem sie machen können was sie wollen, weil sie es neun Monate lang im Bauch getragen haben und bei dem der Vater nichts zu sagen hat Leider stellt sich das erst mit der Geburt heraus, ob die Frau bereit ist den Vater gleichberechtigt in die Kinderfürsorge einzubeziehen.
    Tut sie es nicht und entpuppt sich als „Mutter-Kind“ Egomonster ist, ist es zu spät, dass zu ändern. Aus „Liebe zum Kind“ sich dann allen Launen und brutalen Psychoterror, beliebigen Fremdgehen einer solchen Person auszuliefern, damit es nicht zur Scheidung kommt, ist genauso sinnlos wie es das Verhalten von Frauen ist, die sich schlagen lassen, damit es nicht zum Bruch kommt.
    Trennt sich so eine Frau dann vom Mann, sieht sie in ihm nur noch den Zahlesel, der sich möglichst vom Kind fernhalten soll. Und ganz besonders wenn sie eine neue Beziehung eingegangen ist. Dann soll der „Erzeuger“ dem „neuen Papa“ ohne Widerspruch Platz machen. Und der „Erzeuger“ hat dann nur noch eine Aufgabe. Dieses neue Leben seiner Ex mit Kindern die ihn selten bis gar nicht sehen dürfen, zu finanzieren.

    Vor dieser Realität (und es ist eine, das habe ich sogar in meiner engeren Bekanntschaft miterleben müssen) wollte ich ihn warnen. War aber wie gesagt nicht nötig. Er und seine Altergruppe ist sich offenbar dieser Gefahr voll bewusst.

    P.S: der Begriff „Erzeuger“ ist übrigens eines dieser Symptome für diese Fehlentwicklung. Kein Mensch nennt eine Mutter von Kindern, egal wie schlecht, gemein oder bösartig sie zu Mann oder Kinder ist „Gebärerin“. Eine Mutter ist immer eine Mutter. Vaterschaft scheint dagegen beliebig definierbar zu sein.

    Gefällt mir

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.