Wer ist denn bitte heutzutage noch katholisch?

Katholisch ist mittlerweile ein Synonym für reaktionäres Gedankengut, rückwärtsgewandte Lebensweise und Intoleranz.


Leider bestätigen diverse kirchliche Würdenträger diese Vorurteile immer wieder aufs Neue, indem sie, wie gerade wieder Kardinal Robert Sarah aus Guinea, homophobe und frauenfeindliche Aussagen machen, die allerdings durchaus auch der Stimmung in ihren Herkunftsländern entsprechen (in vielen afrikanischen Staaten herrscht derzeit ein furchtbares Klima der Einschüchterung und Gewalt gegenüber homosexuellen Menschen). Und dazu kommen Menschen wie Birgit Kelle, die ihren Katholizismus als Monstranz vor sich hertragen, wenn sie Veranstaltungen wie die „Demo für alle“ organisieren und leider zu wenig Widerspruch aus katholischen Kreisen dafür ernten.


An der Amtskirche (und dem Katholizismus kellescher Prägung) könnte ich manchmal tatsächlich verzweifeln. Dann aber sehe ich auf die Gemeinden in meiner Nähe und stelle zum wiederholten Male fest, dass ich kaum so viele mitfühlende, tolerante, weltoffene, sozial und politisch engagierte sowie hilfsbereite Menschen treffe wie eben dort. Selbstverständlich finden sich auch zahlreiche konservativ-reaktionäre Einstellungen aber eben nicht nur, nicht einmal in der Mehrzahl und oft sind eben diese Menschen auch nur in Teilbereichen so eingestellt und lassen sich auch durchaus überzeugen.

Und auf der anderen Seite: Menschen, die verzweifelt sind, finden dort Hilfe, alte Menschen einen Lebensmittelpunkt, Familien Unterstützung und ganz unterschiedliche Menschen eine gelebte Gemeinschaft.


Das alles trifft auch auf die evangelischen-lutherischen Kirchen zu, die ich kenne. Nun bin ich aber katholisch sozialisiert und die sehr nüchterne evangelische Herangehensweise an den Glauben, die das Wort in den Mittelpunkt stellt, entspricht mir nicht. Tatsächlich glaube ich an die Wandlung von Brot und Wein in Leib und Blut Jesus Christus. Darüber mag sich so mancher Leser nun amüsieren, dürft ihr gerne, es ist aber Teil meines Glaubens, den ich bitte, so zu akzeptieren.


Ich bin aufgewachsen mit Festen wie Fronleichnam, Christi Himmelfahrt, Allerheiligen und Heiligenfesten wie Sankt Martin, Nikolaus und Sankt Barbara sowie Ritualen/Sakramenten wie der Beichte oder der Krankensalbung. Alle positiv besetzt, niemals in irgendeiner Weise als Strafe oder angstmachend vermittelt.


Ich wünsche mir, was das System betrifft, vieles anders (dazu mehr am Sonntag), erlebe aber, was die Kirche an der Basis betrifft, wesentlich mehr Positives als Negatives.
Das was immer wieder fast hysterisch in der Presse als „typisch katholisch“ aufscheint, hat mit meiner Lebenswirklichkeit als Katholikin tatsächlich wenig bis nichts zu tun.

Advertisements

2 Gedanken zu “Wer ist denn bitte heutzutage noch katholisch?

  1. Hallo Margret

    Vielen Dank für diesen wunderbaren Artikel,
    Manchmal denke ich, du schreibst das nieder, was in meinem Kopf herumschwirrt, und das ich selbst nicht formulieren kann.

    Genau so, wie du es beschreibst, erlebe ich es auch in unserer Kirchengemeinde. Das ist auch der Grund, weshalb ich, der ich mich nicht wirklich als Christ bezeichnen mag, da ich mindestens 50% des Glaubensbekenntnisses nicht mittragen kann, immer noch und sehr gerne in der Gemeinde mitarbeite und mich zugehörig fühle.
    Theologische Feinheiten und von Intoleranz und Starrsinn geprägte Aussagen mancher Kirchen-Oberen haben eben keine Bedeutung im Gemeindealltag. Dort geht es in erster Linie um Mitgefühl und Hilfe für diejenigen, die sie gerade benötigen.

    Was die Wandlung angeht, sehe ich das vielleicht ein wenig symbolischer als du. Dass jedoch der Moment, an dem sich alle in der Gemeinde an den Händen fassen, das Vaterunser beten und anschließend untereinander den Friedensgruß geben, ein Erhebender, ja alles Verändernder ist, steht auch für mich außer Zweifel.

    Auch wenn ich nicht alles glaube, was das Credo sagt; Ich glaube an die katholische (allumfassende) Kirche. Nicht im Sinne von Institution, sondern im Sinne von Gemeinschaft aller, die für Frieden und Ausgleich stehen.

    Liebe Grüße
    Michael

    Gefällt mir

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.