Fassungslosigkeit

Ich bin fassungslos. Wütend und traurig zugleich. Sie haben einen meiner Brüder ermordet.

Einem alten Mann die Kehle durchgeschnitten vor den wenigen Gläubigen, die an einem Dienstagvormittag in die Kirche gehen.

Ihn gezielt ausgesucht, weil er in ihren Augen ein Vertreter der „falschen“ Religion war.

Und das mitten in Europa.

In einer Kirche an einem Dienstagvormittag.

Und sie glauben sich noch im Recht.

Wie kann man so etwas tun? Wie kann man ernsthaft glauben, man gehöre der „richtigen“ Religion an, wenn man so etwas tut?

Wie kann man ernsthaft glauben, Gottes Willen zu tun, wenn man einen wehrlosen alten Mann ermordet? Es ist feige. Es ist widerlich. An was für ein feiges und widerliches Bild von Gott muss man also glauben, um ernsthaft zu denken, so etwas wäre sein Wille?

Aus dem Irak, aus Syrien und dem Libanon war man solche Schreckensnachrichten leider beinahe schon gewohnt. Das christliche Leben in diesen Ländern ist nahezu ausgerottet. Bitter dabei war immer, dass fast alle ihre Augen davor verschlossen haben.

Aber das?

Es bringt den Schrecken nahe. Sie haben es offenbar auf uns abgesehen. Hier und überall auf der Welt.

Wie soll man darauf reagieren?

Ich bin wütend. Ich bin traurig. Ich bin so wütend und traurig, dass eine meiner ersten Reaktionen war „Werft sie alle raus!“

Ich weiß nicht, wie es weitergeht.

Ich will nicht ungerecht werden und hart.

Ich merke aber, dass ich beginne zu hassen. Vor Angst. Vor Wut. Vor Trauer.

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45 Gedanken zu “Fassungslosigkeit

  1. Was ist deine Gerechtigkeitstheorie? Das Leben ist probabilistisch. Das gilt besonders für die Einschätzung von anderen Menschen. Dementsprechend stellt sich die Frage welche Risiken du bereit bist einzugehen.

    Gut ist, dass du ehrlich mit deinen Gefühlen bist. Ohne das wäre es deutlich schwieriger eine für dich passende Haltung zu finden.

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      1. Jemandem nicht die Hand zu geben, obwohl es kulturell üblich ist und von dem anderen als beleidigend aufgefasst werden kann, finde ich fanatisch, ja. V. a. wenn sich diese Verweigerung nur auf bestimmte Bevölkerungsgruppen bezieht. Der Begriff „Geschlechterapartheid“ den Herr Mansour dafür verwendet, finde ich sehr passend. Wie diskriminierend das ist, zeigt sich, wenn wir uns stattdessen vorstellen, jemand würde sich generell weigern, Schwarzen die Hand zu geben. Oder Juden. Oder Muslimen.

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      2. Stell es dir vor. Der Vergleich von Frauen mit Schwarzen/Sklaven ist lächerlich. So lächerlich, dass ein Verweis auf die Titanic geboten ist. Dort galt tatsächlich das Prinzip „women and children first“. Das Prinzip „blacks first“ wäre mir neu. Das galt allenfalls für die Belegung von Sklavenschiffen. (Um hier die nächste Hysterie zu begrenzen, Sklaverei war/ist ein grundsätzliches Phänomen, ein menschlicher Makel: http://www.nytimes.com/2015/07/27/world/outlaw-ocean-thailand-fishing-sea-slaves-pets.html)

        Jemandem nicht die Hand zu geben, ist Ausdruck einer Meinung, keine Schädigung als solche. Das zu regulieren, und mit Tötungshandlungen in Verbindung zu bringen ist bizarr, und irrational. (Am Rande bemerkt, habe orthodoxe Juden dieses Feature auch.) „Geschlechterapartheid“ dürfte in etwa so dämlich sein wie allem Demokratiefeindlichkeit zu unterstellen, und – näher am Stein des Anstoßes – Sexismus und Frauenfeindlichkeit gleichzusetzen. (Eine besonders lustige Strategie, wenn zugleich den Begriff „Sexismus“ inflationär erstreckt.) Diese Begriffshysterie, und das Einbrechen der Unterscheidung von Geist/Meinung und Handlung, sowie von Unterlassen und Tun, von Schaden und Zuwendung ist das eigentliche Zeichen von Extremismus und Fanatismus. Es ist selbst moralischer Eifer, moralische Ereiferung — regelmäßig zum eigenen Vorteil. Netterweise hast du Züge einer Fanatikerin, jedenfalls wenn deine Gefühlswelt die Herrschaft erlangt.

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      3. „Jemandem nicht die Hand zu geben, ist Ausdruck einer Meinung, keine Schädigung als solche. “

        Was verstehst Du unter einer „Schädigung“? Jemandem Respekt und Achtung zu verweigern, die man anderen zugesteht, ist durchaus eine Form der Schädigung. Und der Vergleich mit Schwarzen ist selbstverständlich angebracht. Es geht darum, dass man eine Menschengruppe deutlich anders behandelt als die andere.

        Übrigens galt vielleicht auf der „Titanic“ die Maxime „Frauen und Kinder zuerst“, aufgrund eines sich im Laufe der Jahrhunderte entwickelnden Konzepts von „Ritterlichkeit“ in Teilen des europäischen Raums. In den Ländern, in denen es derzeit allgemein üblich ist, Frauen keinesfalls die Hand zu reichen, gilt und galt dies nicht. Ganz im Gegenteil.

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      4. Hier übrigens der Artikel von Ahmad Mansour zum Hintergrund von Radikalisierung.

        Radikalisierung und als letzte Konsequenz Terrorismus entsteht nicht aus dem Nichts. Sie braucht einen Nährboden, bestimmte Einstellungen, die andere abwerten oder gar entmenschlichen und Unterstützer, heimliche wie offene.

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      5. „Achtung zu verweigern“ ist schlicht ein Vorenthalten, kein Wegnehmen. „Status negativus“.

        Auch weiterhin vermeidest du jegliche Gradierungen. Bei Gruppenrechten geht es gemeinhin um historische Benachteiligung und gegenwärtige Benachteiligung. Der Vergleich zwischen Frauen und Schwarzen ist lächerlich. Geh auf die Ausführungen ein. Ergänzend, für Schwarze gibt es keinen analogen WAW effect („women are wonderful“), noch gibt es (im gleichen Maße) „benevolent racism“. Und ich wiederhole, eine Verbindung herzustellen zwischen dem Verweigern eines Grußes, und der Tötung anderer ist… grotesk. Vor allem gemessen an den Konsequenzen, die du anscheinend anbringen möchtest.

        Nebenbei, ist jemanden nicht zu deiner Geburtstagsfeier einzuladen eine Form der „Schädigung“? Ist es eine Form der „Schädigung“, wenn du jemanden nicht für seine schulischen Noten lobst? Deine Vernunft scheint suspendiert.

        Zur Einschätzung, ich spreche/denke das nicht in einem scharfem Ton, sondern ruhig, mit fester „Stimme“, leicht abfällig, interessiert, und aufgrund der Widersprüchlichkeit fein amüsiert.

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      6. „Und ich wiederhole, eine Verbindung herzustellen zwischen dem Verweigern eines Grußes, und der Tötung anderer ist… “

        Es kann ein Teil des Nährbodens sein, der schließlich Gewalt hervorbringt. Ahmad Mansour beschreibt einen weiteren Teil: Den ägyptischen Großmufti, der mit ihm, einem Muslim mit israelischen Wurzeln, nicht auf ein Bild wollte.

        „Vor allem gemessen an den Konsequenzen, die du anscheinend anbringen möchtest“

        Welche genau?

        „Nebenbei, ist jemanden nicht zu deiner Geburtstagsfeier einzuladen eine Form der „Schädigung“? “

        Sicherlich kann es das sein. Wenn z. B. explizit alle einer Klasse eingeladen werden und zwei dezidiert nicht, z. B. als Form von Mobbing.

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      7. Ich empfehle Platos Republik, für die richtige Kultivierung von Menschen. (Hast du das gelesen?)

        „Welche genau?“ In der Tat. Mich interessiert deine Handhabung. Tatbestand und Folge. An welche Merkmale möchtest du welche Folgen knüpfen. Eingangs ging es darum „alle wegzuschicken“, dann hast du den Fanatismusbegriff weit gefasst, und jetzt sind wir irgendwo hier.

        Es wäre nicht schlecht, wenn du deine vernunftmäßige Erfassung zeichnen würdest. Was ist deine Gerechtigkeitstheorie? Machst du Ausnahmen für deine Emotionen?

        (Haben die Kinder dadurch ein Recht eingeladen zu werden? Wie sieht das mit Freundschaften aus, und mit Romantik, und Sex? )

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      8. Sie haben kein Recht eingeladen zu werden, aber so ein Verhalten ist trotzdem grob unhöflich.

        „Eingangs ging es darum „alle wegzuschicken“ “

        Ich habe doch bereits im Artikel geschrieben, dass das eine erste verzweifelte Reaktion war.

        „Es wäre nicht schlecht, wenn du deine vernunftmäßige Erfassung“

        Ich kann das nicht „vernunftmäßig“ erfassen. Ich habe die große Angst, dass das hier enden könnte.

        „jetzt sind wir irgendwo hier“

        Weil du zwingend irgendwelche kruden rhetorischen Verrenkungen machen musstest, während sich deine Argumentation trotzdem letztlich auf dem Niveau „ich finde das doof“ bewegt.

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      9. Übrigens könnte z. B. ein Schweizer letztlich sein Recht auf eine Einladung beispielsweise auf ein Betriebsfest durchaus auch juristisch durchsetzen, wenn er nachweisen könnte, dass die Nicht-Einladung aufgrund der Tatsache erfolgt ist, dass er Schweizer ist.

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      10. „Weil du zwingend irgendwelche kruden rhetorischen Verrenkungen machen musstest, während sich deine Argumentation trotzdem letztlich auf dem Niveau “ich finde das doof” bewegt.“

        Genauer wäre nett.

        Um das klar zu stellen, deine Gefühle sind bedeutsam. Die Frage ist, welche Funktion du ihnen gibst, und welche die Vernunft findet.

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      1. Ich finde die Abgrenzung aber wichtig. Hass ist ein sehr starkes Gefühl, das einen auffressen und zu irrationalen Kurzschlußreaktionen verleiten kann. Halte ich für schädlich und überflüssig. Jemanden „nur“ zu verachten, ihm also keinerlei Bedeutung in seinem Leben zu geben, braucht weniger wertvolle Energie.
        Angst ist wieder was anderes. Ich finde deine Angst verständlich, auch wenn ich sie nicht teile.

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      2. Ich kann solchen Menschen aber nicht keinerlei Bedeutung zumessen, wenn sie meine Glaubensbrüder und -schwestern gezielt töten. Denen fühlen ich mich verbunden. Da ist Gleichgültigkeit keine Option.

        Außerdem: Ich gehe in die Kirche. Mit meinen Kindern, meiner Familie, mit Menschen, die ich liebe. Im Irak wurden schon Gemeinden von Terroristen regelrecht niedergemäht.

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  2. Es gibt nur zwei Möglichkeiten damit umzugehen. Entweder ignorieren oder zu hassen! Ignorieren bedeutet, dass man teilweise seine Gesellschaftsidentität aufgibt (nach dem Motto: Was geht mich das an… ist doch fast jeden Tag so) und Hass bedeutet eine Radikalisierung.
    Der IS will einen Staat ausweiten, dem seine Bürger wegrennen. Eine Gesellschaft, die eine Konkurrenz zu diesem Staat darstellt, muss deshalb zerstört werden. Eine Radikalisierung gegen „den Islam“ führt zu einer Radikalisierung mancher Moslems und damit zum Wachsen des IS.
    Mit einer Abnahme der allgemeinen Gesellschaftsidentität ist allerdings eine Integration immer schwerer möglich. Wozu das führen kann ist ja wohl bekannt.
    Es ist eine win-win-Situation.
    Ich habe darüber länger mit einer israelischen Freundin gesprochen, die zu der Gruppe derer gehört, der der Terror gleichgültiger geworden ist. Was sie beklagt hat, ist das was wir seit einiger Zeit auch bei uns in Deutschland und in Europa sehen. In dieser Frage spaltet sich die Gesellschaft. Ein weiterer Faktor mehr, den die Gesellschaft spaltet.

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    1. Ich sehe schon etwas dazwischen. Theoretisch wäre es wahrscheinlich möglich, einen kühlen Kopf zu bewahren und solche Menschen und ihre Motive zu anaylsieren und gezielt vorzugehen. Nur erfordert das ein hohes Maß an Objektivität, das ich derzeit nicht aufbringen kann.

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  3. „Einsame Wölfe“ werden schon seit Jahren analysiert. Nur weil der Terror in Deutschland in dieser Art neu ist, heißt das nicht, daß es hierzu keine Erketnisse gibt. Nur leider zeigen einsame Wölfe keine großen Gemeinsamkeiten. Deswegen sind sie auch so effektiv. Sie sind in der Regel bis zur Tat nicht eindeutig zu erkennen.
    Die einzigen Gemeinsamkeiten sind:
    1) fastausschließlich Männer sind einsame Wölfe – es gibt nur sehr wenig Beispiele in denen Frauen Täter waren
    2) Daten aus den USA zeigen, daß diese Personen durch kriminelle Handlungen und/oder psychischen Problemen vorher aufgefallen sind. Dies schein sich in Europa zu bestätigen. Daten aus Israel kenne ich leider nicht.
    3) Intoleranz für Ideen, die nicht die eigenen sind.

    Hiernach würden wahrscheinlich gute 20% aller Männer im Raster hängen bleiben.

    Man geht davon aus, daß sich diese Männer radikalisieren und sich dann erst ihren theoretischen Überbau suchen. Es scheint, dass die gewählte Ideologie von ihrer Herkunft und/oder Sozialisation abhängt. Bisher ist man davon ausgegangen, daß besonders sozialbenachteiligte Männer einen Hang haben sich zu radikalisieren. Dies scheint aber beim IS für einige nicht zu gelten. Schon bei Al-Quida waren Männer dabei, die eben gerade nicht sozial benachteiligt waren.

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    1. Aber in dem Fall waren es ja gar keine „Schläfer“. Der eine trug sogar bereits eine elektronische Fußfessel.

      „Man geht davon aus, daß sich diese Männer radikalisieren“

      Weiß man denn, warum? Wenn der theoretische Überbau erst hinterher kommt, wäre das doch eine interessante Frage für die Präventionsarbeit.

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  4. Auch wenn es schwer fällt es ist wichtig den Hass abzulegen. Es ist Gift für einen selbst es hilft niemanden und im Bestenfall schadet man sich immer noch selbst, weil er dem eigenen Glück im Weg steht. Er hilft noch nicht mal richtig gegen schrecklichen Taten vorzugehen, weil er die Wahrnehmung beeinträchtigt und das Urteilsvermögen deutlich verschlechtert. Nur ohne Hass kann man versuchen Lösungen zu finden und solche Vorfälle vorzubeugen. Die Chancen für Gerechtigkeit sind mit Leidenschaftlosigkeit gegenüber den Täter immer am größten.

    Seinen Hass loszulassen ist übrigends etwas anderes als ihn in sich zu bekämpfen, denn das befreit einen nie wirklich davon und es besteht die Gefahr einer Überkompensation. So gab es schon Fälle bei denen Frauen praktisch ihre Vergewaltiger geschützt haben damit dies auf keinen Fall rassistisch genutzt wird. Tatsachen zu verschleiern hilft aber niemanden, solche Probleme verschwinden nicht wenn man sie ignoriert.

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      1. Das kann leider nicht wirklich erklären sondern nur vage beschreiben. Alleine die Entscheidung nicht zu hassen könnte ein guter Anfang sein ob der Rest dann folgt weiß ich jedoch nicht.

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      2. Versuch einer Antwort:

        Gegen die Angst hilft Statistik: es ist immer noch HÖCHST unwahrscheinlich, Opfer eines Terroranschlags oder Amok-Attentats zu werden.

        Die Trauer braucht ihre Zeit – bekämpft man sie nicht, sondern nimmt sich gelegentlich Zeit, sie „kommen zu lassen“ und zu spüren, lässt sie auch wieder nach.

        Gegen den Hass bracht es zunächst die bewusste entscheidung: Ich wll nicht hassen! Und es braucht das Verständnis, dass Wut eine Gefühlsalternative ist, um Trauer und das Gefühl der Ohnmacht nicht spüren zu müssen. Lässt man Trauer zu, entzieht man der Wut den Boden, die wiederum die Basis von Hass ist, wenn sie immer wieder „aufgewühlt“ wird – z.B. durch ständiges inneres Wiederholen der Wut-Auslöser.

        Hat man sich entschieden, hilft gegen den Hass auch die Befassung mit den Kontexten und Gründen des Geschehens – nicht um zu rechtfertigen (!!!), sondern um ein wenig zu verstehen, was diese ausgeflippten Täter treibt.

        Darüber hinaus hilft Disziplin: nicht an diesen Gedanken kleben, sondern selbst kreative und Freude machende Beschäftigungen pflegen, die ganz andere Gehirnareale ansprechen: Kunst, Garten, Sport, Musik…

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      3. „auch die Befassung mit den Kontexten und Gründen des Geschehens“

        Aber welche sollten denn das sein? Der Priester war, nach allem was man hört, ein toleranter weltoffener Mann, der u. a. dafür gesorgt hatte, dass vor Jahren der örtlichen Moschee Kirchengrund als Baugrund überlassen wurde. Er war 85 oder 86, ein alter, ungefährlicher Mann. Die Tat war einfach nur niederträchtig und feige und ist letztlich unerklärbar.

        „Darüber hinaus hilft Disziplin: nicht an diesen Gedanken kleben, sondern selbst kreative und Freude machende Beschäftigungen pflegen, die ganz andere Gehirnareale ansprechen: Kunst, Garten, Sport, Musik…“

        Dafür kenne ich zu viele orientalische Christen. Und deren Geschichten zeigen mir, dass so etwas oftmals nur der Anfang ist. Ich will auch nicht wegschauen und weiter nach Schema F, das tue ich schon zu oft.

        Wie es weitergeht, weiß ich noch nicht. Tatsache ist, ich habe derzeit beim Kirchgang Angst.

        Positiv fand ich, dass die örtlichen Imame sofort sehr klargestellt haben, dass so etwas ein schwerstes, inakzeptables Verbrechen ist.

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  5. Schläfer sind Menschen, die in einem Netzwerk eingebunden sind und durch Kommunikation innerhalb dieses Netzwerkes zum Terror aktiviert werden können. Einsame Wölfe kommunizieren zum größten Teil nicht oder sehr wenig in einem Netzwerk. (Den Begriff „einsamer Wolf“ benutzt man eigentlich nur bei islamistischen Einzeltätern)
    Schläfer oder organisierte Terrornetzwerke sind durch ihre Kommunikation zur Organisation identifizierbar. Einzeltäter kommunizieren eher im engen Kreis und nicht besonders auffällig.

    „Weiß man denn, warum? Wenn der theoretische Überbau erst hinterher kommt, wäre das doch eine interessante Frage für die Präventionsarbeit.“

    Es wird Gründe geben! Die kennen die Terrornetzwerke ziemlich genau und können sie gezielt nutzen.
    Ich glaube, dass in der Vergangenheit bei der Untersuchung der Motive der theoretische Überbau zu sehr im Mittelpunkt gestanden hat. Islamistischer Terror wurde nur mit islamistischen Terror verglichen, aber nicht mit rechts- oder linksradikalem Terror. Selbst beim politisch motiviertem Terror wird der Überbau zu sehr fokusiert, obwohl Links- und Rechtsradikalismus auf die gleiche Weise nur mit anderen Feindbildern funktionieren.
    Das Bundesminesterium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend hat neulich ein großes finanzielles Paket zur Bekämpfung von Rechtsradikalismus beschlossen( nicht etwas allgemeine Terrorbekämpfung). Vielleicht hätte Frau Schwesig das Geld lieber für eine Studie verwenden sollen, die die Frage untersucht, was Männer in den Terror treibt unabhängig seines Überbaus.

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    1. „Es wird Gründe geben!“

      Die scheinen aber nach bisheriger Sachlage recht unterschiedlich zu sein. Ich habe den Eindruck, vielleicht ein Gefühl der Ohnmacht, der Machtlosigkeit, des Opferseins könnte das verbindende Element sein.

      Auf welchen Studien fusst eigentlich die Aussage, die Radikalisierung würde vor dem theoretischen Überbau erfolgen?

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  6. „Furcht führt zu Wut,
    Wut führt zu Hass,
    Hass führt zu unsäglichem Leid.“

    Dieses Zitat aus „Star Wars“ (von Meister Yoda) beschreibt die derzeitige Entwicklung, nicht nur in Europa, sondern weltweit, sehr treffend.

    Jedes einzelne der Attentate der letzten Monate ist unbeschreiblich abscheulich, und diejenigen die sie ausgeführt haben, waren ausnahmslos vom Hass auf irgendeine Gruppe getrieben, die sie für ihr eigenes Leid, ihre eigene Verzweiflung, ihre eigene Unzufriedenheit verantwortlich machten.
    Ich habe aufgehört, danach zu schauen, wer wen tötet. Statt dessen stelle ich mir die wirklich wichtigen Fragen:
    – Warum sind die Sitten in der Welt in den letzten Monaten und Jahren so verroht, dass im wahllosen Töten von anderen Menschen ein Mittel zur Selbstverwirklichung oder zur Politik gesehen wird?
    – Und was können wir, was kann ich persönlich tun, dass dieser Kreis aus Gewalt und Leid durchbrochen wird?

    Noch weiß ich es nicht, aber die Beantwortung dieser Fragen entscheidet m.e. darüber, wie wir im nächsten Jahrzehnt leben werden.

    Auch der Jugoslawien-Krieg kam völlig überraschend aus nahezu heiterem Himmel.

    hataibu

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  7. „Auch der Jugoslawien-Krieg kam völlig überraschend aus nahezu heiterem Himmel.“

    Findest du? Die Volksgruppen in Ex-Jugoslawien waren doch schon sehr lange verfeindet und wurden nur mühsam von Tito zusammengehalten. Es war doch nach seinem Tod eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis die alten Konflikte neu aufflammen.

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  8. „Jemandem nicht die Hand zu geben, obwohl es kulturell üblich ist und von dem anderen als beleidigend aufgefasst werden kann, finde ich fanatisch, ja. V. a. wenn sich diese Verweigerung nur auf bestimmte Bevölkerungsgruppen bezieht.“

    Was kulturell üblich ist, bestimmt eine Gesellschaft im Laufe der Zeit selbst und es ist ständig in Veränderung. Ich komme zum Bespiel mit der Bussi Bussi Begrüßung der letzten Jahre nicht sonderlich gut klar und verweigere sie demonstativ bei Leuten, die ich vielleicht ein paar mal gesehen habe und keinen wirklichen freundschaftlichen Bezug habe. Das Küssen betrifft meiner Erfahrung nur Frauen. Ich sehe mich deswegen aber nicht als fanatisch an. Zwar küsse ich Männer ebnsowenig, aber trotzdem könnte ich mich in ein paar Jahren gegen etwas „kulturell üblich“ handeln, weil ich fremde Frauen nicht küsse aber weiterhin, wie mittlerweile dann unüblich, Männern und Frauen die Hand gebe.

    Es gibt Islamrichtungen, die eine Berührung von einer Frau mit einem Mann als Verunreinigung ansehen – und zwar von beiden-, die bedeutet, dass sich beide vor dem Gebet besonders reinigen müssen. Das ist ebenfalls so, wenn es sich um eine der eigenen Frauen handelt.
    Als kulturell üblich gilt, jedenfalls auf der arabischen Halbinsel, dass eine fremde Frau nicht berührt werden darf, was nicht zwingend etwas mit der religösen Richtung zu tun hat. Berühre ich sie als Mann, zeige ich ihr gegenüber Respektlosigkeit.

    Wie kulturelle Verhatensweisen beurteilt werden, hängt eben sehr stark davon ab, in welcher Kultur man sich gerade bewegt. Wenn man sich in fremden Kulturen bewegt, muss man seine Verhaltensweisen eben abgleichen. Das können einige besser als andere. Ich habe einen Kumpel, der im Winter nach Abu Dhabi geflogen ist. Auf seinem Handy hatte er Strandfotos seiner Freundin im Bikini. Was hat er sich aufgeregt, dass er Stress am Zoll bekommen hat. Hier würden solche Fotos keinen Zollbeamten interessieren. Keiner in Deutschland würde ihn wegen solcher Fotos moralisch verurteilen. In Abu Dhabi ist es per Gesetz verboten. Er wird das nächste Mal darauf achten, dass er solche Fotos vorher löscht, aber überzeugt war er jetzt nicht durch die Argumente der Zollbeamten.

    Ob die Unfähigkeit einer Übernahme kultureller Verhaltensweisen als Gradmesser einer Radikalisierung geeignet ist, ist eine interessante Frage. Woran will man die Unfähigkeit messen? Am Verhalten oder an der Überzeugung? Mein Kumpel wird nicht mehr mit Fotos erwischt werden- sein Verhalten hat sich geändert, seine Überzeugung, dass Strandfotos schlimm sind nicht. Das ist für ihn zu weit von seinem Verstädnis entfernt.

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    1. Ich denke, es kommt darauf an, ob man etwas tut, in dem Bewusstsein, dass es den kulturellen Gepflogenheiten eines Landes nicht entspricht UND eventuell eine schwere Beleidigung darstellen kann. Ein Beispiel: Wenn ich nach Japan fliegen würde und mich weigern würde, mich vor meinem männlichen Geschäftspartner zu verneigen (weil ich mich vor Männern nicht verneigen will – rein hypothetisch, stimmt nicht, ich würde es natürlich tun), ihm meine Hand förmlich aufzwinge, während ich mich aber vor seiner Kollegin durchaus verneige, dann käme das sicherlich fanatisch und sexistisch rüber.

      Außerdem ist und bleibt eben die Frage, was genau an einer Frauenhand so schlimm sein soll, dass man sie nicht berühren soll. Das konnte mir noch niemand erklären.

      Zum Rest: Für mich spricht es für eine intolerante Haltung, wenn man sich, wie eben der Großmufti von Ägypten, zwar verbal tolerant und friedlich äußert, die konkreten Taten aber dagegen sprechen (kein Foto mit einem Israelischstämmigen). Natürlich kann man sich zum Schein anpassen und eigentlich anders denken, aber das ist wohl tatsächlich kaum zu verhindern.

      Und: Ich kann deine Haltung teilweise nachvollziehen. Ich bin ein eher introvertierter und förmlicher Mensch und mit diesem ganzen Bussi-Bussi-Umarmungskram kann ich wenig anfangen. Ich muss jemanden schon sehr gut kennen, um das okay zu finden. Viele sind irritiert, wenn ich Ihnen stattdessen die Hand hinstrecke. Nur halte ich das bei Männern und Frauen und schlicht allen Bevölkerungsgruppen einfach gleich. Und, wenn es sein muss, wie z. B. in Spanien, wo das Kuss-Kuss-Kuss-Ding noch wesentlich ausgeprägter ist, überwinde ich mich halt.

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  9. „Wie verkommen muss man sein, einem wehrlosen alten Mann die Kehle durchzuschneiden? Der einem nichts, gar nichts getan hat. Ich kann solche Menschen nicht mehr achten. Das schaffe ich einfach nicht.“

    Diese Aussage entspricht exakt auch meinem Empfinden!

    Nur, ich weiß nicht recht, wie ich „solche Menschen“ eingrenzen soll.
    Wer sind die eigentlich, die ich hassen will?

    Muslime? – sicher nicht. Die allermeisten würden eine solche Tat als genauso verwerflich empfinden, wie du und ich.

    Radikale Islamisten? – Sicherlich ja! – Aber wie erkenne ich die? – Und, wie man an München sieht, sind sie nicht die einzigen, die Abscheulichkeiten begehen.

    Hass verlangt ein Ziel. Und die Gefahr ist groß, dieses Ziel zu weit zu fassen, in die falsche Richtung zu schauen und, unabhängig davon, sich selbst zu verlieren.

    „Die Volksgruppen in Ex-Jugoslawien waren doch schon sehr lange verfeindet und wurden nur mühsam von Tito zusammengehalten. Es war doch nach seinem Tod eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis die alten Konflikte neu aufflammen.“

    Manchmal habe ich den Eindruck, bei uns ist das genauso. Ich verstehe diese Nazis aus dem Osten, diese Salafisten, diese Pegida-Anhänger, diese Erdogan-Anhänger, diese Autonomen Linken genauso wenig, wie ich die verstehe, die meinen, das Aufkündigen der europäischen Wertegemeinschaft würde uns vor irgend etwas retten. Und ich habe Angst vor dem, was alle diese Gruppen machen könnten.
    Ich persönlich kann jugoslawische Verhältnisse hierzulande derzeit nicht zweifelsfrei ausschließen. Und das ängstigt mich zu Tode.

    Die einzige Strategie , die mir im Moment dazu einfällt, ist Beten. Möge Gott uns die Kraft geben, das Schlimmste zu verhindern!

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    1. Ja, die Gefahr eines Bürgerkrieges besteht natürlich immer. Ich sehe es derzeit nicht so kritisch wie Du, aber ich sehe auch große Spannungen. Im Dialog bleiben halte ich darum für sehr wichtig. Wenn man sich abschottet, hat man kein Korrektiv mehr.

      Die US-amerikanische Gesellschaft ist, so zumindest mein Eindruck, derzeit in weit größerer Gefahr in bürgerkriegsähnliche Zustände abzudriften, eben weil es so viele recht strikt getrennte Bevölkerungsgruppen gibt. Aber etwas in die Richtung sehe ich auch hier.

      Wie ich das Eingrenzen soll, weiß ich übrigens auch nicht. Man wird auch immer wieder überrascht. Ich hatte mal eine Freundin aus Marokko, eine sehr westlich orientierte junge Frau mit einem deutschen Freund. Auf einmal überraschte sie mich mit der steilen These „So wie Bin Laden den Islam versteht, so wäre es eigentlich richtig. So müsste man eigentlich leben. Nur schaffe ich das nicht.“ Hätte ich nie von ihr erwartet.

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    2. Dein Joda-Zitat halte ich für nicht angemessen. Hass und Gewalt bekämpft man mit Mut und Gewalt. Gewalttäter stoppt man nicht mit Gebeten und frommen Reden. Wer den Krieg will, wird sich nicht durch Worte stoppen lassen.
      Wäre ich Moslem, ich würde schnell das Weite suchen, denn diese Leute werden, wenn de Terror zunimmt, bald zu den gefährdeten Menschen gehören.
      Ich will Frieden, die wollen Krieg und ich kann sie nicht unterscheiden. Und meine Leute sind mir näher. Es wird nicht schön werden, leider.

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      1. Naja, es ist aber schon zu bedenken, dass man im Hass oft nicht mehr unterscheidet und auch Leute trifft, die unschuldig an der Situation sind, damit dann wieder Gegenhass und Gegengewalt erzeugt. Andererseits sehe ich ein entschlossenes Vorgehen gegen Gewalttäter und Fundamentalisten durchaus als wichtig an. Ich verstehe z. B. nicht, warum diejenigen, die in den IS-Akten genannt wurden, alle immer noch auf freiem Fuße sind.Zumindest ist das mein letzter Stand.

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      2. Wieso hältst du das Joda-Zitat nicht für angemessen? Es sagt ja keineswegs, dass man nicht kämpfen soll. Im Gegenteil: Man soll seine Furcht überwinden und sich vom Hass befreien, dann ist man bereit für den Kampf gegen das Böse.

        Frieden kann nur gelingen, wenn alle die ihn wollen, zusammenhalten. Wenn du die wahren Feinde nicht erkennst, und stattdessen gegen ebenfalls friedliebende Menschen vorgehst, säst du neuen Hass und machst dich mitschuldig.

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    1. Danke der Nachfrage. Ich bin auf jeden Fall noch nicht zur islamophoben Fundamentalistin geworden, die alle umnieten will :-). Entschuldigung, doofer Witz, aber Humor hilft auch. Darum jetzt im Ernst: Angst habe ich nicht mehr so sehr, die Tat an sich erschreckt mich aber immer noch sehr. V. a. da der Priester auch noch ein sehr weltoffener Mann war, der ja z. B. dafür gesorgt hatte, dass die dortige Moschee Kirchengrund als Baugrund zur Verfügung gestellt bekommt. Andererseits hat mir sehr geholfen, dass die Imame der Gegend sehr deutlich gemacht haben, wie verabscheuungswürdig das war. Das fand ich ein klares Zeichen und sehr gut.

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