Rebell Gottes – Der heilige Martin von Tours

Der heilige Martin ist mittlerweile die Verkörperung einer recht betulichen Vorstellung von Nächstenliebe. Irgendwie diffus findet man ihn sympathisch, diesen Mann, der da in einer bitterkalten Winternacht seinen Mantel mit einem Bettler geteilt hat. Schön darzustellen, ein Almosengeber, nett, ungefährlich, sympathisch.

Nur war der heilige Martin weder nett noch ungefährlich. Er war vielmehr jemand, der Jesus radikal nachfolgte. Und auch Jesus selbst war, auch wenn er immer mal wieder anders dargestellt wird, kein freundlicher Mann, der ab und an „nun habt euch doch alle lieb“ lispelte. Im Gegenteil, er war wütend, er schalt und kritisierte, er begehrte gegen die Obrigkeit auf, gegen die religiösen und politischen Führer des jüdischen Volkes, die es sich allzu bequem gemacht hatten in ihrer kleinen Welt, die zwar auf die punktgenaue Ausübung von Ritualen pochten, aber ansonsten nicht auf den „Bodensatz“ ihres Volkes achteten sondern auf den eigenen Vorteil bedacht waren. Und das kostete ihn letztlich das Leben.


Der heilige Martin kritisierte ebenso radikal die Entwicklung in der erstarkenden Kirche des 4. Jahrhunderts nach Christus. Die Neigung zu Prunksucht und Machtmissbrauch, die zunehmende Hierachisierung: Er selbst predigte ein Leben in Armut und Demut nur vor Gott. Er, der gewählte (ja, damals wurden Bischöfe noch gewählt) Bischof von Tours provozierte seine Amtskollegen mit demonstrativer Armut. Er weigerte sich, die kostbaren Bischofsgewänder zu tragen, er geißelte die Angewohnheit vieler Kollegen, in prunkvollen Häusern zu leben. Er wollte „ganz unten“ bei den Menschen sein, selbst oder eigentlich gerade als Bischof.

Im Prinzip war bereits seine Mantelteilung eine mutige Provokation, denn was er da tat, war, als Angehöriger der Herrschenden, der römischen Armee, deren Eigentum an einen Angehörigen der Beherrschten (der ortsansässigen Bevölkerung) zu verschenken. Er verweigerte am Abend vor einer wichtigen Schlacht die Gefolgschaft und entkam nur mit Glück (oder Gottes Hilfe?) der Todesstrafe dafür.


Er unterstütze den als ersten Häretiker der kirchlichen Geschichte getöteten Bischof Priscillian von Avila, der ein Leben in strenger Askese, eine starke Beteiligung der Laien, die Gleichberechtigung der Frauen sowie die Abschaffung jeglicher Form der Sklaverei forderte. Nach dessen Hinrichtung verweigerte Martin den beteiligten Bischöfen das gemeinsame Abendmahl und verurteilte sie in mehreren Schriften scharf.


Martin war jemand, den Ungerechtigkeit rasend machte, er war wie Jesus Christus ein mutiger Mann, ein wütender Mann, jemand, der seine Ideale radikal lebte. Warum er, im Gegensatz zu Priscillian (und Jesus Christus) überlebt hat, mag der Tatsache geschuldet sein, dass er viele Anhänger und auch mächtige Freunde hatte (die hatte Priscillian allerdings auch) oder aber er hat es geschafft, auf eben der Grenze zwischen Provokation und Anpassung zu balancieren, die sein Verhalten gerade noch so eben tolerabel machte. Denn: Wenn man sich die Geschichte vieler Heiliger ansieht, gibt es wenige, die dem Bild von frommen und darum sanften Menschen entsprechen. Viele von ihnen, sind radikale Kritiker kirchlicher und weltlicher Machtstrukturen. Die Grenze zwischen Heiligem und Ketzer ist oft genug hauchdünn bis kaum vorhanden.

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2 Gedanken zu “Rebell Gottes – Der heilige Martin von Tours

  1. Wo hast Du denn das her?
    Ich hab da ein ganz anderes Bild. Ich zitiere mal Karlheinz Deschner, Kriminalgeschichte des Christentums, Band 3, Seite 517 ff:

    Der berühmte hl. Martin von Tours (gest. 397), Schutzpatron Frankreichs und Patron der Gänsezucht, der noch als Soldat einem nackten Bettler am Stadttor von Amiens seinen halben Mantel schenkte (warum nicht den ganzen?), hat als Bischof 20.000 Sklaven gehalten – wer wüsste es!
    Martin von Tours, vom Bischof Hilarius von Poitiers zum Exorzisten ernannt, vollbringt im späten 4. Jahrhundert ein Wunder nach dem anderen:
    Eine bereits fallende, vom Heidentum hochverehrte Fichte hielt Martin durch ein bloßes Kreuzeszeichen von sich ab und lenkte sie auf die andere Seite.
    Einmal befreit er eine Kuh von einem bösen Geist. Die Kuh sinkt danach aufs Knie und küsst dem Heiligen die Füße.
    Ein andres Mal lässt er eine ganze Prozession, die er für eine „Götzenprozession“ hält, versteinern, bis er seinen Irrtum erkennt und sie wieder in Bewegung setzt.
    Nachdem er gar einen Gehängten wieder lebendig gemacht hat, ist er berühmt.

    Auch einer der wildesten Heidenbekämpfer im Westen wurde Martin von Tours. Trotz heftigen Widerstands der Bauern riss er mit Hilfe einer Mönchshorde die Tempel nieder, stürzte Druidensteine und oft erbittert verteidigte heilige Eichen. „Mit den Füßen zertrat er die Altäre und die Götterbilder“ (Sulpicius Severus). Zur Vernichtung des Paganismus brachte der Glaubensheld freilich beste Voraussetzungen mit. Hatte er doch eine Laufbahn als Haudegen im römischen Heer Kaiser Julians beendet, seine christliche als Teufelsaustreiber begonnen. Bezeichnend, dass er den Teufel in Gestalt Jupiters, Merkurs und auch der Venus und Minerva zu sehen glaubte, war er ja überhaupt der festen Überzeugung, in den „Götzenbildern“ stecke Satan.

    Infolge seiner „Totenerweckungen“ wurde Martin Bischof, dann karolingischer Reichsheiliger, schließlich Schutzpatron der Franzosen; 425 Dörfer Frankreichs tragen noch heute seinen Namen, den Namen eines Brandstifters, Diebes, der noch mit den Füßen der Heiden Heiligstes ruinierte, sämtliche Tempel niederriss und zu dessen „Ehren und Erinnerung“ jährlich Millionen Gänse getötet werden.

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    1. Einerseits Sulpicius Severus, andererseits war gerade ein guter Artikel von Christian Feldmann dazu in verschiedenen Kirchenzeitungen. Dann hier „Pernoud, Régine: Martin von Tours“. Dann hier https://www.heiligenlexikon.de/BiographienM/Martin_von_Tours.htm (wobei hier steht, dass Martin Priscillian abgelehnt habe, was andere Autoren wieder verneinen).

      Und hier „http://www.deutschlandfunk.de/martin-von-tours-soldat-eremit-und-heiliger-teil-2.886.de.html?dram:article_id=302476“

      Die Sache mit den angeblichen Sklaven habe ich nie irgendwo anders gelesen als bei Deschner. Ich habe die Bücher nicht da, weißt Du, auf welche Quellen er da zurückgreift?

      Dass Martin „heidnische“ Heiligtümer zerstört hat, scheint dagegen gesichert und entspricht den kirchlichen Gepflogenheiten der Spätantike und des frühen Mittelalters. Das ändert aber nichts daran, dass er sich in durchaus radikaler Christusnachfolge übte. Martin Luther war sogar antisemitisch eingestellt (wie damals leider so viele) und befürwortete Hexenverfolgung, was aber an seinen unbestreitbaren Verdiensten nichts ändert.

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