Schulmedizin – warum ich Menschen verstehen kann, die lieber zum Heilpraktiker gehen

Nachdem ich in letzter Zeit selbst eine gesundheitlich schwierige Situation hatte und noch zwei ältere Verwandte begleitet habe, ist mir, ganz ehrlich Angst und Bange geworden.

Meine ersten Krankenhauserfahrungen habe ich, als selbst noch minderjährige Praktikantin im Krankenhaus gemacht. Die Station damals, eine Kinderstation, war vergleichsweise gut. Aber einmal kam es zu folgender Situation: Ich sollte ein kleines Kind, 5 Jahre alt, zur HNO-Ärztin begleiten. Ich versuchte, es zu beruhigen, freundlich mit ihm zu sprechen. Hat auch geklappt. Bis die HNO-Ärztin kam. Sie schnauzte das Kind gleich als erstes an. Es hatte Angst vor der Untersuchung. Von ihr keine freundliche Zuwendung, kein gutes Wort. Stattdessen zu mir ein barsches „Halten Sie fest! So kann ich nicht arbeiten. Nicht anstellen!“. Heute weiß ich, ich hätte mich weigern müssen. Damals leider versuchte ich, zu tun, was von mir verlangt wird und das vor Panik schreiende und sich windende Kind auf meinem Schoß festzuhalten und dessen Kopf so zu drehen, dass die Ärztin untersuchen kann (begleitet von ihrem andauernden Geschimpfe über das Kind und mich). Vermutlich wurde es traumatisiert.

Bei meiner zweiten Geburt schrie mich mitten in den Presswehen eine blutjunge, sichtbar völlig überforderte Ärztin an, ich solle jetzt „gefälligst mal still halten“. Sie müsse nun diese Nadel setzen. Still halten in den Presswehen?

Eben jetzt wurde ich an diese Situationen wieder erinnert. Ich habe bei Ärzten und in Krankenhäusern so viele Dinge erlebt, die unmenschlich, kalt und grausam sind. Eine ältere Patientin, die sichtbar Angst vor Spritzen hatte, wurde neben mir barsch zurechtgewiesen wie ein kleines Kind, dann festgehalten und der zitternden Frau einfach zwei Nadeln gesetzt.

Eine alte demente Verwandte in den Kernspin geschoben. Vermutlich dachte sie, sie solle lebendig begraben werden. Die Angehörigen von dem Arzt angeherrscht, der dementen Person die Lage zu vermitteln wäre ja nun „ihr Problem“.

Beruhigende, freundliche Worte vor Operationen? Im Ausnahmefall.

Ja, natürlich, man findet freundliche, verständnisvolles Pflegepersonal und Ärzte. Aber sie zu finden ist Glück. Es ist eben gerade nicht sytemimmanent.

Offenbar gibt es keine oder kaum Ausbildung zum Umgang mit Patienten. Wie man sie beruhigt und ihnen Sicherheit vermittelt.

Und das ist fatal. Denn gerade wenn man krank ist und Angst hat, ist man verwundbar wie nie im Leben.

Was ich erlebt habe, hat den Ausdruck „Maschinenmedizin“ absolut verdient. Nicht nur, weil andauernd irgendwelche Maschinen, oft fast unerklärt zum Einsatz kamen. Sondern auch, weil viele der Pflegenden und Ärzte ganz sichtbar „ein Programm“ abgespult haben. Selten wurde hinterfragt, ob das jetzt überhaupt noch sinnvoll ist. Ob man einer schwerkranken Person jetzt diese quälende Untersuchung wirklich noch zumuten muss. Stattdessen Überforderung und Kälte allerorten. Und Angst ganz offenbar. Einmal erklärte uns ein jüngerer Arzt, wäre es seine Verwandte, er würde diese „Tortur“ niemals genehmigen. Das hätten wir aber bitte nicht von ihm. Er wolle keinen Ärger.

Dazu kommt noch die vielfach völlig unmenschliche, kalte Atmosphäre in vielen Krankenhäusern. Klar, man könnte jetzt sagen „ist doch in dieser Situation wirklich egal!“ Wirklich? Ich kann versichern, es gibt fast nichts Schlimmeres als in einem sterilen Krankenzimmer eine weiß geflieste Wand anzustarren, während man an einem Tropf und drei piependen Geräten hängt, eine gelangweilte Schwester alle 20 Minuten mal reinschaut und aus dem Nebenzimmer die Schreie der offenbar völlig verängstigten dementen älteren Dame im Ohr klingen. Das hat ziemlich viel mit meiner Vorstellung von Hölle zu tun. Und nun bin ich ja noch vergleichsweise jung und gesund. Wie mag es erst schwerkranken oder dementen Menschen gehen? Warum bitte kann man Krankenhäuser nicht ein wenig schöner und anprechender gestalten? Mehr an die Bedürfnisse der Patienten angepasst? Ist das so viel verlangt?

Ist es wirklich so viel verlangt, Ärzte und Pflegepersonal zu schulen, so dass sie nicht nur diagnostizieren können, operieren, Nadeln setzen, Blut abnehmen, sondern auch wissen, wie man mit kranken Menschen umgeht? Mit alten Menschen, dementen Menschen?

Ich verstehe jetzt wirklich jeden, der lieber zum Heilpraktiker geht als zum Arzt. Ich verstehe jede Frau, die ihre Kinder lieber im Geburtshaus bekommt als im Krankenhaus (und die Abteilungen sind im Vergleich noch top menschlich). Es ist seit langem bekannt, dass es einen wesentlichen Anteil am Genesungaprozess hat, ob sich der Patient sicher und halbwegs wohl fühlt. Das bieten weder die meisten Arztpraxen noch die meisten Krankenhäuser. Stattdessen verstört und verängstigt man die Patienten noch zusätzlich.

Advertisements

10 Gedanken zu “Schulmedizin – warum ich Menschen verstehen kann, die lieber zum Heilpraktiker gehen

  1. Du bringst ein Element nicht in Ansatz: Massenmedizin (Maschinenmedizin ist ein Symptom, ein Teil der Erscheinungsform). Das ist verbunden mit Effektivität, und Rationalisierung. Zu beachten ist dabei, dass Empathie endlich ist, oft auch der Vernunft im Weg steht. Ich kann deine Besorgnis nachvollziehen, und finde die Gefühle auch für mich wieder. Nichtsdestoweniger halte ich es für wahrscheinlich, dass der Kern nicht in magelndem Training liegt, sondern dass es hier um die Grenzen menschlicher Natur geht. Erschöpfung, und Selbstschutz. Sowie um Wirtschaftlichkeit, Ressourcenknappheit (darunter fallen im Menschlichen Zuneigung, Aufmerksamkeit, Sorge, Empfindsamkeit, usf.).

    Gefällt mir

  2. Da ich ein Fan von Eckhard von Hirschhausen bin, stimme ich ihm zu diesem Thema auch zu: es ist nicht nötig, sich FÜR die eine und GEGEN die andere Seite zu entscheiden. Jeder muss sich das mitnehmen was ihm gut tut. Wer sich beim Heilpraktiker „ganzheitlich“ besser verstanden fühlt, soll hingehen, und wer auf Homöopathie schwört, soll sie nutzen, keine Frage.

    ABER: es gibt Dinge, bei denen man aus gutem Grund besser der klassischen medizinischen Forschung vertraut und keiner alternativen Scharlatanerie. Wer behauptet, Operationen und Chemo seien unnötig und er könne durch handauflegen, pendeln oder mit Klangschalen-Therapie einen Tumor bekämpfen, tötet Menschen.

    Gefällt mir

    1. Die Sache ist die, dass man die klassische Schulmedizin ja auch anders gestalten könnte. Was viele am Heilpraktiker lieben, ist die Tatsache, dass ihnen dort zugehört wird, keine Angst gemacht und die Atmosphäre eine ganz andere ist. Dass auf die Menschen zugegangen wird. Es ist ja nun kein Ding der Unmöglichkeit, diese für den Heilungsprozess durchaus wichtigen Faktoren auch in die klassische Schulmedizin einzubauen. Aber im derzeitigen System ist Menschlichkeit ein Glücksfall und eben nicht Teil des Systems.

      Gefällt mir

  3. Im selben Maße wie man ein Krankenhaus als verstörend empfindet, sollte man sein Zuhause schätzen. Danke Ladies, home-makers. — Auch lässt sich der Wert von Familie ablesen. Der Staat kann einem keine Menschen bereitstellen, die einen lieben, und die einen in allen Dingen beschützen. Könnte er es, wäre Zuneigung nichts besonderes.

    Gefällt mir

  4. „Sondern auch, weil viele der Pflegenden und Ärzte ganz sichtbar “ein Programm” abgespult haben. Selten wurde hinterfragt, ob das jetzt überhaupt noch sinnvoll ist.“

    Kürzlich hatte ich ein MRT, wurde in die Röhre geschoben. Im zuvor auszufüllenden Formular konnte man Klaustrophobie angeben, wofür ein Beruhigungsmittel angeboten wurde. Auch die ausführende Person fragte nochmal nach.
    Was mich daran stört und wundert: Ja, ich habe Ängste in einer engen Röhre – aber nur, wenn ich mir die auch ansehe. Ich schließe einfach die Augen schon beim Reinschieben und öffne sie erst wieder, wenn ich wieder draußen bin – so einfach! Unterstützen könnte man das, indem statt einem Beruhigungsmittel eine Schlafmaske angeboten wird, damit man nicht „aus Angst“ doch die Augen öffnet. Statt dessen gibts ein Pharma-Mittel = mit Kanonen auf Spatzen geschossen!

    Das ist nur ein marginales Detail, steht aber für vieles, was im Medizinsektor stattfindet. Maschinen und Pillen gibts, aber selten Zuwendung und einfaches vernünftiges (und kostengünstiges!) verhalten.

    Gefällt mir

    1. Das Problem war. Die Person ist dement, hatte große Angst und alles was von ärztlicher Seite geschah, war die Angehörigen anzupflaumen, dass die Person ruhigzustellen und ihr das zu vermitteln ja schließlich das Problem der Angehörigen wäre. Beruhigung? Fehlanzeige. Das fand ich wirklich extrem.

      Gefällt mir

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.